Sportsfreund Lötzsch kommt zurück an den Sachsenring

Das größte Radfahrer-Talent der DDR sitzt am Sonntag bei den Deutschen Meisterschaften in Hohenstein-Ernstthal in einem Materialwagen. Seine Geschichte lässt einen nicht los.

Hohenstein-Ernstthal/Chemnitz.

Vermutlich wäre er nicht ganz so berühmt geworden wie Eddy Merckx, den alle "den Kannibalen" nannten, weil er nicht bereit war, auch anderen einmal den Sieg zu überlassen. Der Belgier gilt als der größte Radrennfahrer aller Zeiten. Aber Wolfgang Lötzsch aus Chemnitz galt als das größte Talent im DDR-Straßenradsport. Als Erster hatte der junge Karl-Marx-Städter bessere Werte bei Leistungstests als die große Legende Gustav Adolf Schur. Selbstbewusst sagt Lötzsch heute, inzwischen 62-jährig, er hätte das Zeug dazu gehabt, bei der Tour de France mitzufahren. Vielleicht sogar ganz vorn. Daraus wurde nichts. Hinter dem Schicksal des Radfahrers Lötzsch steckt eines der größten Dramen, die uns der Sport im sogenannten Arbeiter- und Bauernstaat hinterlassen hat.

Wolfgang Lötzsch kommt am Wochenende gleich zweimal in unsere Gegend. Am Freitagabend ist er Gast bei einer Gesprächsrunde mit bekannten Sportlern in Gersdorf innerhalb der 850-Jahr-Feier in dem Ort. Am Sonntag ist Lötzsch bei den Deutschen Meisterschaften im Straßenradsport in Hohenstein-Ernstthal dabei. Er wird bei dem Rennen rund um den Sachsenring den neutralen Materialwagen fahren, der im Defektfall jenen Aktiven zur Verfügung steht, deren eigener gerade nicht in der Nähe ist. Übertrieben gesagt, könnte Lötzsch manche Passagen auf der Strecke mit geschlossenen Augen fahren. Denn er war oft genug auf dem Sachsenring bei Meisterschaften als Rennfahrer dabei und ist dort sogar als Jugendfahrer einmal DDR-Meister geworden.


"Ich komme gerade von einer 120-Kilometer-Tour", sagte Lötzsch am Mittwochnachmittag bei einem Treffen in seinem Garten. Über Lötzsch heute etwas zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe über ihn. Das Problem liegt ganz einfach darin, dass über den Rennfahrer wohl schon alles geschrieben und erzählt wurde, was es zu schreiben oder zu erzählen gibt. Es existiert sogar ein spannendes Buch über ihn, das im Jahre 2004 erschien und "Sportsfreund Lötzsch" heißt. Geschrieben hat es der Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde", Philipp Köster. Es gibt einen beeindruckenden Dokumentarfilm über die Karriere und das Schicksal von Lötzsch. Er war bei unzähligen Talk-Shows dabei. Im Grunde ist der Fall Lötzsch auserzählt.

Aber seine Geschichte lässt einen nicht los - und natürlich gibt es immer wieder mal ein neues Detail. "Vor ein paar Wochen habe ich Wolf Biermann in Chemnitz vom Bahnhof abgeholt, als er zu einer Buchvorstellung wollte. Der Liedermacher hatte irgendwann den Film über mich gesehen und sich meine Telefonnummer besorgt. Uns verbinde etwas, sagte er dann zu mir", erzählt Lötzsch. Beide galten in der DDR als Dissidenten. Während Biermann im Westen landete, musste Lötzsch aus politischen Gründen ins Gefängnis.

Aus dem SC Karl-Marx-Stadt war das Super-Talent längst herausgeflogen. Er durfte nur noch für die viel weniger geförderten Betriebssportgemeinschaften fahren. Trotzdem gewann er 1983 gegen die DDR-Elitefahrer "Rund um Berlin", den ältesten deutschen Klassiker. "Was mich immer wieder angetrieben hat? Das war Trotz und vielleicht auch die Hoffnung, dass ich vielleicht doch wieder in einem der großen Klubs fahren darf", erzählt er. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Im Sommer 1989 wurde Lötzsch auf dem Sachsenring bei den DDR-Meisterschaften Elfter. Aber noch vor den Fahrern des SC Karl-Marx-Stadt.

Um die Gesundheit des Fahrers ist es nicht mehr ganz so gut bestellt. Vor vier Jahren war seine Herzleistung auf 20 Prozent gesunken, es wurde ihm ein Defibrillator gesetzt. "Jetzt ist die Herzleistung wohl so bei 60 Prozent. Warum ich trotzdem immer noch so viel mit dem Rad fahre?", fragt er. Weil er sich wohl fühlt, gibt er die Antwort gleich selbst. Und da sei ihm egal, was die Ärzte sagen. So kennt man Lötzsch.

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