Stadtmuseum am Scheideweg

Was aus der Einrichtung wird, ist unklar. Doch nun will Lichtenstein Tatsachen schaffen - und den Ratskeller verkaufen, wo das Museum untergebracht ist. Ist das voreilig? Eine Analyse.

Lichtenstein.

Der Raum ist Lichtenstein im Mosaik, jedes Ausstellungsstück eine Facette der Stadt. Sanftes Licht streichelt Holzbalken und Ausstellungsstücke. Anne-Sophie Berner huscht vom Bereich über die Schlossgeschichte zu den Textilien, den Vereinen und in den Raum, der dem Zoologen Karl-Max Schneider gewidmet ist. Viel Zeit hat sie nicht, aber es sind auch jeweils nur ein paar Schritte. Im ersten Stock des alten Rathauses drängt sich die Dauerausstellung des Stadtmuseums auf vielleicht 120 Quadratmeter. Berner seufzt. "Es gäbe unheimlich viel zu erzählen", sagt sie. "Ich würde so wahnsinnig gern neu konzipieren." Doch mehr Platz ist nicht hinter der Fachwerkfassade über dem alten Ratskeller. Und Platz ist nicht das einzige Problem. Das Museum steht am Scheideweg.

Lichtenstein muss sparen, wird durch ein Haushaltsstrukturkonzept in ein Finanzkorsett gepresst. Eigentlich, das betont Bürgermeister Thomas Nordheim (Freie Wähler) immer wieder, hätte er das Museum schließen können, zumindest vorübergehend. Ist nicht geschehen. Eine eigenständige Einrichtung könne es aber, so Nordheim, wohl nicht bleiben. Bevor es eine Lösung gibt, will die Stadt Tatsachen schaffen: Der Ratskeller und die beiden benachbarten Fachwerkhäuser sollen an eine Brandenburger IT-Firma verkauft werden, für reichlich 1 Million Euro. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten. Ende Mai muss noch der Stadtrat zustimmen. Doch ist das nicht etwas voreilig?


Ortswechsel. Es ist Mittwochnachmittag, Patrick Bochmanns Praxis bleibt geschlossen. In seinem Behandlungsraum hat der Lichtensteiner Allgemeinmediziner einen Korb voll alter Papiere stehen: Was seine Patienten so finden auf den Dachböden, bringen sie ihrem Doktor mit, denn der ist auch Vorsitzender des Geschichtsvereins. Neben Bochmann sitzt Konrad Geithner, Vorsitzender vom Freundeskreis des Stadtmuseums. Die beiden Vereine arbeiten eng zusammen, betreiben das Museum im Ehrenamt, seit fast zwei Jahren. Seit Anne-Sophie Berner auf dem Papier nur noch das Daetz-Centrum leitet, um Kosten zu sparen.

Geht es nach der Stadt, wandert das Museum aus der Innenstadt auf den Berg: ins Palais, wo mit dem Daetz-Centrum ein weiteres Lichtensteiner Sorgenkind mit ungewisser Zukunft thront. "Museum im Palais" heißt das Projekt, das es bisher nur auf dem Papier gibt. Die Holzskulpturenausstellung von Stifter Peter Daetz müsste sich dafür verkleinern, Platz machen für das Stadtmuseum. Auch der Stadtrat steht hinter den Plänen. Nur: Der 88-jährige Stifter Peter Daetz hält wenig davon. Die Angelegenheit ist vor Gericht anhängig. Zwei Mediationstermine sind ohne Ergebnis verlaufen. Spätestens nach dem dritten Ende Mai geht der Fall zurück ans Verwaltungsgericht. Das, so hoffen manche in Lichtenstein, würde im Sinne der Stadt entscheiden. Doch selbst wenn: Vielleicht folgt dann die nächste Instanz. Als letzter Schritt bliebe die Räumungsklage, deutet der Bürgermeister an. Auch die würde sich über Jahre strecken - abgesehen davon, dass es äußerst unschön für alle Seiten wäre, würde die Stadt ihren Ehrenbürger Peter Daetz aus dem Haus kehren. Zur ohnehin komplizieren Gemengelage kommt: Auch Mario Schreckenbach, Besitzer des benachbarten Schlosses, interessiert sich für das Palais, als Bettenhaus für sein geplante Schlosshotel. Bisher ist allerdings unklar, ob das mit den Auflagen vereinbar wäre, die an die millionenschwere Förderung des Palais-Ensembles geknüpft sind.

Während auf dem Berg also alles unklar ist, fürchten unten in der Stadt die ehrenamtlichen Historiker um das, was sie in den letzten Jahrzehnten erreicht haben. Schon einmal musste das Stadtmuseum schließen, erinnert Konrad Geithner: 1971, weil es das DDR-Regime so wollte. Die Exponate verschwanden bis zur Wende auf Dachböden. "Wir beseitigen immer noch Taubendreck", sagt Geithner.

Dem Eindruck der Ehrenamtler, die Stadt habe kein Interesse mehr am Museum, widerspricht Nordheim entschieden. Und nein: Es sei nicht voreilig, den alten Ratskeller zu verkaufen. Der Leerstand belaste die Städtische Wohnungsgenossenschaft. Und: "Die Stadt will die geplante Gewerbeansiedlung unterstützen." Der Investor sei bereit, dem Museum ein dauerhaftes Mietrecht einzuräumen - und die Option, die Ausstellungsfläche auf das Erdgeschoss auszudehnen, sollten sich Stadt und Stadtrat doch für den Standort entscheiden.

Auf Letzteres hoffen die Unterstützer des Stadtmuseums: Platz, und Planungssicherheit. Dann könnte auch alles andere in Angriff genommen werden. Ein neues Konzept, ein Umbau - denn die Ausstellung müsste zwingend behindertengerecht werden. "Ein Museum," sagt Anne-Sophie Berner eindringlich, "lebt nur, wenn was passiert."

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Moderator
    15.05.2019

    @1250723: Danke für Ihre Zuschrift. Ja, es sind noch Ergänzungen geplant. In dem Artikel ging es in allererster Linie um das Stadtmuseum und dessen Zukunft. Die Thematik um das Daetz-Centrum konnte innerhalb dieses Kontextes nur angerissen werden. Alle im Artikel genannten Informationen zum Daetz-Centrum sind bereits bekannt. Das zu vertiefen, hätte an dieser Stelle den Rahmen gesprengt. Wir können aber dazu gern Kontakt miteinander aufnehmen. Ulrike Abraham

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    1250723
    14.05.2019

    Sehr geehrte Frau Abraham,
    guter Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass alle erwähnten Personen Stellung zum Sachverhalt nehmen können. Dieses vermisst man leider in Ihrem Artikel. So bekommen die Bürger der Stadt Lichtenstein wieder einmal ein falsches Bild vom Daetz-Centrum vermittelt. Es ist zu hoffen, dass diesem Artikel eine Richtigstellung bzw. Ergänzung folgt.



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