"Um ein Haar gäbe es mich nicht"

Künstler Klaus Kux über die Schrecken des Krieges, Friemelarbeit mit Zahnstochern und darüber, warum er heute nur mit Glück auf der Welt ist

Langenchursdorf.

Wie stellt man die Toten des Ersten Weltkriegs, etwa 17 Millionen an der Zahl, in einem Kunstwerk dar? Dieser Herausforderung stellte sich Klaus Kux vor vier Jahren. Nun steht sein Werk vor der Vollendung. Andreas Klinger sprach mit dem Langenchursdorfer Künstler über seine Kunst, seine Inspiration und den Großvater.

Freie Presse: Herr Kux, Sie arbeiten seit dem 28. Juli 2014 an Ihrem Kunstwerk. Das war exakt 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Am 11. November, 100 Jahre nach Kriegsende, wollen Sie fertig sein. Schaffen Sie das?

Klaus Kux: Natürlich. Das muss so sein. Denn ich mache Prozesskunst, und die hat ein exakt definiertes Start-und Enddatum. Wenn Schluss ist, dann ist Schluss.

Aus 690.000 Zahnstochern besteht Ihr Werk jetzt, beeindruckend. Aber das Ziel, für jeden Weltkriegstoten einen Zahnstocher zu verkleben, werden Sie wohl nicht mehr erreichen.

Nein, für jeden Toten einen Zahnstocher, dafür sind es zu viele Tote. Das Doppelkreuz stellt jedoch nur eine Ebene eines Gesamtkunstwerkes dar, das ich "Sinfonie VIII - Erinnerung" genannt habe. Ohne das Internet ist dieses als Ganzes jedoch nicht begreifbar.

Wie meinen Sie das?

Das Doppelkreuz stellt eine von fünf Ebenen des Gesamtwerkes dar. Die anderen vier sind auf meiner Webseite einzusehen. So habe ich zum Beispiel mehr als 200 Gedenkstätten in ganz Europa fotografiert, die ich mit meiner Frau in den vergangenen vier Jahren besucht habe. Unter der Ebene "Bildungs-Gebiete" findet man Links zu allen erdenklichen Webseiten, die jede Facette des Krieges beleuchten.

Als Sie die vielen Gedenkstätten besuchten, was ging Ihnen durch den Kopf?

Man liest diese unendlich vielen Namen der Toten. Irgendeine Familie hatte vier Männer verloren. Das ist schon schrecklich genug. Dazu kommen diese Grabinschriften wie "Für Kaiser, Gott und Vaterland" oder "Unsere Helden". Das zeigt deutlich die ganze Manipulation und Menschenverachtung, die hinter so einem Krieg steht. Da musste ich auch an meinen Großvater denken, der im Ersten Weltkrieg kämpfte. Anstatt ihn an der Front zu verheizen, entschied man nach zwei Kriegsjahren, dass er als Fördermaschinist im Gersdorfer Kaisergrubenschacht mehr nützen würde. Eine anspruchsvolle Tätigkeit. Nur wenige bringen das. Mein Großvater war einer davon. Ein Riesenglück, um ein Haar gäbe es mich und meine Familie heute nicht.

Das Untertitel Ihres Werkes lautet "Mein Großvater hat mir vom Felde erzählt". Welchen Einfluss hatte er auf Ihr Schaffen?

Als kleiner Junge hat er mir vom Krieg erzählt - im Grunde Kindergeschichten. Da ging es etwa um die Pferde oder das Essen, manchmal auch um bettelnde französische Zivilisten. Aber kein Wort zu den Schrecken des Krieges. Als junger Erwachsener hinterfragte ich das alles. Der Erste Weltkrieg ließ mich irgendwann nicht mehr los. Mit 25 fertigte ich zahlreiche Holzschnitte über das Thema.

Wann entstand die Idee zur Sinfonie VIII?

Die Idee schwirrte mir schon lange im Kopf herum. Den Auftakt zu meinem Prozesskunstwerk stellte aber der Besuch einer durch Bombenangriffe beschädigten Sphinx-Plastik in London und einer Gedenkstätte am Windsor-Palast dar. Das war 2014. Dort fing alles an.

Und warum das Doppelkreuz aus Zahnstochern?

Die Zahnstocher erwiesen sich als praktikabler Weg, große Zahlenmengen plastisch darzustellen. Das Doppelkreuz steht für das Versagen der Religion. Im Ersten Weltkrieg kämpften Christen gegen Christen. Die Pfarrer auf beiden Seiten segneten die Soldaten anstatt das zu tun, was ihre eigentliche Aufgabe gewesen wäre: Sich für den Frieden einzusetzen und Liebe und Gewaltverzicht zu predigen.

Die Zahnstocher zu verkleben hat sicher lange gedauert.

Ach. Ich habe das nach und nach gemacht. In einer Schachtel sind 600 Zahnstocher. Die kostet einen Euro. Früher waren mal 800 drin. Der Hersteller muss mitbekommen haben, dass es hier in Langenchursdorf einen großen Absatzmarkt gibt und wollte den Gewinn steigern (lacht). Scherz beiseite. Pro Monat habe ich etwa 10.000 Zahnstocher auf das Kreuz geträufelt. Das kostete mich etwa 45 Minuten.

Das Kreuz wird im November im Lichtensteiner Museum zu sehen sein. Keine Angst, dass es den Transport nicht überlebt?

Nein, das ist alles gut zusammengeleimt. Der Bauhof wird das Kreuz abholen und nach Lichtenstein schaffen. Ich habe auch schon eine Idee, was danach passiert. Aber das möchte ich noch nicht verraten.Dieses, mein Achtes, wird mein letztes Gesamtkunstwerk sein. Ich habe damit als Künstler alles erreicht, was ich wollte. In mir kehrt nun Ruhe ein.

Der Künstler Klaus Kux ist 60 Jahre alt, er wurde in Lichtenstein geboren. Er studierte nach der Wende Lehramt in Dresden und arbeitet seit 1993 als Lehrer am Lessinggymnasium in Hohenstein-Ernstthal Mehr zu seinem Projekt:

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