Viele Meisterleistungen am alten Fachwerkhaus

Viele alte Häuser werden heute abgerissen. Ein Familienprojekt in Oberlungwitz beweist, dass es auch anders geht.

Oberlungwitz.

Rund 270 Jahre alt ist ein ehemaliges Wohnstallhaus in Oberlungwitz an der Robert-Koch-Straße. Die letzten vier Jahre in der langen Geschichte des Gebäudes brachten die größten Veränderungen. Denn da machten Sven und Lydia Flechsig zusammen mit den Schwiegereltern Eckhart und Regine Richter sowie zahlreichen Handwerkern einen echten Hingucker aus dem Gebäude, in das Sven Flechsig kürzlich mit seiner Praxis für Physiotherapie und Osteopathie eingezogen ist. Er hatte gleich zu Beginn des Umbauprojektes eine Herausforderung zu meistern. "Im Erdgeschoss habe ich knapp 70 Kubikmeter per Hand ausgegraben", erzählt Sven Flechsig. Nur so war es möglich, dass die erforderliche Raumhöhe von zweieinhalb Metern erreicht wurde. Einige Tonscherben und Mauerteile, die wahrscheinlich zum Vorgängerbau gehörten, wurden bei der aufwendigen Arbeit gefunden.

Eckhart und Regine Richter hatten das Gebäude, in dessen direkter Nachbarschaft die Beiden wohnen, Ende 2015 von Familie Nitzsche erworben. "Es war seit Jahren mein Traum, ein altes Bauernhaus wieder herzurichten", sagt der 68-Jährige, der auch noch einen ganz praktischen Aspekt sah: "Als Rentner braucht man auch sinnvolle Aufgaben und Projekte", betont er. So beschäftigte er sich dann auch wirklich intensiv mit vielen Themen rund um die Sanierung, absolvierte beispielsweise einen Lehmbaukurs und erforschte in alten Unterlagen die Geschichte des Hauses und seiner Besitzer. Bei den Bauarbeiten wurde unter anderem das Fachwerk wieder freigelegt. Es war hinter Putz oder Asbestschiefern verschwunden, die bei früheren Umbauarbeiten als praktisch angesehen wurden. Denkmalpfleger Hans-Dirk Hoppe fand mit der dendrochronologischen Untersuchung, einem Spezialverfahren zur Bestimmung des Holzalters heraus, dass das Gebäude wahrscheinlich 1748 gebaut wurde. Zudem unterstützte er das Projekt mit denkmalpflegerischen Hinweisen. Rundbögen über den kleinen Fenstern wurden neu gesetzt. Im Inneren musste von der Sauerkrautplatte bis zur Kabakwand alles Mögliche verschwinden. Unzählige weitere Arbeiten in Eigenleistung oder von Handwerkern ließen sich noch nennen. Heute sind in dem Haus wieder die originalen Balken zu sehen sowie auch neue Holzfußböden, Lehmputzwände und vieles mehr, was einen historischen Charme vermittelt. Doch nicht nur der ist entscheidend. "Diese Materialien sorgen für ein ganz anderes Raumklima", sagt Sven Flechsig. In seiner Laufbahn hat der 39-jährige Physiotherapeut eine Vielzahl von Weiterbildungen sowie ein Osteopathie- und Kinderosteopathiestudium absolviert. Der Hausumbau wurde dann zu seiner wertvollen Weiterbildung in Sachen Handwerk. Sogar einige alte Möbel wurden ganz gezielt auf Flohmärkten gesucht und anschließend in Handarbeit wieder hergerichtet.

"Die letzten Wochen vor der Eröffnung waren wirklich hart", sagt Flechsig über das arbeitsreiche Jahresende 2019. Seine Frau Lydia hielt ihm nicht nur zuhause den Rücken frei, sondern war auch intensiv am Vorhaben beteiligt. Sie arbeitet als Architektin in Oberlungwitz und plante das Familienprojekt, das dann mit viel Aufwand und Liebe zum Detail umgesetzt wurde. "Solche Projekte sind schon selten. Es zeigt aber, dass man aus fast allem etwas machen kann", sagt sie und freut sich, dass die alte Bausubstanz erhalten und einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden konnte. Interessierte können sich am 29. Februar von 10 bis 16 Uhr ein Tag der offenen Tür in dem Gebäude an der Robert-Koch-Straße 45a ein Bild davon machen.


Historie

Bereits 1608 wurde an dem heutigen Gebäudestandort ein kleines Haus errichtet, das in Ortschroniken erwähnt wird. In der Ortsansicht, die Pfarrer und Chronist Daniel Wünsch (1708 bis 1783) gezeichnet hat, ist das Gebäude bereits zu sehen. Wahrscheinlich im Jahr 1748 wurde das Haus in seiner heutigen Form gebaut. Eine Familie Nitzsche kaufte es 1865. Ein Brand auf der Südwestseite sorgte 1908 für Schäden, die größere Reparaturen nötig machten. Wahrscheinlich fehlt deshalb das Fachwerk teilweise am historischen Gemäuer. (mpf)

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