Von Hohenstein-Ernstthal in die Welt

Zwischen Heim- und Fernweh: Gebürtige Hohenstein-Ernstthaler leben heute in ganz Deutschland verteilt - sogar auf der ganzen Welt.

Kanada: Michael Simon (40) ist 2005 aus Hohenstein-Ernstthal weggezogen. Die geringen beruflichen Perspektiven in Sachsen haben ihn dazu bewogen, nach Dublin in Irland zu ziehen. "Ich wollte einfach mal was anderes sehen", sagt er. Heute lebt Michael Simon in New Brunswick im Osten Kanadas. Das Heimweh plagt ihn selten, obwohl er noch viele Freunde und Familienmitglieder in Hohenstein-Ernstthal hat. Deswegen kommt er alle zwei Jahre nach Hause, meist zu familiären Anlässen oder zum Moto GP. Die Zeit genießt er, "es ist hervorragend, alle zu treffen." Michael Simon bemerkt, dass die Stadt sich ändert, vor allem baulich. "Ich finde, es sind meist positive Veränderungen." Neben seinen Freunden vermisst der 40-Jährige vor allem das deutsche Essen. Zurückkehren will er trotzdem nicht. Den Platz und die viele Natur, die er aus der sächsischen Heimat kennt, hat Simon auch in Kanada. Allerdings: "Hier herrscht nicht so eine Ich-zuerst-Mentalität."

Mecklenburg-Vorpommern: Karla Mittelbach (65) lebt seit fünf Jahren in Nisbill in Mecklenburg-Vorpommern. "Ich habe ganz oft Heimweh", sagt sie. Sie ist zu ihrer Tochter und deren Familie gezogen. Karla Mittelbachs Leben war bewegt: Sie zog mit ihren Eltern aus Hohenstein-Ernstthal einst nach Bernsdorf, dann nach Gersdorf. Mit 18 wollte sie zurück nach Hohenstein. "Heimatgefühle sind Heimatgefühle", sagt sie. Nach der Hochzeit verließ sie die Stadt 1984 schon einmal in Richtung Mecklenburg-Vorpommern, um 1998 zurück nach Lichtenstein zu kommen - und dann wieder nach Hohenstein, bis sie ihre Arbeit hier verlor. Karla Mittelbach lacht, "ja, ich bin rumgekommen", sagt sie. Vielleicht kehrt sie nach so vielen Umzügen ja irgendwann noch einmal nach Hause zurück? "Nein", sagt sie. Sie sagt das sehr entschlossen, aber klingt traurig. Zwei- bis dreimal im Jahr kommt sie zu Besuch. "Es ist schlimm zu sehen, wie viel aus der Stadt verschwunden ist", sagt sie. Es sind vor allem die Berge, die ihr fehlen. Und der Schnee. Und was macht sie am liebsten, wenn sie die Heimat besucht? "Eierschecke essen beim Müllerbäcker", sagt sie und lacht wieder. Sie spricht gern über ihre Heimat Hohenstein-Ernstthal, das merkt man schnell.


Schleswig-Holstein: Susi Kühnel (33) hat Hohenstein-Ernstthal schon früh verlassen: Im Alter von fünf Jahren ist sie nach Bayern gezogen. Seit 2013 lebt sie in Risum-Lindholm in Nordfriesland, weil ihr Mann als Berufssoldat dorthin versetzt worden ist. Susi Kühnel arbeitet bei der Hafengesellschaft in einem Bistro und bedient Gäste auf der Fähre. Im Herzen jedenfalls ist sie Hohensteinerin geblieben. "Obwohl ich lange in Bayern war, fühle ich mich mehr als Sächsin", sagt sie. Die Bayern seien schwer zu knacken, sagt Susi Kühnel. Die Sachsen bräuchten zwar auch ein bisschen, um aufzutauen, schlössen Menschen dann aber schnell und fest ins Herz. In Nordfriesland hingegen sei man mit jedem gleich per Du. "Da muss ich mich immer erst umstellen, wenn ich in Sachsen wieder Siezen muss." Viermal im Jahr kommt Susi Kühnel nach Hohenstein-Ernstthal, um Familie und Freunde zu besuchen. "Ich bemerke viele Veränderungen, es wird einiges abgerissen", sagt sie und glaubt, dass man als Außenstehende noch mehr beobachten könne, wie sich die Stadt wandelt. Hin und wieder spürt Susi Kühnel ein Heimweh nach Hohenstein-Ernstthal, gibt sie zu. Sie weiß: Am liebsten würde sie irgendwann zurückkehren.

Schweden: Annelie Leibiger (35) ist 2001 zu ihrem Vater nach Bayern gezogen, um ihre Lehre zu machen. Nach einem Urlaub 2006 in Schweden hat sich ihr Freund 2010 entschieden, sich bei Volvo in Göteborg zu bewerben. 2011 ist Annelie Leibiger mit den beiden Kindern hinterhergezogen. Die Familie lebt in einem kleinen Haus, 50 Kilometer nördlich von Göteborg. "Manchmal besuchen wir übers Wochenende meine ehemalige Schulfreundin aus Wüstenbrand und ihren Freund aus Hohenstein, die jetzt in Norwegen wohnen", sagt sie. Auch in der Fremde versuchen die Sachsen, zusammenzuhalten. "Witzigerweise arbeitet mein Freund bei Volvo mit seinem Kumpel aus Stollberg zusammen", sagt Annelie Leibiger.

Viele ihrer Freunde und auch Familienmitglieder sind mittlerweile aus Hohenstein-Ernstthal weggezogen. Trotzdem kommt die Familie zweimal im Jahr in die alte Heimat. "Weihnachten bedeutet mir viel. Wir haben das früher mit meiner Hohensteiner Familie so schön gefeiert. Alle zusammen. Vier Kinder, Eltern, Großeltern ... Christophorikirche, danach Bescherung", sagt Annelie Leibiger. In der neuen Heimat in Schweden kommt an Weihnachten nicht so richtig Stimmung auf: "Wir haben jetzt schon ein paar Mal Weihnachten zu viert in Schweden verbracht, das macht mich aber sehr traurig." Zu dieser Zeit steigen in ihr die Sehnsucht nach heimischen Traditionen und die damit verbundenen Emotionen hoch. Wenn sie durch ihre Heimatstadt läuft, bemerkt Annelie Leibiger vieles: "Nach so langer Zeit fällt mir in der Innenstadt auf, dass es nur noch wenige schöne Einzelhändler gibt. Und: Die Leute gucken nicht gerade freundlich, haben keine Zeit. Vielleicht lag es aber auch am Wetter." Trotzdem genieße sie die Zeit jedes Mal; je näher aber der Abschied rückt, desto mehr "drückt es", sagt sie. Das Heimweh plagt sie oft, erzählt Annelie Leibiger, auch beim Interview wird sie emotional. "Meine Freunde, das Essen, das Wetter, der tolle Dialekt ..." Zufrieden sei sie aber trotzdem. Das Heimweh stillt sie mit Ostpaketen, die sie sich schicken lässt. Und wenn sie ganz weit in die Zukunft blickt, dann spürt sie: "Ich möchte gerne irgendwann in Hohenstein-Ernstthal begraben werden. Ich hänge an der Stadt."

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