Von "Ohne ein Wort Deutsch" in vier Jahren aufs Gymnasium

Eine Ukrainerin lehrt Migrantenkinder die deutsche Sprache an der Karl-May-Grundschule. Die Eltern lernen mit - indirekt.

Hohenstein-Ernstthal.

Romaniya Felsch blickt zur Tafel, in der Hand ein Stück rote Kreide, um Fehler zu berichtigen. Ihre drei Schüler schreiben emsig. - Es geht um Tiere: Giraffe, Pferd, Katze. Das klappt schon recht gut, fast ohne Fehler. Die eigentliche Lektion für Rashed, Abdulhade und Mirvan, alle drei aus Syrien, heißt heute aber: Artikel. "Der, die, das - für Nichtdeutsche ein Riesenproblem", sagt die aus der Ukraine stammende Lehrerin.

Felsch unterrichtet seit über drei Jahren DaZ-Klassen ("Deutsch als Zweitsprache") an der Karl-May-Grundschule. Finanziert wird die Stelle vom Land Sachsen, sagt Schuldirektor Lutz Krauße. Ab Februar 2016 hatte die Grundschule als erste Einrichtung in Hohenstein-Ernstthal DaZ-Klassen angeboten. 14 Schüler mit Migrationshintergrund besuchen aktuell den Unterricht. Weitere 10 sind bereits in den regulären Unterricht integriert und brauchen nur noch wenig Sprachförderung. Die Kinder mit Migrationshintergrund kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Tschetschenien und Osteuropa.

Im Unterricht gebe es keine größeren Probleme, trotz der verschiedenen Nationalitäten. "Sie verhalten sich wie andere Jungs und Mädels in ihrem Alter auch", sagt Felsch. Als Ukrainerin, die Deutsch selber einmal erlernen musste, wisse sie die grammatikalischen Tücken der Sprache gut zu vermitteln. Doch die 45-Jährige kann noch mehr. In ihrem Unterricht geht es sehr lebhaft, ja fast familiär zu. Die Erst-bis Viertklässler mögen ihre Lehrerin, die alles was sie sagt, mit reichlich Mimik und Gestik unterstreicht. Das zieht bei den Schülern. Felsch sorgt aber auch für Disziplin. Reinreden, wenn ein anderer Schüler spricht, oder Quatschen im Unterricht duldet die Lehrerin nicht. Die Erst- bis Viertklässler respektieren das und gehorchen ohne Umschweife.

Rashed, Abdulhade und Mirvan gehen seit zwei Jahren in Felschs Unterricht. Anfangs seien sie ohne ein Wort Deutsch zu sprechen gekommen, mittlerweile besuchen sie auch reguläre Englisch-, Mathe-, Werken- oder sogar Deutschstunden. Das funktioniere gut, sagt Direktor Lutz Krauße. Zwei Schüler aus Romaniya Felschs DaZ-Klassen gehen bereits aufs Gymnasium, fünf auf die Oberschule.

Dass die Kinder mit zumeist südländischem Hintergrund bereits bei ihrer Ankunft motiviert seien, liege an den Eltern, glaubt Felsch. "Sie kriegen von daheim klare Ansagen, schnell Deutsch zu lernen und Respekt vor den Lehrern zu haben." Die Eltern versprechen sich davon etwas, denn häufig würden die Kinder daheim übersetzen. "Man merkt, dass auch die Eltern immer besser deutsch sprechen", sagt Felsch.

Doch nicht nur um Sprache geht es im Unterricht. Auch so mancher Schock bleibt nicht aus. Über eine Sache sind die jungen Syrer besonders entsetzt: "Pferde kann man doch nicht schlachten und essen", stellen sie erstaunt fest, als das Thema in der Klasse aufkommt.

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