Wann war die goldene Zeit?

Immer weniger Menschen leben in Hohenstein-Ernstthal, dafür sind sie immer älter. Das scheint ein negatives Signal zu sein. Aber waren die Zeiten denn jemals besser?

Hohenstein-E..

Heute ist Weltbevölkerungstag. Am 11. Juli 1987 überschritt die Anzahl der Menschen auf dem Globus die Zahl von fünf Milliarden Bewohnern. Bis zum Jahr 2050 werden es - behaupten Prognosen der Vereinten Nationen - 9,8 Milliarden sein, fast doppelt so viele. Auch in Sachsen wuchs einst die Bevölkerung Jahr für Jahr, doch seit 1950 schrumpft sie und altert. Hohenstein-Ernstthal ist dabei keine Ausnahme. War es hier also irgendwann einmal besser als heute?

"Die demografische Entwicklung ist derzeit unsere größte Herausforderung", sagt Oberbürgermeister Lars Kluge (CDU) und blickt aus den Fenstern seines Büros. Ende des Jahres 2018 lebten 14.607 Personen in seiner Stadt. Bis zum Jahr 2030 werden es nach Schätzungen der Bertelsmann-Stiftung und des Statistischen Landesamtes gut zehn Prozent weniger sein. "Die Infrastruktur einer kompletten Stadt muss auf die Bedürfnisse älterer Bürger angepasst werden", sagt Kluge. Fahrstühle müssen gebaut, Hindernisse für Rollatoren und Rollstühle beseitigt werden. Wohnungsnot? "Wir bauen Häuser zurück", so Kluge. Trotzdem ist er zuversichtlich.


Wie es war, als sich immer mehr Einwohner in den Straßen tummelten, kann Wolfgang Hallmann erzählen. Er ist so etwas wie das wandelnde Geschichtslexikon von Hohenstein-Ernstthal. Man nennt ihm einfach eine Jahreszahl und er erzählt, wie es gewesen sein muss. Der 71-Jährige berichtet über die Ursprünge der städtischen Prosperität. Von damals, als die Schönberger Landesherren im 16. Jahrhundert Wirtschaftsförderung für den Bergbau betrieben und so auch das Weberhandwerk in die Stadt brachten. Voraussetzungen, die später den Ort zur Industriestadt werden ließen. Hallmann erzählt vom Jahr 1834, als auf sächsischem Gebiet fast 1,6 Millionen Menschen lebten, vom Jahr 1900, als es schon vier Millionen waren und von 1950 - da waren es fast 5,7 Millionen. Und er erzählt von der Gegenwart, in der weniger Menschen in Sachsen leben als vor über 100 Jahren. Wenn jemand weiß, wann es so wirklich gut lief in Hohenstein-Ernstthal, dann er. Also?

"Ein goldenes Zeitalter hat es nie gegeben", so Hallmann. Jede Zeit habe ihre Herausforderungen gehabt, auch wenn es augenscheinlich gut lief. Als in Hohenstein im 19. Jahrhundert das Weberhandwerk blühte, schufteten Kinder in den Fabriken und auf den Feldern. Im 20. Jahrhundert habe es immer wieder Phasen des Aufschwungs gegeben: In den 20er-Jahren zum Beispiel, die jedoch durch eine starke politische Polarisierung des Landes geprägt gewesen seien. Oder in der frühen Phase Hitler-Deutschlands, als die Aufrüstung einen Boom mit sich brachte, letztlich jedoch in den Krieg führte. Auch zu Zeiten der DDR habe es wirtschaftlich starke Phasen gegeben, doch auch Nachteile. In Fragen des Rechtsstaats zum Beispiel oder bei der Meinungsfreiheit. Sicher ist sich Hallmann jedoch: Wirtschaft und Bevölkerungswachstum sind zwei Seiten einer Medaille.

Dieser Meinung ist auch Oberbürgermeister Kluge - und sieht Hohenstein-Ernstthal trotz der gegenwärtigen demografischen Herausforderung auf einem guten Weg. Thema Arbeitslosigkeit? Die lag im Jahr 1998 noch bei einer Quote von 17,3 Prozent, 2008 waren es 9,5. Aktuell ist Hohenstein-Ernstthal die Stadt mit der sachsenweit geringsten Quote in Höhe von vier Prozent. Unternehmen vor Ort? "Unser Gewerbegebiet in Wüstenbrand ist voll." Verkehrswesen? Hervorragende Autobahn-Anbindung, Züge fahren nach Chemnitz und Zwickau. Bauwesen? Es gebe eine Nachfrage nach Grundstücken - leider jedoch nach anderen, als die Kommune bieten könne. "Die Leute wollen ein Häuschen mit Garten drum herum, nicht in die Innenstadt", sagt der OB. Aber das gebe die Stadtfläche nicht her. Für Kluge dennoch ein positives Signal: Menschen wollen hierher ziehen. Alles gut also?

Dass man vor Schwierigkeiten stehe, müsse man trotz allem anerkennen, so Kluge. "In einem goldenen Zeitalter leben wir wohl auch heute nicht."

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