Warum ein Mann nicht von der Kommunalpolitik lassen kann

Sozialdemokrat Dietmar Röder setzt sich seit 1989 für seinen Heimatort Wüstenbrand ein. Im Grunde genommen für einen Appel und ein Ei. Nun hat er sein Amt als Ortsvorsteher aufgegeben.

Wüstenbrand.

Es gibt sie wirklich, die Männer, die in der Politik sind, ohne auf Karriere oder Diäten aus zu sein. Sie stecken einen Großteil ihrer Freizeit in den ehrenamtlichen Job, die Aufwandsentschädigung ist eher niedrig. Einer von ihnen ist Dietmar Röder (67) aus Wüstenbrand, bodenständig, das Herz am richtigen Fleck. Seit 30 Jahren ist er in der Kommunalpolitik aktiv. Nun hat er sein Amt als Ortsvorsteher von Wüstenbrand abgegeben. Noch in diesem Monat wird er offiziell aus dieser Funktion verabschiedet. "Es ist schon etwas Wehmut dabei", sagt Dietmar Röder.

Es war die stürmische Zeit der Wendemonate 1989. Röder arbeitete als Lokschlosser im Reichsbahnausbesserungswerk in Karl-Marx-Stadt. Sein großes Vorbild war der Sozialdemokrat Helmut Schmidt; Röder trat in die in der DDR neugegründete SPD ein, die sich zum damaligen Zeitpunkt noch SDP nannte. "Diese Partei vertrat meine Interessen als Arbeiter", sagt er. Er saß in seinem Heimatort Wüstenbrand, der damals noch eigenständig war, mit am Runden Tisch. "Mir ging es damals nicht um Bananen", sagt Röder heute. "Ich wollte mich für Demokratie und Meinungsfreiheit einsetzen und dafür, dass nicht nur eine Partei in diesem Land das Sagen hat."

Dann kam das Frühjahr 1990, die Volkskammerwahl. Die SPD in der DDR erlitt eine derbe Niederlage, die Menschen in dem Land hatten sich auch ein klein wenig für die Bananen entschieden. Aber Röder saß fortan für die Sozialdemokraten im Gemeinderat. "Meine Devise lautete: Ich kann nicht nur von anderen verlangen und Forderungen stellen, ich muss auch mit anpacken und Verantwortung übernehmen", erzählt er.

Heute lacht Röder manchmal über die Ideen, die die Gemeinderäte damals hatten. Er sagt: "Wir waren alle neu und hatten keine Ahnung von Kommunalpolitik." Drei Hotels wollten sie in den kleinen Ort holen. Natürlich waren das Luftschlösser. Einmal stand als Ziel, drei oder vier Gewerbegebiete zu errichten. Heute weiß Röder, dass das eine Gewerbegebiet, das existiert und voll ausgelastet ist, einen großen Erfolg darstellt. Und es gab auch genug Rückschläge und Enttäuschungen, Kommunalpolitik ist nichts für Leute, die keine Geduld haben und schnelle Erfolge haben wollen. Der Ort konnte seine Mittelschule nicht halten, weil die Schülerzahlen rückläufig waren. Der Gemeinderat fasste den Beschluss, die Schule entgegen der Aufforderung des Landes zu halten. Aber dann sahen alle ein, dass das Projekt keinen Sinn hat. Der Freistaat hätte die Schule nicht mehr finanziert.

Kurz nachdem Wüstenbrand Ortsteil von Hohenstein-Ernstthal geworden war, wurde Röder zum Ortsvorsteher gewählt. Das war 1999. Die vielen Mühen blieben, aber es gab auch viele Erfolge. "Der Erhalt unserer Grundschule zum Beispiel", freut sich Röder. Und es gibt mehrere neue Wohngebiete. Sein Nachfolger als Ortsvorsteher, Andreas Küttner (CDU), sagt über seinen Vorgänger: "Er ist ein alter Hase mit viel Erfahrung. Ich hoffe, dass ich von ihm noch oft einen Tipp für meine Arbeit bekomme."

Dietmar Röder bleibt der Kommunalpolitik aber erhalten. Er sitzt seit Mai 2019 als einziger für die SPD im Stadtrat. "Schade, dass wir so abgestraft wurden", sagt er. "Aber ich werde meine Fahne nicht in den Wind hängen und aus Karrieregründen aus der Partei austreten. Ich bin und bleibe Sozialdemokrat."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...