Warum verliert Paul seinen Hortplatz?

Der Siebenjährige hat ADHS. Seine Mutter Doreen Winkelmann war froh, dass der Junge sich im Hort in St. Egidien gut eingelebt hatte. Jetzt der Schock für die Familie: Der Bub darf nicht weiter in die Einrichtung kommen.

St. Egidien.

Die Nachricht ließ Doreen Winkelmann fassungslos zurück: Für ihren siebenjährigen Sohn Paul, der unter der ADHS-Störung leidet, werde die Hortbetreuung im kommenden Schuljahr nicht verlängert. Das hatte die Gemeinde St. Egidien Ende Juni mitgeteilt. Begründung: Die Horteinrichtung der Kita "Kinderwelt" sei am Ende ihrer Kapazität angelangt. "Ein absoluter Schock ist das für uns gewesen", sagt die 33-jährige Mutter, die mit Ehemann Michael und den zwei Kindern Paul und Pia im Ortsteil Lobsdorf wohnt. Sofort legte die gelernte Krankenschwester Widerspruch bei der Gemeindeverwaltung ein und erhielt erneut eine Absage - mit Unterschrift von Bürgermeister Uwe Redlich (parteilos). Der Fall liegt nun beim Landratsamt in Zwickau.

Für die Familie würde die endgültige Ablehnung des Hortplatzes einen schweren Schlag bedeuten. Denn Paul, dem es aufgrund seiner Störung schwer falle, soziale Kontakte zu knüpfen und Freundschaften aufzubauen, hatte sich im vergangenen Schuljahr gut im Hort eingelebt, sagt seine Mutter: "Wir waren alle so froh, dass Paul nicht nur eine Bezugsperson unter den Erziehern finden konnte, sondern auch einen richtigen Freund." Dass ihr Sohn nun wieder aus seinem stabilen Umfeld herausgerissen werden soll, macht Winkelmann mehr als wütend. Aufgrund der Erkrankung benötige Paul gleiche Rahmenbedingungen und Bezugspersonen, um sein "bestmögliches Funktionsniveau" zu erhalten. Das habe der behandelnde Arzt mitgeteilt.

"Es macht mich auch wütend, dass wir weder von der Kita, noch von der Gemeinde erfahren haben, aus welchen Gründen gerade Paul abgelehnt worden ist", sagt Doreen Winkelmann. Dass die Festlegung von Vergabekriterien transparent und nachvollziehbar erfolgen müsse, wenn Hortplätze einer Einrichtung nicht ausreichen, heißt es auf Anfrage vom Landratsamt Zwickau. Außerdem seien der Elternrat und Gemeinderat zu beteiligen. Solche Vorzugskriterien, werden vom Träger der Horteinrichtung festgelegt und könnten laut Landratsamt etwa sein: Der Hort liegt im Wohnort, erhöhter pädagogischer Bedarf oder Geschwister, die in der selben Einrichtung betreut werden. Diese Kriterien treffen auch auf Paul zu, wie Doreen Winkelmann auch in ihrem Widerspruchsschreiben darlegte. "Ich wünsche mir von der Gemeinde St. Egidien Klarheit darüber, welche Kriterien hier angelegt wurden." Trotz mehrmaliger Anfragen haben sich bisher weder Bürgermeister Redlich noch andere Mitarbeiter der Gemeinde zu dem Fall geäußert.

Doch selbst wenn Paul einen Hortplatz außerhalb St. Egidiens erhält, ergäbe sich ein neues Problem. Da das Landesamt für Schule und Bildung bei Paul Förderbedarf festgestellt hat, geht dieser seit August 2017 auf die Förderschule in Mülsen, wo es keinen Hort gibt. Wenn sich Schule und Hort in verschiedenen Gemeinden außerhalb des Wohnortes befinden, so befürchtet seine Mutter, fiele die Schülerbeförderung weg. Das sieht die aktuelle Satzung des zuständigen Verkehrsbundes Mittelsachsen (VMS) so vor.

"Mein Mann und ich arbeiten im Schichtdienst. Paul jeden Tag zwischen daheim, der Schule und dem Hort hin und her zu fahren, wäre kaum schaffbar", sagt Doreen Winkelmann. Erschwerend käme hinzu, dass Pauls vierjährige Schwester Pia weiterhin die Kita in St. Egidien besuchen wird, dort wo auch Paul im letzten Schuljahr noch sechs Stunden pro Tag den Hort besuchte. "Der doppelte Schulweg wäre für uns eine zusätzliche Belastung."

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6Kommentare
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  • 1
    0
    cn3boj00
    04.08.2018

    Tut mir leid für die Fehler, habe im Urlaub vom Tablet geschrieben. Wir haben mit dem Jugendamt Zwickau am Ende recht gute Erfahrungen gemacht. Vielleicht sollten sich die Eltern mal dahin wenden wenn schon die Presse keine große Hilfe bietet.

  • 3
    2
    Steuerzahler
    03.08.2018

    Wenn man sich betrachtet, wie im Freistaat mit behinderten oder problematischen Kinden mit erhöhtem Förderbedarf umgegangen wird, dann kann einen tatsächlich nur die Wut packen. Fast jeder, der als Elternteil davon betroffen ist, kann mehr als ein Lied davon singen. Ja und dann wird noch großspurig (mit Jahren Verspätung) von Inklusion gesprochen, obwohl an jeder Ecke auf diesem Gebiet mit Geld geknausert wird, obwohl in anderen Bereichen das Geld mit vollen Händen verschenkt wird.

  • 3
    2
    cn3boj00
    03.08.2018

    Leider sind wie immer solchen Berichte frei von jeder Recherche oder journalistischem Tiefgsang. Wo hat der Artikelschreiber die Stellungnahme des Hortbetreibers und des Bürgermeisters geholt? Hat er sich mal mit macht Thema Inklusion beschäftigt? Was hier gemacht wird ist ungesetzlich. Vermutlich schon das Abschieben in eine Förderschule. Wir hatten ähnliche Probleme mit einem Asperger - Autisten und haben alle Regist Schulbildung er ziehen müssen, bis hin zum sächsischen Landtag und den Ministerien, bis das Gesetz umgesetzt wurde, welches eine integrative Schulbildung vorsieht.
    Kinder, die nicht "passen" werden in Sachsen immer noch am liebsten abgeschoben, der Geist der DDR ist da noch bei vielen Entscheidungsträgern da: Kinder mit psychischen Störungen sortiert man lieber aus, Inklusion ist eine leere Worthülse.

  • 2
    5
    HHCL
    03.08.2018

    "Es macht mich auch wütend, dass wir weder von der Kita, noch von der Gemeinde erfahren haben, aus welchen Gründen gerade Paul abgelehnt worden ist"

    Genau das ist doch aber üblich in der sächsischen Bildungslandschaft. Hier lebt der alte Obrigkeitsstaat weiter; 30 Jahre nach dem Ende der DDR. Es wird letztgültig entschieden, begründet wird nichts, denn die Behörde irrt sich schließlich nie. Wie hier mit Menschen umgegangen wird ist ekelerregend.

  • 8
    0
    timpaule
    03.08.2018

    ich finde es gut, dass die FP über solche Fälle berichtet, vielleicht bewegt sich ja was. Bitte haltet uns Leser über den Fall auf dem Laufenden!

  • 8
    2
    BertaH
    03.08.2018

    Eine beliebte Methode um schwierige Kinder los zu werden! Unfassbar! Aber keine Seltenheit. Statt den Kinder raum zu geben und die Erzieher weiterzubilden müssen Kinder auf andere Einrichtungen gehen. Schlimm diese Entwicklung aber auch an Schulen zu beobachten. Aufgrund von Lehrermangel etc. wird das Problem noch zunehmen. Weil es die Politiker hier im Land einen ****** Interessiert was für Kinder wirklich wichtig wäre!!!



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