Weberei mit langer Tradition

Die Paul-Zierold-Fabrik steht beim Denkmaltag in Lichtenstein im Mittelpunkt. Bis zu 400 Mitarbeiter fanden dort bereits vor dem Ersten Weltkrieg Arbeit.

Einblick in die Weberei zu DDR-Zeiten.
Auch aus dieser Zeit: Musterlager
Atelier, in dem in den 1930er-Jahren Muster entwickelt wurden.
Im April 1925 wurde die markante Brücke über die Gartenstraße (im Hintergrund) gebaut.

Von Uta Pasler

Die ehemalige Firma von Paul Zierold in der Gartenstraße in Lichtenstein steht beim diesjährigen Tag des offenen Denkmals im Fokus des Lichtensteiner Geschichtsvereins. Am Sonntag gibt es an der Gartenstraße 23 von 9 bis 16 Uhr Informationen rund um die Historie dieser alten Weberei, aber auch von den aktuellen Nutzern, der Gesellschaft Deutsche Werkstätten Lebensräume.

Vereinschef Patrick Bochmann zufolge geht es konkret um den Südbau, in dem sich die Werkstätten eingemietet haben. Zu sehen sind Teile des Kellers, der ehemalige Websaal im Erdgeschoss, der nach historischen Befunden restaurierte Treppenaufgang und das ehemalige Jacquardkartenlager im Obergeschoss. Neben Kaffee und Kuchen wird erstmals die noch druckfrische Chronik der Weberei Paul Zierold vorgestellt. Bochmann zufolge wird damit die Reihe Lichtensteiner Industriegeschichte fortgeführt.

Er selbst und Vereinsmitglied Peter Wilhelm haben auf 136 Seiten die Geschichte des Unternehmens zusammengetragen. Mehr als 200 Fotos, Bochmann zufolge größtenteils unveröffentlichte aus Privatarchiven ehemaliger Mitarbeiter, bebildern Freud und Leid des Gründers und der Firma. Die Menge an Informationen ist vor allem dem einstigen Prokuristen und Geschäftsführer Erhardt Wilhelm und dessen Sohn Peter zu verdanken, die viele Materialien vor der Vernichtung gerettet haben, sagt der Vereinsvorsitzende. Erhardt Wilhelm habe noch den Sohn des Firmengründers, Johannes Zierold, gekannt. Somit kam er an viel persönliches Material heran. Bochmann zufolge retteten beide Wilhelms zudem Produktmuster und Musterbücher der Weberei. Diese Sammlung, heute eine der bedeutsamsten Textiliensammlungen sachsenweit, werden im Lichtensteiner Stadtmuseum aufbewahrt.

Der gebürtige Callnberger Ludwig Paul Zierold (1847 bis 1914) legte 1874 den Grundstein für seine Weberei, die für Callnberger, Lichtensteiner, Umlandbewohner, aber auch für Kunden in Berlin, Österreich, Großbritannien, Türkei, Kuba, Peru, Griechenland, Niederlande, Mexiko oder Skandinavien und nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion bedeutsam werden sollte. Die Autoren beschreiben einen mutigen Mann, der wenn auch unter den damals fast üblichen extrem harten Arbeitsbedingungen vor dem Ersten Weltkrieg bis zu 400 Leute in Lohn und Brot brachte, der seine Firma nach und nach erweiterte und modernisierte und der sich vom kleinen Schal- und Halstücherweber zum "Tischdeckenkönig" entwickelte. 1913 kam der König von Sachsen höchstselbst nach Lichtenstein, um Stadtrat Zierold zum Kommerzienrat zu ernennen.

Die Firma überlebte die harten Kriegsjahre. Paul Zierolds Sohn Johannes Zierold rettete 1943 einige seiner Mitarbeiter vor der Einberufung zur Wehrmacht durch die Einmietung der in Magdeburg ansässigen Deutschen Houghton-Fabrik, die Chemikalien für die Stahlhärtung herstellte. Bochmann und Wilhelm nehmen an, dass dieser Rüstungsbetrieb Ziel der Bombe war, die 14. Februar 1945 an der Ecke Garten-Paul-Zierold-Straße einschlug.

1902 begann nach Recherchen der Autoren der Bau der heute noch existenten Fabrik an der damaligen Teichstraße (heute Böttgerstraße), im April 1925 kam die markante Brücke über die Gartenstraße hinzu, die die beiden Gebäude verbindet.

Der bis 1971 halbstaatliche Betrieb, der wegen dringend nötiger Investitionen an den VEB Möbelstoff- und Plüschwerke Hohenstein-Ernstthal verkauft wurde, existierte bis 1992. Seit 2009 gehört der Südbau dem Lichtensteiner Architekten Christoph Rabe, der das Gebäude nach historischem Vorbild sanierte.

Peter Wilhelm durfte diesen Denkmaltag und auch die Erscheinung der Chronik nicht mehr erleben. Er starb vor wenigen Tagen. Dank seiner Familiensammlung und Bochmann zufolge vieler weiterer Lichtensteiner wird die Geschichte der Lichtensteiner Weberei mit Weltruhm jedoch unvergessen bleiben. Wer die Chronik kauft (19,90 Euro), bekommt ein echtes Gefühl für die Weberei: Es gibt ein Lesezeichen mit Original-Stoffresten dazu.

Abteikirche in Oberlungwitz öffnet ihre Türen

Die evangelische Kirchgemeinde Oberlungwitz öffnet diesmal zum Denkmaltag die Abteikirche, nachdem in den vergangenen Jahren meist die Martinskirche besucht werden konnte. Die kleine Abteikirche steht an der Abteistraße/Hirschgrundstraße und wurde zwischen 1746 und 1748 im Stil einer kleinen Bauernkirche erbaut. Zuvor gab es hier eine Kapelle. Abtei war damals noch ein eigenständiger Ort, der 1890 mit Oberlungwitz vereinigt wurde.

In den 1980er-Jahren gab es Überlegungen, die Abteikirche an die katholische Kirche zu verkaufen, was aber trotz Verhandlungen nicht erfolgte. Nach der Wende wurde die Kirche aufwändig saniert und dient heute als Winterkirche der evangelischen Kirchgemeinde. Die barocke Kanzel, Reliefs mit Bibelgeschichten, die Kreuzbachorgel und weitere Ausstattungsgegenstände fallen im Innenraum ins Auge.

Geöffnet ist die Kirche am Sonntag von 10.30 bis 12 Uhr sowie von 15 bis 18 Uhr. Führungen finden 10.30 und 11.30 Uhr statt. (mpf)

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