Wem galt der Anschlag wirklich?

150.000 Euro Schaden sind durch den Brand auf der Zwickauer Gefängnisbaustelle entstanden. Auch drei Wochen danach sind noch viele Fragen offen.

Zwickau.

Baumaschinen graben die Mondlandschaft um, die früher das Gelände des Zwickauer Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) war, Baggerschaufeln wühlen im Erdreich. An der Seite erheben sich die ersten Teile der sechs Meter hohen Gefängnismauer. Dort, inmitten der Berge aus Erde, Sand und Staub, steht Jürgen Rannacher, sieht sich einen seiner Bagger an. "Den hat es schlimm erwischt", sagt einer seiner Mitarbeiter, "die ganzen Schläuche, die Hydraulik, alles war verbrannt." Ein anderer Bagger ist nur noch Schrott, er ist komplett ausgebrannt. Sechs Fahrzeuge gingen vor drei Wochen in der letzten Nacht des Zwickauer Stadtfestwochenendes in Flammen auf. 150.000 Euro Schaden. "Das waren keine Amateure", sagt Rannacher. "Das war ein gezieltes Vorgehen."

Rannacher ist Vorstand der VSTR AG aus Rodewisch im Vogtland, des mit 500 Mitarbeitern größten Bauunternehmens der Region. In Zwickau ist sein Unternehmen am Bau des umstrittenen Zwei-Länder-Gefängnisses von Sachsen und Thüringen beteiligt. 800 Haftplätze sollen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) entstehen. Das Feuer auf der Baustelle beschäftigt seit drei Wochen die Staatsanwaltschaft. Sie ermittelt wegen Brandstiftung. Alle sechs beschädigten Fahrzeuge gehören dem VSTR. Rannacher hat aber nicht nur den finanziellen Schaden. Er wird jetzt auch gefragt: Was war da los? Und: Was ist denn da mit rechten Kreisen und mit Reichsbürgern?


In einem angeblichen Bekennerschreiben übernimmt eine autonome Gruppe die Verantwortung für den Brand. Unter anderem heißt es darin, sie habe einem Bauunternehmer mit Verbindungen ins rechte Milieu schaden wollen. Die "Freie Presse" berichtet darüber, ohne den Namen der besagten Baufirma zu nennen. Gebrannt hatten aber nicht deren Geräte, sondern die der unbeteiligten Vogtländer.

"Für mich ist das eine schwierige Situation", sagt VSTR-Chef Rannacher. "Wir sind regional tätig, oft auf mehr als 70 Baustellen parallel. Wir erledigen auch viele Aufträge für die öffentliche Hand." Er und auch seine Mitarbeiter möchten nicht in den Ruf geraten, etwas mit der rechten Szene zu tun zu haben. "Was auch immer dahintersteckt", sagt Rannacher, "wahrscheinlich haben die Täter eben die Maschinen angezündet, die sie als erstes gefunden haben."

Schon wenige Stunden nach dem Feuer teilt das sächsische Finanzministerium mit, dass keine Verzögerungen auf der Baustelle entstehen werden. VSTR reagiert schnell, bringt die beschädigten Geräte in die eigene Werkstatt und schickt sie repariert zurück in den Einsatz. Der ausgebrannte Bagger ist nicht mehr zu gebrauchen und wird aus dem eigenen Maschinenpark durch einen neuen ersetzt. "Wir können so schnell handeln, weil wir die entsprechenden Ressourcen haben", sagt Rannacher. Nach anderthalb Tagen war man wieder voll einsatzfähig. An wem bleibt der Schaden hängen, bezahlt nicht die Versicherung? "Nicht unbedingt", sagt Rannacher. Versichert seien nur Fahrzeuge, die jünger als fünf Jahre sind. Bei den anderen würden sich die teuren Policen nicht lohnen.

Wenn das Bekennerschreiben echt ist, dann galt der Anschlag der Baufirma Hentschke Bau aus Bautzen. Geschäftsführer Jörg Drews ist in Bautzen umstritten, er unterstützt die AfD sowie alternative Medien. Die "Sächsische Zeitung" hat den Verbindungen von Drews eine Artikelserie gewidmet, auch überregionale Medien haben berichtet. Hentschke Bau ist zwar auch auf der Zwickauer JVA-Baustelle beteiligt, hatte aber keinen Schaden bei dem Brand erlitten. Nach dem Bekennerschreiben veröffentlicht Bautzens SPD-Oberbürgermeister eine Stellungnahme, worin er Gewalt verurteilt und Drews verteidigt. Auch die Bautzener CDU stellt sich hinter den Unternehmer. In Zwickau hingegen wird das Thema politisch nicht aufgegriffen. Nicht einmal die Bürgerinitiative (BI), die sich seit Jahren gegen den JVA-Bau in Marienthal engagiert, äußert sich dazu. "Wir haben darüber gesprochen und entschieden, dass wir uns nicht positionieren. Vor allem, solange die Hintergründe noch unklar sind", sagt Lutz Reinhold von der BI.

Rannacher, der Leidtragende des Feuers, erlebt gar nicht allzu selten, dass Betriebsmittel oder Geräte von Baustellen gestohlen werden. Auch Vandalismus komme vor. Einen Anschlag wie diesen mit einem so großen Schaden hat er aber noch nicht erlebt. Schützen könne man sich dagegen kaum. Die Täter seien recht professionell vorgegangen. "Sie haben vorgefertigte Brandsätze mit Kabelbindern an sechs unserer Maschinen angebracht", sagt er. Dass nur ein einziger Bagger völlig ausbrannte, sei pures Glück gewesen. "Für mich ist das eine völlig neue Dimension." Auch deshalb hofft er, irgendwann zu erfahren, wer wirklich für das Feuer verantwortlich ist. Ob es tatsächlich einen politischen Hintergrund gibt, ist weiter unklar. Die Ermittlungen laufen noch.

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