Wie die Heinrichsorter vor 100 Jahren Verbrechen aufklärten

Auf dem Dachboden des alten Rathauses verstaubten sie über Jahrzehnte: Nun hat Angelika Schramm die alten Akten geborgen. Und dabei auch Kurioses entdeckt.

Heinrichsort.

Raue Sitten herrschten im Heinrichsort des Jahres 1930. Folgendes gab Anna S. zu Protokoll, am 29. November: "dass sie seit einer Zeit von einer Anzahl junger Burschen belästigt werde. Wenn sie abends an ihrem Fenster säße, und Strickarbeit ausführe, so würden diese Burschen immer an ihr Fenster werfen und sie dadurch erschrecken." Und es kam noch dicker für Anna S.: Am Vorabend "hätten es die Burschen wiederum ganz toll getrieben. Mit Werfen von Bananenschalen und Straßendreck ist ihr Fenster beschmutzt worden."

Angelika Schramms Finger, der über die schwarzen Schreibmaschinenbuchstaben auf vergilbten Polizeiakte fährt, stockt. Sie blickt auf. "Waaaas", ruft sie, begeistert, entgeistert. "Die werfen mit Bananenschalen." Ja, woher sie wohl die Bananen hatten, die jungen Burschen. Vielleicht gab es Kolonialwaren, wie das damals hieß, sogar in einem Laden im Dorf. Denn davon gab es reichlich. "Fast in jedem Haus ein Gewerk", sagt Angelika Schramm. Elektromeister, Frisöre, Klempner, Schuster, mehrere Kneipen - und sogar ein Café. "Schlags Café" hieß das, und Angelika Schramm kennt es noch aus ihrer Jugend. "Wunderschön eingerichtet war das", sagt die 60-Jährige. 1974 machte es zu.


Als sie in Heinrichsort geboren wurde, in die späten 1950er hinein, gab es viele der Läden und Handwerkerstuben noch. Jahrzehnte ist das her. Heinrichsort war ein eigenständiges Dorf, das Ende der DDR nicht abzusehen. Und im Rathaus stapelten sich die Akten und setzten Staub an, wie sie das in den allermeisten Amtsstuben tun. Nach der Wende, als das Dorf nach Lichtenstein eingemeindet, das Rathaus kein richtiges Rathaus mehr war, verschwanden die Ordner auf den Dachboden - und blieben dort, bis Angelika Schramm sie barg.

Seit vielen Jahren wohnt sie in Chemnitz, für die Geschichte ihres Heimatdorfes hat sie sich aber schon als Kind interessiert. "Es hat mir immer gefallen, wenn die Alten erzählten", sagt sie. Später studierte sie Geschichte, danach Sozialpädagogik. Das Stöbern in der Vergangenheit blieb ihr Hobby: Angelika Schramm ist Mitglied im Lichtensteiner Geschichtsverein - und nun wühlt sie sich eben durch die Akten im Heinrichsorter Rathaus, die älteste aus dem Jahr 1846. Durch Krankenstatistiken, Wohnungskarteien, Gewerbeanmeldungen, Wassergebühren und eben die alten Polizeiberichte. Sie sollen bewahrt werden. "So etwas ist doch das Gedächtnis eines Ortes", sagt Angelika Schramm.

Fürs erste erfasst sie nur, was da eigentlich von Zeit und Staub auf dem Dachboden lagerte. Doch immer wieder liest sie sich fest, sagt Schramm und lacht. "Guggnse doch mal", seufzt sie hingerissen, und deutet auf schwungvoll aufs Papier gegossene Sütterlinschrift. Die Leidensgeschichte der Anna S. hingegen hat die Schreibmaschine in die Seite gehackt.

Nachdem sie mit Bananenschalen geworfen hatten, äfften die Burschen auch noch Annas Ehemann nach - und die Eingangspforte hatten sie auch noch zugebunden. Um die Angelegenheit kümmerte sich der damalige Bürger selbst, sein Name zeichnet das Protokoll. "Tjaa", sagt Schramm. "Der Bürgermeister musste sich um jeden Mist kümmern damals." Die sieben verdächtigen jungen Personen hat er wohl auch gleich noch überprüft. "Kommen nicht Frage", ist mit Bleistift hinter drei Namen notiert. Hinter drei anderen ist ein Häkchen.

Ein paar Mark Strafe mussten die Übeltäter zahlen. Genau wie der Motorradfahrer, der zu nachtschlafender Zeit in Heinrichsort hin- und herfuhr. Oder der Angetrunkene, der die Gäste in der "Krone" ungebührlich belästigte, auch noch auf dem Heimweg randalierte ...

Sie müsse immer schmunzeln, sagt Annett Richter, wenn sie in die alten Akten schaut. Die Ortsvorsteherin hat ihr Büro nebenan. Auch sie ist in Heinrichsort geboren und aufgewachsen. "Scheint mir gemütlicher gewesen, damals", sagt sie. "Ging nicht alles gleich über Anwälte und Gerichte." Obwohl das Dorf auch heute noch vieles selbst regle, sagt sie nach kurzem Nachdenken. "Innerhalb der geltenden Gesetze natürlich. Ich gehe nicht auf Streife und ermittle Verdächtige." Sie lacht laut bei dem Gedanken.

Bevor Angelika Schramm die Polizeiakte zuschlägt, blickt sie noch einmal auf die Namen der Verdächtigen. Leicht schüttelt sie den Kopf. Sie kennt die Burschen noch - als alte Herren. Einer war später der Chef ihrer Mutter. So ist es mit vielen Namen, die hier auf den vergilbten Seiten auftauchen; für Angelika Schramm sie deshalb so etwas wie das eigene Familienalbum. Ein Netz, das sich zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit spannt.

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