Wie ein Faden zur Nylonstrumpfhose wird

Mit der Wende brach ein ganzer Industriezweig in der Region weg. Damals verdienten viele Menschen mit der Produktion von Feinstrumpfhosen ihre Brötchen. Am Zeitsprungtag gab es Gelegenheit, die Erinnerung aufzufrischen.

Hohenstein-Ernstthal/Langenchursdorf/Lichtenstein.

Wissen Sie noch, wieviel in DDR-Zeiten eine Nylon-Damenstrumpfhose gekostet hat? Jutta Wagner weiß es ganz genau. Die 65-jährige Rentnerin hat bei den Feinstrumpfwerken Oberlungwitz Damenstrumpfhosen in der Endfertigung zusammengenäht. "Die billigste hat 9,50 Mark gekostet, Partieware gab es sogar ab 7 Mark", sagt sie. Erste Wahl kostete 16,50 Mark.

Beim Zeitsprungtag am Sonntag durften Besucher des Textil- und Rennsportmuseums (TRM) ihr beim Vernähen einer Strumpfhose über die Schulder schauen. Auch Frank Dietrich weiß noch: "Wir haben mal welche mit einem Goldfaden gestrickt. Die wurden im Exquisit für 44 Mark verkauft." Er hat früher bei FSO in der Strickerei gearbeitet. "Da standen in einem Saal 132 Strickmaschinen in Dreierreihen, je 44 in einer Reihe. Eine Unterhaltung in Normallautstärke war unmöglich", erinnert er sich. In einer Schicht arbeiteten damals drei Stricker, zwei Mechaniker und eine Kontrollkraft. Der 56-Jährige gehört heute zum Förderverein des TRM und greift bei Aktionstagen immer mal mit ins Geschehen ein. Dietrich werkelt gleich neben Jutta Wagner an drei Strickmaschinen. Zwei Rundstrickmaschinen "made in Czechoslovakia" vom Typ R 850 surren vor sich hin, ebenso eine italienische Kleinrundstrickmaschine vom Typ Zero, Baujahr 1987. "Du brauchst mindestens vier Fäden", erklärt Frank Dietrich. Bei einer Runde werden vier Reihen gestrickt. Wieviel Nylonfaden in einer Feinstrumpfhose verstrickt sind, hat er sich nie gefragt. "Aber das ist einfach zu ermitteln. Wir verwenden hier Nylonfaden mit 44 Gramm pro Kilometer. Also einfach mal auf die Briefwaage legen", sagt er.

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An seiner Rundstrickmaschine entsteht nur ein Teil der Strumpfhose - quasi ein Schlauch, der im Bauchbereich dicker gestrickt ist. "Heute produzieren wir mal ein Schachbrettmuster", sagt er. Für eine Strumpfhose werden zwei dieser Beine gebraucht. Nach dem Stricken sehen die Teile noch etwas schrumpelig aus, werden deshalb auf eine Metallvorrichtung aufgezogen. Diese Heißformmaschine bringt die einzelnen Strümpfe in die richtige Form. Danach sind sie schön glatt, werden nach Größen sortiert und gehen dann paarweise zur Näherin. Jutta Wagner zeigte den Besuchern, was ihre Nähmaschine kann. Die schneidet das Bauchteil des Strumpfes auf, während gleichzeitig der extra gestrickte oder aus Abfällen zugeschnittene Zwickel eingenäht wird. Eine gute Näherin hat so pro Schicht 800 bis 900 Strumpfhosen fertiggestellt, erzählt sie den Besuchern. "In unserem Saal standen 40 Maschinen, wir haben damals in zwei Schichten gearbeitet." Von dort gingen die weißen Strumpfhosen in die Färberei.

Zeitensprünge gab es auch in der Langenchursdorfer Mühle. Dort bekamen Besucher Einblicke in den Beruf des Müllers, wie er sich in Urzeiten zeigte. Das Hohenstein-Ernstthaler Karl-May-Museum weckte mit einer Sonderausstellung das Interesse am Karl-May-Museum in Radebeul, das in diesem Jahr bereits seinen 90. Geburtstag feiert.

Das Daetz-Centrum gab außerdem Einblicke in die Geschichte des Hotels "Goldener Helm". Vorträge beleuchteten auch die Zukunft des Areals, das den innerstädtischen Handel wieder ankurbeln soll.

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