Wie ein Westsachse einem Amerikaner das Leben rettete

Ralf Gimpel ließ sich 2008 in Hohenstein-Ernstthal typisieren. Die Stammzellen landeten binnen 24 Stunden in Seattle. Heute sind Spender und Empfänger enge Freunde.

Hohenstein-Ernstthal.

Es gibt sie noch, die schönen Geschichten, die das Leben schreibt. Auch wenn man manchmal gar nicht mehr so recht daran glauben mag.

Diese Geschichte spielt, wenn man so will, zu einem Teil in Sachsen und zum anderen Teil in Seattle in den USA. Ein junger Mann aus Hohenstein-Ernstthal rettet einem Amerikaner das Leben, und die beiden werden dicke Freunde. Das ist auf den ersten Blick der Stoff für einen kitschigen Roman, aber die Geschichte hat sich tatsächlich so zugetragen.

Die beiden Helden in dieser Handlung haben sich vor ein paar Tagen wieder einmal getroffen, in Hohenstein-Ernstthal diesmal, und die "Freie Presse" war bei dem Treffen dabei. Der eine heißt Ralf Gimpel, er ist 32 Jahre alt, und der andere John Filippi, ein 70-jähriger Amerikaner, der mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben wäre, wenn der junge Sachse im Jahre 2007 in Hohenstein-Ernstthal nicht zum Blutspenden gegangen wäre. "Dort fand an diesem Tag auch eine Typisierungsaktion für ein leukämiekrankes Mädchen statt. Und so wurden meine Blutmerkmale in einer Datenbank gespeichert", erinnert sich Gimpel.

Ein Vierteljahr später kam ein Anruf aus Dresden von der Deutschen Stammzellspenderdatei: "Ihre Stammzellen werden benötigt." Ralf Gimpel fährt zu dem Eingriff in die Landeshauptstadt, die "Blutwäsche" dauert vier Stunden. Was der Spender nicht weiß: Kurz danach steigt ein Kurier mit dem Päckchen, in dem sich die Stammzellen befinden, in ein Flugzeug - und fliegt nach Seattle. Die Stammzellen müssen innerhalb von 24 Stunden transplantiert werden. Der Mann, der auf die Spende wartet, heißt John Filippi, zu jenem Zeitpunkt 59 Jahre alt. Er hatte ein Jahr vorher die Diagnose erhalten, dass er an Leukämie erkrankt ist. Die Ärzte haben ihm nicht viel Hoffnung gemacht. Auch die Transplantation ist keine Garantie dafür, dass er überlebt.

Das alles weiß aber Ralf Gimpel im etwa 8000 Kilometer entfernten Hohenstein-Ernstthal nicht. Erst nach zwei Jahren erfährt er, was sich jenseits des Atlantik zugetragen hat. Zwei Jahre lang dürfen nämlich Spender und Empfänger nichts voneinander wissen. Erst dann ist ein Kontakt möglich, vorausgesetzt, es besteht jeweils das Einverständnis des anderen.

So überschneiden sich fast die E-Mails, die die beiden an den anderen schicken. "Ich wollte wissen: Wer ist der Mann, der mir das Leben gerettet hat", erzählt John Filippi, als er vor Kurzem mit seiner Frau Linda Spender Ralf Gimpel in Hohenstein-Ernstthal besucht und durch die Innenstadt schlendert. Ralf Gimpel sagt: "Und ich war genau so neugierig. Es gab nun einen Menschen, der fast die gleichen DNA-Merkmale hatte wie ich." Es entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen den Familien. Ralf Gimpel fliegt 2011 mit seiner Freundin zum ersten Mal nach Seattle und erfährt, wie die Kirchgemeinde dort Spenden für John gesammelt hat, um seine Behandlung finanzieren zu können. Später sind Linda und John in Sachsen auf Besuch, als Ralf und seine Freundin heiraten. Dreimal haben sie einander bis jetzt besucht. "Genetisch gesehen sind wir jetzt so etwas wie Geschwister", sagt John. Ralf Gimpel sieht sich aber nicht als Lebensretter. Er will andere ermutigen, sich auch typisieren zu lassen.

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