"Wir lernen nicht aus der Geschichte"

Künstler Siegfried Otto Hüttengrund über politische Kunst in der DDR - und warum er heutige Demagogie noch nicht verarbeitet hat

Hohenstein-Ernstthal.

Zum Ende der DDR-Zeit geriet der Künstler Siegfried Otto Hüttengrund (68) wegen eines Bildes in Konflikt mit dem Regime: Er hatte die Machthaber als einen Haufen Kleinaffen karikiert. Oft sucht der Künstler Gleichnisse in der Mythologie, für die heutige politische Situation hat er noch keinen passenden Vergleich gefunden. Warum das so ist, sagt er im Interview mit Benjamin Schmidt.

Freie Presse: Wen haben Sie am Sonntag gewählt?

Siegfried Otto Hüttengrund: Ich bin ein konservativer Wähler. In diesen sensiblen Zeiten sollten wir uns auf keine Experimente einlassen.

Also CDU?

Ganz genau. In der Politik Fehler zu machen, kostet sehr viel Geld, unser Geld. Rein pragmatisch gesehen ist der Verlust am geringsten, wenn die CDU weitermachen darf.

Experimente in der Politik nein, in der Kunst ja?

Richtig (lacht).

Machen Sie künstlerische Experimente, in denen Sie sich politisch äußern?

Von Experimenten kann da weniger die Rede sein. Zu DDR-Zeiten habe ich mit ausgewählten Metaphern und Gleichnissen die Dinge zur Sprache gebracht.

Wie denn das?

Im Jahr 1987 war zum Beispiel die Umweltverschmutzung so extrem, dass im Erzgebirge das Trinkwasser mit Wagen verteilt werden musste. Ich malte ein Bild der Pandora, der ungeliebten Tochter von Zeus. Sie hat die Büchse geöffnet, aus der das Unheil auf die Welt kam. Eine allmächtige Göttin brachte also Leid über die Menschen, die konnten sich nicht dagegen wehren. Diese Metapher steht für die Allmacht der Partei in der DDR.

Hatten Sie mal so richtig Probleme mit dem Regime?

Nicht wegen des Pandora-Bildes, das war eher unbedeutend. Allerdings habe ich im Jahr 1987 das Polit-Büro als einen Kabinett voller Lemuren dargestellt. Diese Kleinaffen stehen oft als Metapher für Geister. Ich malte also ein Geisterkabinett. Schwache Machthaber, die nicht mehr wirklich am Leben teilnehmen.

Was ist dann passiert?

Ich präsentierte das Bild auf der letzten Kunstausstellung der DDR, das war dann schon 1987 und 1988. Da bekam ich Schwierigkeiten ...

Wie kam es dazu?

Der Kunstwissenschaftler Peter H. Feist schrieb in "Neues Deutschland" über die Ausstellung: "Junge Künstler beweisen Mut mit gewagten Bildaussagen." Mein Name ist dabei mit genannt worden. Nach der Veröffentlichung des Beitrages waren die Repressalien deutlich zu spüren.

Was für Repressalien?

Man hat versucht mir nachzuweisen, dass ich kriminell war. Damals leitete ich einen Grafikzirkel in Hohenstein-Ernstthal. Plötzlich wurde ich wegen Veruntreuung von Staatsgeldern angeklagt, immerhin war der Zirkel ja ein staatliches Projekt. Ab 10 000 DDR-Mark wäre man ins Gefängnis gekommen, der Betrag der Anklage befand sich knapp darunter. Das war ein klares Signal an mich.

Ist Kunst also eine Gefahr für die Mächtigen?

Es war die Zeit der Solidarnosc in Polen. Die Machthaber wussten: Von der Kunst her kann Gefahr drohen.

Warum haben Sie sich denn überhaupt engagiert?

Man kam eigentlich nicht daran vorbei. Ich musste mich zu den Dingen irgendwie äußern.

Und wollen Sie das heute auch noch?

Nein, die heutige Situation ist nicht vergleichbar. Ich suche nach Gleichnissen und mythischen Vorbildern für meine Kunst. Für die derzeitige Situation habe ich noch nichts Passendes gefunden.

Aber können Sie die Situation mit eigenen Worten beschreiben?

Ich habe den Eindruck, dass alle Erkenntnisse, die uns ein gutes Leben ermöglichen könnten, hinfällig sind.

Woran machen Sie das fest?

An den Dingen, die derzeit geschehen. Bei Donald Trump frage ich mich zum Beispiel, wie er zu seinen Wahlergebnissen kommt. Man müsste doch wissen, dass er seine Versprechen nicht einlösen kann. Wie kann es sein, das so ein Demagoge ein so riesiges Land wie die USA beherrscht? Die Menschen müssten aus der Geschichte doch gelernt haben! Das gilt im übrigen auch für Deutschland.

Aber dafür gibt es doch sicherlich eine passendes Gleichnis.

Ja... aber ich kann es noch nicht so richtig erkennen. In der aktuellen Zeit fehlt mir oft die Eindeutigkeit. Früher waren die Dinge klarer, man konnte sie besser analysieren.

Warum brauchen Sie überhaupt ein Gleichnis?

Nehmen wir an, ich äußere mich zum Mord an Daniel H. in Chemnitz. Irgendwann wird niemand mehr darüber reden. Aber wenn ich diese Situation in einen mythischen Kontext stelle, spreche ich auch einen viel breiteren geschichtlichen Kontext an. So bleibt es aktuell.

Warum tun Sie es dann nicht?

Ich stehe nicht morgens auf und denke darüber nach, wie ich meine politische Meinung zu Tage bringen kann. Das ist sekundär. Primär ist der Wunsch, Kunst zu schaffen. Das hat auch noch andere Facetten als die politische Auseinandersetzung.

Nämlich?

Für mich spielen auch Unterhaltung, Musik oder Literatur eine Rolle. Und die Religion, beispielsweise die Frage, warum wir die noch brauchen. Das interessiert mich.

Aber Ihnen sind passende politische Werke gelungen, zum Beispiel Ihr Pferd, das über die Mauer springt.

Ja, es heißt "Keine Insel enttaucht der Zeit." Das habe ich im Jahr des Mauerfalls geschaffen. Das sensible Tier springt über eine eingerissene Mauer, seine Zukunft ist ungewiss.

Was braucht es, damit Sie wieder politischer arbeiten?

Ein themenbezogenes Ausstellungsprojekt zur Politik wäre da vielleicht ein gelungener Anlass.

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