"Wir sollten unbequem sein"

Wahlen 2019 Die Lichtensteiner SPD über ihre ungewöhnlichen Wahlplakate, Sorgen der Jüngeren und die Frage nach der Enteignung

Lichtenstein.

Die Liste der Lichtensteiner SPD für die Kommunalwahl am Sonntag ist jünger geworden, und weiblicher. Redakteurin Ulrike Abraham sprach mit den Jusos Antje Junghans und Carlos Kasper sowie dem altgedienten Stadtrat Jürgen Hofmann.

Freie Presse: Kann die SPD sich keine Plakate leisten - oder warum haben Sie selbst welche geschrieben?


Antje Junghans : Die Stadt Lichtenstein hat kein Geld. Und wir wollten nicht viel Geld für Werbung rausschmeißen. Viele unserer Plakate spielen darauf an: aus wenig viel machen. Und: Die SPD hat zwar Geld - aber nicht so viel, dass es für individuelle Plakate für Lichtenstein gereicht hätte ... So war es zielgenau auf die Orte angepasst: "Fahrradweg nach Heinrichsort", "Einkaufen Am Wind", "Schnelles Internet jetzt".

Selbstgebasteltes wäre ganz nett in der Grundschule, habe ich irgendwo als Reaktion gelesen.

Junghans : Viele fanden es mutig. Carlos Kasper: Sie sollten nicht schön sein, sondern pragmatisch. Sich abheben von den Hochglanzplakaten. Viele gucken doch sonst gar nicht auf die Wahlplakate. Junghans : Die Entscheidung, das so zu machen, fiel schnell, die Umsetzung war unkompliziert. Das war wohltuend. So ist Politik ja oft nicht.

Zurück zu den Inhalten der Plakate: Beim schnellen Internet haben sich einige Heinrichsorter angegriffen gefühlt. Der Ort ist ja gut angebunden.

Junghans : Ja, aber es denken immer alle nur an Kabel. Wir denken an die nächste Generation: ans Funknetz. Warum sollen wir bloß auf der Stelle bleiben? Wer nutzt denn noch Internet am Computer. Bei mir läuft alles übers Smartphone. Kasper : Abgesehen davon wollen wir den Glasfaserausbau, möglichst bis zur Haustür. Jürgen Hofmann: In den Problemgebieten, wo gar nichts geht, bräuchte man Zwischenlösungen, wie die Vectoring-Technologie. Junghans : Meine Eltern wohnen Am Wind, dort geht gar nichts. Mein Vater kommt zu mir, wenn er im Internet Handball gucken will. Das ist ein Stück Lebensqualität. Wenn die fehlt, brauche ich mich nicht wundern, wenn Leute wegziehen. Oder gar nicht erst kommen.

Zumal sich gerade an mehreren Orten IT-Firmen ansiedeln wollen und sollen.

Kasper : Internet ist definitiv ein Wirtschaftsfaktor. Mobiles Arbeiten wird in Zukunft immer wichtiger.

Gab es sonst noch Reaktionen auf die Plakate?

Junghans : Ein junges Mädchen schrieb zum Plakat "Einkaufen Am Wind", sie hätte dort gern wieder einen Supermarkt. Das Thema bewegt also auch die Jüngeren. Natürlich sind wir nicht die, die hingehen und dort einen Penny oder Rewe eröffnen. Aber wir können das Thema anfragen. Und unbequem sein.

Apropos unbequem. Sie sind Juso-Vorsitzende im Kreis?

Junghans : Seit Kurzem nicht mehr, aber ich bin noch im Vorstand.

Schade, das war mein Abstecher zu Ihrem Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert. Ich frage trotzdem: Wie ist Ihre Position zu seinem Interview, das ihm als Forderung nach Enteignung ausgelegt worden ist?

Junghans : Die meisten haben sich doch gar nicht auseinandergesetzt mit dem, was er gesagt hat. Die Demokratisierung von Wirtschaft in Bereichen, die wichtig sind für das gesellschaftliche Zusammenleben, ist absolut richtig. Kasper : BMW wird wohl kaum enteignet. Aber Gewinnmaximierung in der Pflege und im Krankensystem ist sehr bedenklich, diese Gesellschaften muss man anders besteuern, oder in gemeinnützige GmbHs umstrukturieren.

Was können Sie auf kommunaler Ebene tun?

Junghans : Bei Demokratie geht es um Beteiligung. Die haben wir mit unserem Bürgerbudget aufgegriffen. Darum geht es. Ich will, dass sich Bürgerinnen und Bürger aktiv an ihrer Umgebung beteiligen. Viele Vereine engagieren sich ja schon ganz aktiv. Wieso nutze ich nicht diesen Willen, übertrage den auf die Stadt? Warum versperre ich mit hohen Standgebühren beim Weihnachtsmarkt den Zugang und verhindere, dass die Stadt belebt wird? Wieso lasse ich den Zugang nicht niedrigschwellig - so stelle ich mir die Demokratisierung einer Stadt vor.

Der Bürgerhaushalt war Ihr Thema in dieser Legislatur. Kleines Resümee von Ihnen als Altgedientem, Herr Hofmann?

Hofmann : Mit vier Leuten im Stadtrat hat man wenig Chancen - wenn man nicht parteiübergreifend Mehrheiten akquirieren kann, wie wir es bei den Bürgerhaushalten geschafft haben. Sehen wir mal zu, was wir draus machen können. Jetzt müssen die Bürger munter werden.

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