Wo Niedriglöhne noch als Vorteil gelten

Die Gemeinde Reinsdorf bei Zwickau wirbt bei der Investorensuche mit geringen Löhnen. Ist das noch zeitgemäß?

Zwickau.

Wieso sich Betriebe unbedingt im Reinsdorfer Gewerbegebiet Kirchstraße ansiedeln sollten, fasst eine entsprechende Broschüre der Gemeinde auf 44 Seiten zusammen. Auf Seite 5 sind die besonderen Vorteile aufgelistet: Die Nähe zur Autobahn ist da beispielsweise genannt, "hohe EU-Fördermöglichkeiten" und "hochwertiges, verfügbares Fachkräftepotenzial". Zu guter Letzt heißt es zu den Vorteilen der Region: "Niedrigeres Lohnniveau in den neuen Bundesländern."

Dumpinglöhne als Köder für Unternehmen? Gewerkschafter, aber auch Branchenvertreter, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Diese Art der Werbung setze nicht nur falsche Anreize, sie sei schlicht falsch, heißt es. Noch nicht einmal die sächsische Wirtschaftsförderung (SWF) wirbt noch damit, im Gegenteil. Auf ihrer Webseite verbreitet die SWF: "Sachsen ist kein Billiglohnland."

Besonders scharfe Kritik kommt vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die Vorsitzende des Kreisverbands Südwestsachsen und Linke-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann sagt: "Ich finde es unmöglich, dass Reinsdorf mit niedrigen Löhnen um Unternehmen wirbt. Viel zu viele Menschen arbeiten in unserer Region zu Niedriglöhnen und kommen kaum über die Runden. Dass dies nun noch als Vorteil dargestellt wird, ist ein Schlag ins Gesicht dieser Menschen." Zimmermann argumentiert, das gerade die niedrigen Löhne dazu geführt haben, dass viele Menschen Sachsen in Richtung Westen verlassen hätten. "Mit der Niedriglohnstrategie muss endlich Schluss sein."

Noch nicht einmal die Arbeitgeber wollen noch vom Niedriglohnland sprechen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hält entsprechende Werbung für nicht mehr zeitgemäß, sagt der Geschäftsführer der Zwickauer Regionalkammer, Torsten Spranger. "Die Löhne im Landkreis wachsen seit Jahren, außerdem haben beim Fachkräftemonitoring 95 Prozent der Unternehmen angegeben, dass Lohnerhöhungen ein wichtiges Thema in puncto Arbeitgeberattraktivität darstellen", so Spranger. Sprich: Wer ordentliches Personal finden will, müsse ordentlich bezahlen, und wisse das meistens auch. "Der Bedarf an Akademikern, Technikern, Meistern und Facharbeitern in der Region wird weiter wachsen", sagt Spranger. "Diese werden wir nur halten beziehungsweise dazugewinnen können, wenn ihnen attraktive Arbeitsbedingungen geboten werden. Das Gehalt ist ein Bestandteil."

Bei der westsächsischen Niederlassung des europäischen Sanitärprodukte-Marktführers Geberit in St. Egidien sieht man das ähnlich. Allerdings sei ein attraktives Arbeitsumfeld von mehr als nur der Lohnhöhe bestimmt, sagt Prokurist Mike Zöphel. "Um qualifizierte Fachkräfte im Unternehmen zu halten, kommt es nicht nur auf eine gute Bezahlung an. Im regionalen Vergleich stehen wir mit unseren Löhnen sehr gut da, bieten zusätzlich aber beispielsweise auch flexible Arbeitszeiten, Teilzeitangebote für junge Eltern und ein umfassendes Gesundheitsmanagement an."

Ordentliche Löhne sind ein Teil, aber nicht alles, sagt auch Astrid Modrack, die Leiterin der Glauchauer Wirtschaftsförderungsgesellschaft Weberag. Noch nie habe ein Unternehmen bei ihr wegen des Lohnniveaus angefragt. "Die Fragen lauten ganz anders: Welche Seniorenbetreuungsmöglichkeiten gibt es, wie viele Kindergärten, wie sieht es mit der Bildungslandschaft aus", sagt Modrack. Das sei vor allem für Unternehmen entscheidend, die gern Mitarbeiter an den Standort Glauchau mitbringen würden. Sie nennt sogar ein Beispiel, wonach sich eine Firma speziell gegen Niedriglöhne entschieden hat: Der Strumpfhersteller OFA aus Bamberg, der vor einigen Jahren in Glauchau eine Strumpffabrik gekauft hat. "Die OFA hat nun extra eine Produktion in Osteuropa geschlossen und sie nach Glauchau verlagert", sagt Modrack. Die Entscheidung sei zugunsten der Fachkräfte und der Anbindung gefallen, obwohl die Lohnkosten in Glauchau höher ausfallen als in Tschechien.

Reinsdorf steht trotzdem weiter zur Werbung mit dem Niedriglohn. Das sei eine rein sachliche Information, findet Bürgermeister Steffen Ludwig (parteilos). "Leider ist der Niedrig- und Mittellohnsektor für die ansiedelnden Unternehmen ein Standortvorteil", sagt er und verweist auf Statistiken. Tatsächlich ist das Lohnniveau in den neuen Bundesländern niedriger als im Westen. Allerdings werden in Sachsen mit Ausnahme von Berlin die höchsten Löhne in Ostdeutschland bezahlt, was in der Reinsdorfer Standortbroschüre unerwähnt bleibt. Stattdessen betont Ludwig, dass für ihn eine gute Wirtschaftsförderung im Vordergrund stehe, mithilfe derer Arbeitsplätze geschaffen und Mitarbeiter gehalten werden. Aus der Werbung mit Niedriglöhnen werde so im Umkehrschluss "ein Beitrag zur sukzessiven Steigerung des Lohnniveaus für qualitativ hochwertige Arbeit geleistet."mit scso

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