Wo Zeitzeugen alter Industrie weiterleben

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Vor 30 Jahren wurde der Förderverein des Textil- und Heimatmuseums Hohenstein-Ernstthal gegründet. Das erklärte Ziel war die Gestaltung eines Museums.

Hohenstein-Ernstthal.

Mit einem guten Gespür kann man gerade in schwierigen Zeiten den Grundstock für etwas Großes legen. Auf ganz besondere Weise hat Gisela Rabe das im Jahr 1991 bewiesen. Von 1957 bis 1991 hat die heute 82-Jährige in den Möbelstoff- und Plüschwerken gearbeitet. Der vormals volkseigene Betrieb war im Juli 1990 in eine GmbH umgewandelt worden, deren alleinige Gesellschafterin die Treuhand war.

Bereits im Sommer 1990 hatte der Betrieb etwa 2500 Mitarbeiter in den Vorruhestand oder die Rente entlassen. Der Bereich Forschung und Entwicklung, in dem Gisela Rabe als Diplomingenieurin beschäftigt war, wurde im März 1991 geschlossen, denn die Überlebenschancen des Unternehmens wurden als gering eingestuft. Es gab insgesamt 56 Betriebsstandorte, doch die Konzepte zur Entflechtung und die Etablierung kleinerer Einzelbetriebe wurden von der Treuhand als nicht zukunftsfähig eingeschätzt. Erschwerend kamen Ansprüche auf Rückübertragung verschiedener Immobilien hinzu. Für Verkäufe und Rückübetragungen mussten die Gebäude besenrein übergeben werden. Es war klar, dass vieles auf dem Müll landen würde.

"Damals begann das große Sterben der Textilbetriebe. Es ist alles vernichtet worden, teils auch wertvolle Zeitzeugnisse. Ich habe versucht, das zu retten", erinnert sich Rabe. Im September 1991 hat sie ihre Idee von einem Textilmuseum im Betrieb und in der Stadt vorgestellt. Von beiden Seiten wurde ihr Vorhaben unterstützt. Der letzte Betriebsdirektor stellte ihr eine Vollmacht aus, die es Gisela Rabe ermöglichte, Maschinen und Dokumente zu sichern. Doch sie musste sich sputen: "Ich bin mit meinem Privat-PKW von einem Betrieb zum anderen gefahren und habe an den für das geplante Museum interessanten Stücken einen Aufkleber 'Textilmuseum' angebracht. Mein Ziel war es, den Arbeitsablauf einer klassischen Jacquardweberei zu zeigen."

Insgesamt sieben Jacquardmaschinen hatte sie als besonders wertvoll für ein Museum eingestuft. Diese bilden bis heute ein Kernstück des Museums. "Bei diesen Maschinen sieht man noch etwas. Bei modernen Maschinen ist ja alles verkleidet", so Rabe.

Neben den historischen Maschinen wurden auch Musterbücher mit Plüschen, Dokumente, Brigadetagebücher und vieles mehr gesammelt und für spätere Generationen bewahrt. "Es ist erstaunlich, was Gisela Rabe in dem damaligen Chaos alles gesichert hat. Sie hat einen allumfassenden Grundstock geschaffen", lobt die heutige Museumschefin Marina Palm.

Allein hätte Gisela Rabe das nicht stemmen können. Und so bekennt sie: "Die Gründung des Fördervereins war der richtige Schritt zur richtigen Zeit."


Tag der offenen Tür anlässlich 30 Jahre Förderverein

Gegründet wurde der Förderverein Textil- und Heimatmuseum Hohenstein-Ernstthal am 4. September 1992 von etwa 40 Personen.

Seine ersten Museumsräume hatte der Verein auf der August-Bebel-Straße 10. Dort wurden bis Ende 1993 insgesamt 5500 Besucher gezählt.

Das Textil- und Heimatmuseum wurde am 26. Mai 1995 an der Antonstraße 6 eröffnet. Die bereits aufgebauten Maschinen mussten dafür komplett demontiert und neu aufgebaut werden.

Die Umbenennung zum Textil- und Rennsportmuseum erfolgte 2000.

Am Samstag von 14 bis 18 Uhr wird im Textil- und Rennsportmuseum anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Fördervereins ein Tag der offenen Tür unter dem Motto "Altvertrautes neu entdecken" veranstaltet.

Der Eintritt ist an diesem Tag frei.

Zu erleben sind Vorführungen in den textilen Werkstätten. Zudem kann ein Blick ins Schaudepot geworfen werden. In einer Sonderausstellung unter dem Titel "Kunterbuntes aus den Depotbeständen" werden neue und skurrile Exponate gezeigt.

Die Sonderausstellung ist noch einmal am Sonntag zu den regulären Öffnungszeiten zu sehen. (czd)

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