Wohin trägt der grüne Aufwind?

Bundesweit erreicht die Partei in Umfragen Traumwerte, wird als Volkspartei gehandelt. Auch im Kreis Zwickau stellen die Grünen fest: Das Image vom besserwissenden Spinner hat sich gewandelt.

St. Egidien.

Durchs Fenster schaut Gerhard Sonntag auf die kahlen Zweige seiner Obstbäume. Hinter einem Flachdachschuppen fließt der Lungwitzbach durch St. Egidien. Er kann als Symbol gelten: Manche gießen ihre Blumen mit Wasser aus dem Bach. Im Sommer war das verboten. Im Hitzesommer 2018. "Eine Extremerscheinung", sagt Gerhard Sonntag. Man dürfe nichts überbewerten: Wetter sei nicht gleich Klima. Aber die Extreme nehmen zu, das sei 2018 vielen klar geworden.

Für Sonntags Partei, Bündnis 90/Die Grünen, bedeutet das: mehr Mitglieder im Kreis Zwickau. Sonntag ist seit 25 Jahren Gemeinderat in St. Egidien, dazu stellvertretender Chef des Kreisverbandes. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Diagramm, das die Entwicklung zeigt. Sie geht nach oben: 50 Mitglieder 2010, 69 im Januar 2019. Doch was bedeuten diese Zahlen? Zum Vergleich: Die CDU im Kreis hat 810 Mitglieder. Doch verzeichnete man dort lange einen Mitgliederschwund, bevor es 2018 wieder leicht nach oben ging, sagt CDU-Kreisgeschäftsführer Carsten Ehrig.

Die Grünen sind im Aufwind. Die Mitgliederzahlen steigen bundesweit. Auch in Sachsen: von rund 1200 im Jahr 2010 auf über 1900 vergangenes Jahr. Bei der Bundestagswahl 2017 landete die Partei noch bei knapp 9 Prozent - in Sachsen bei 4,6 Prozent. Mittlerweile erreicht sie in Umfragen mehr als 20 Prozent bundesweit, in Sachsen immerhin 9Prozent. Als neue Volkspartei werden die Grünen nun häufiger gehandelt. Doch in den neuen Bundesländern hat die Partei einen schweren Stand, flog etwa 2016 aus dem Landtag in Mecklenburg-Vorpommern.

Das hat Tradition, sagt Gerhard Sonntag. Zu DDR-Zeiten engagierte sich der Diplomingenieur in der Friedens- und Umweltbewegung, aus der Bündnis90 hervorging. Maßgeblich waren sie an der Wende beteiligt - und landeten bei den ersten freien Wahlen bei um die zwei Prozent. "Das war ein Schock", erinnert sich Sonntag. Geradezu verpönt seien sie in den 1990ern gewesen, wurden am Wahlstand angepöbelt. "Wir haben den Nerv der Zeit nicht getroffen", sagt er. Die Leute wollten Konsum und hatten keine Lust auf eine Ökopartei, die ihnen das madig zu machen schien. Doch jetzt, sagt Sonntag ist die Zeit reif für die Grünen, auch in Sachsen. "Wir sind weg vom Bild der besserwisserischen Spinner einer Verbotspartei", sagt auch Veit Gröger, Unternehmer, der im Mai für den Stadtrat in Hohenstein-Ernstthal kandidiert. Wie das kommt? Der Klimawandel sei spürbar, sagt er. Mit ur-grünen Themen wie gesunder Ernährung beschäftigen sich mittlerweile viele.

Dennoch wohnt die traditionelle Klientel der Grünen in Großstädten, nicht auf dem infrastrukturell schwächer aufgestellten Land. Entscheidend sei deshalb, die Zielgruppe auszuweiten, sagt der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer. Punkten kann, wer Belange aufgreift, die Menschen unmittelbar betreffen. Und das tun die Grünen in vielen Regionen, beobachtet er.

Das bedeutet, plakativ formuliert, aus Problemen die eigenen Themen zu machen. Etwa so: Gerhard Sonntag kämpft mit einer Bürgerinitiative gegen Gestank aus einer Fabrik, der das ganze Dorf plagt. Unbequemes Thema, sagt er. Die Firma ist auch Arbeitgeber, natürlich wolle er nicht, dass sie schließt. Neben Veit Gröger wiederum stehen zwei Leute auf der Grünen-Liste von Hohenstein-Ernstthal, die sich gegen Lärm und Abgase vom Sachsenring einsetzen.

Zur Volkspartei kann der Aufwind die Grünen nur tragen, wenn sie sich von unten aufbauen, so Politikwissenschaftler Vorländer. Heißt: Sie müssen in der Kommunalpolitik präsent sein. Das ist Sonntags Ziel: Für 13 Stadt-, Gemeinde- und Ortschaftsräte im Kreis konnte er zur Mitgliederversammlung am vergangenen Wochenende 45 Kandidaten nominieren, die sich zur Wahl im Mai stellen - in etwa so viele wie bei den Kommunalwahlen 2014. Also doch kein Grüner Aufschwung? Sonntag relativiert. Es sei schwer, überhaupt Leute für Kommunalpolitik zu motivieren. Die konstante Zahl sei schon ein Erfolg. Und: Er sei sicher, dass die Kandidaten weit mehr Mandate holen als 2014.

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