Zeitzeugin erinnert sich nach 75 Jahren an die Bombennacht

Vor 75 Jahren wurde die Stadt Chemnitz durch Bombenangriffe zerstört. Die Stadt sucht nun Zeitzeugen. Eine 80-Jährige, die heute in Falken wohnt, hat an dem Tag den Tod ihres Vaters miterlebt.

Falken.

Die Bilder hat Hannelore Pflanz, geborene Bockisch, auch nach 75 Jahren nicht aus dem Kopf bekommen. Damals zählt die heute 80-Jährige fünf Lenze, als am Vormittag des 5. März 1945 am Horizont das Brummen der B-17-Bomber anschwillt. Es ist der übliche Tagesangriff, den die Geschwader der United States Army Air Forces fliegen. Mehr als 500 Tonnen Bomben klinken die fliegenden Festungen über Chemnitz aus. Die Familie der kleinen Hannelore hat Glück.

Gegen 20.30 Uhr heulen erneut die Sirenen. Bomber von Typ Lancaster und Halifax der Royal Air Force fliegen an. Am Himmel bricht die Hölle los. Minen-, Brand- und Sprengbomben gehen in der ersten Welle über Chemnitz nieder. Wegen der abgeworfenen "Christbäume" ist die Stadt hell erleuchtet, ein perfektes Ziel für die Bomber.

Die Familie mit Vater Hans und Mutter Johanna Bockisch wohnt damals im Haus am Drosselweg 29. Im Erdgeschoss befindet sich eine Bäckerei. Die fünfjährige Hannelore und der Bäckerssohn spielen täglich miteinander, wachsen gemeinsam auf. An jenem Abend verlässt die Bockischs das Glück. Eine Bombe durchbricht die Wand, kracht im Erdgeschoss auf den Fußboden, explodiert und reißt ein riesiges Loch in den Boden. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ist Vater Hans im Keller. "Ich bin in meiner Angst aus dem Haus gerannt und geradewegs in das Loch gestürzt. Dort lag ich dann neben meinem toten Vater", erinnert sich Hannelore Pflanz. "Die Gartenanlage gegenüber war ein einziges Flammenmeer. Das Schreien der verängstigten Menschen kann ich immer noch hören", sagt sie und muss tief Luft holen. Die kleine Hannelore muss damals mit ansehen, wie ihre Mutter dem Vater einen riesigen Granatsplitter aus der Brust zieht, der die Lunge durchbohrt hat. "Überall war Blut. Ich hoffe noch heute, dass er nicht leiden musste."

Nach dem Krieg fand Johanna Bockisch wieder einen Partner, zog nach Langenchursdorf, wo sie 1974 stirbt. Hannelore Pflanz, später selbst Mutter von zwei Kindern, ist heute verwitwet, wohnt mit dem 71-jährigen Sohn und Katze Trixie in einem Eigenheim in Falken.

Als sie in der "Freien Presse" liest, dass die Stadt anlässlich des 75. Jahrestages des Bombenangriffs auf Chemnitz Zeitzeugen sucht, die von ihren Kindheitserinnerungen berichten, zögert sie keine Minute. "So ein Krieg darf nie wieder geschehen. Deshalb dürfen diese grausamen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten", versichert sie.

In der Nacht vom 5. zum 6. März 1945 sterben in Chemnitz 2100Menschen. Drei Viertel der Stadt liegen nach dem Bombardement in Schutt und Asche. Hans Bockisch liegt noch zwölf Tage lang auf der Heiste vor der Haustür am Drosselweg - ein unvergessliches Bild für Hannelore Pflanz. Dann wird der Vater mit einem Handwagen abgeholt und zum Friedhof nach Gablenz gebracht.


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