Zuhören, immer wieder zuhören

Wahlen 2019 Im Kampf um jede Stimme besucht Ministerpräsident Michael Kretschmer Zwickau. Wieder einmal. Die "Freie Presse" hat ihn vier Stunden lang begleitet.

Zwickau.

Er kann einfach nicht vorbeigehen. Auf den Stufen zum Trainingsplatz des FSV Zwickau sitzen drei Mädchen und beobachten das Trainingsspiel auf dem Kleinfeld. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kommt gerade vom Rasen, dort hat er das Training gesehen und mit Sportdirektor Toni Wachsmut gefachsimpelt, in der Hand hält er ein FSV-Trikot mit der Rückennummer 1, das ihm der Vorstand geschenkt hat. Kretschmer bleibt bei den Mädchen stehen, setzt sich dazu. Die Männer aus seinem Tross blicken auf die Uhr. Eigentlich hätte er schon vor einer Dreiviertelstunde Richtung Leipzig fahren sollen. Stundenlang hat Kretschmer schon anderen Menschen zugehört, jetzt will er von den Jugendlichen wissen, was sie eigentlich bewegt. Die Teenager sind wegen des 19-jährigen Mittelfeldspielers Marius Hauptmann da, erzählen sie, den finden sie gut. Kretschmer wünscht ihnen noch viel Spaß und steigt dann ins Auto. Ob sie den Mann erkannt haben, der gerade neben ihnen saß? "Klar", sagt eine der Jugendlichen und kichert, "das Gesicht hängt ja überall." Und ob sie ihn auch gefragt haben, weshalb er in Zwickau ist? "Nee, ist doch klar. Wegen Wahlkampf."

Kretschmer macht Wahlkampf, er redet am Dienstag mit Zwickauern auf der Straße, er redet mit Dozenten und Studenten an der Westsächsischen Hochschule, er redet mit dem Fußballfunktionären und Spielern. Vier Stunden vor seinem Plausch auf dem Trainingsplatz steht Kretschmer am Wahlkampfstand der CDU an der Ecke zwischen Innerer Plauenscher Straße und Dr.-Friedrichs-Ring und empfiehlt den Zuhörern, seinen Parteifreund Gerald Otto zu wählen. "Es wäre schön, wenn Sie diesen Mann mit der markanten Frisur wieder wählen würden. Dann hätte ich in Dresden einen Verbündeten." Der kahlköpfige Otto lächelt gequält. Kretschmer legt das Mikrofon weg. Zeit, um persönlich mit denen zu reden, die extra seinetwegen gekommen sind. Eine Dreiviertelstunde lang. Auf der Straße. Stress für die Personenschützer, die sich auffallend im Hintergrund halten.


Manche Leute sind gekommen, um ihn von persönlichen Problemen mit Behörden zu berichten, andere um seinen Fleiß zu loben, andere um zu schimpfen. Als ein Mann in Rage ihm die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zum Vorwurf macht, sagt Kretschmer: "Aber hier geht es um uns, um Sachsen. Nicht um Berlin, nicht um Brüssel. Wenn Sie finden, ich habe in den 18 Monaten seit meinem Amtsantritt alles vergeigt und Sie müssen Protestwählen, dann machen Sie das. Aber bitte wegen mir und nicht wegen Berlin." Eine Frau flüstert ihrer Begleiterin zu: "Wie ruhig und sachlich der bleibt."

Über das Flüchtlingsthema will nur einer mit Kretschmer sprechen. Andere sprechen ihn auf die umweltschädliche Kreuzschifffahrt-Industrie an, auf eine Verkleinerung des Landtags, auf Bürokratieabbau. Kretschmer sagt, er verspreche nichts, was er nicht halten könne. Ein Mann drückt ihm einen Briefumschlag mit Dokumenten in die Hand. "Was ist das", fragt Kretschmer. "Arbeit für Sie", sagt der Mann und geht. Ein anderer wirft ihm vor, die Behörden seien von CIA-Agenten und Scientologen durchsetzt. Ein paar Mal wird er dafür gelobt, dass er so gut zuhören könne. Irgendwann sagt Kretschmer: "Uns bleibt auch in den nächsten fünf Jahren nichts anderes übrig, als immer wieder den Leuten zuzuhören."

Nach fast einer Stunde erreicht der Wahlkämpfer den Campus der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) auf dem Scheffelberg. Wieder hört er zu, es geht um ein 75 Millionen Euro teures Forschungsprojekt, das die WHZ anschieben möchte. Kretschmer findet das Vorhaben gut. Als es Zeit ist, aufzubrechen, fragt er stattdessen in die Runde der Professoren: "Erklären Sie mir jetzt mal, wie das mit Teilzeit und Befristung bei Ihnen so funktioniert." Kretschmer hört sich die Schilderungen über die Arbeitssituation an der Hochschule an, stellt Nachfragen, lässt sich alles im Detail erklären. Bis er ohnehin mit Verspätung dringend weiter muss zu seiner letzten Station an diesem Tag in Zwickau, der GGZ-Arena.

Vor dem Eingang wird er von FSV-Vorstandssprecher Tobias Leege begrüßt und sagt in die Kamera von TV Westsachsen, dass sein Fußballherz eigentlich für Leipzig schlägt. Dann schließen sich die Türen des Besprechungsraumes für mehr als eine halbe Stunde. Als sie sich wieder öffnen, hält Kretschmer ein FSV-Trikot mit der Rückennummer 1 in die Fotokameras, das er gerade geschenkt bekommen hat. Gerald Otto ziert sich, mit aufs Gruppenbild zu gehen. "Komm her jetzt", befiehlt Kretschmer, "willst du gewählt werden oder ich?" Keiner lacht. Kretschmer besucht noch den Trainingsplatz, redet dort unter anderem mit Stürmer Ronny König, bis dieser zurück auf den Platz beordert wird und sich mit den Worten verabschiedet: "Entschuldigung, ich muss arbeiten."

Als der Ministerpräsident weitergereist ist, atmet Gerald Otto auf dem Beifahrersitz seines Autos durch und fragt: "Welcher Tag ist heute eigentlich?" Dienstag, sagt sein Büroleiter Eugen Kirchdörfer am Steuer. "Man verliert den Überblick", sagt Otto. "Es war aber ein toller Tag." Am Mittwoch will er seine frischgedruckten Flugblätter abholen. Kretschmer wird irgendwo anders im Freistaat unterwegs sein. Und Leuten zuhören.

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