Zuspruch für Radikale? Warum Schüler zu Wort kommen müssen

Bei einer Veranstaltung zur Gewaltprävention erhält ein Rechtsradikaler Zustimmung von Schülern. Wie gehen Lehrer und die Sozialarbeiterin damit um?

Lichtenstein.

Schauspieler Harry Heib aus Düsseldorf (49) mimte bei einer Veranstaltung zur Gewaltprävention vor Schülern der Heinrich-von-Kleist-Oberschule in Lichtenstein einen Rechtsradikalen. Er erzählte, wie er mit Gleichgesinnten ein asiatisches Geschäft überfallen hatte, dabei den Besitzer und eine Angestellte schwer verletzte. Dafür erhielt er Sympathien von einigen Schülern.

Heib war nicht der einzige Schauspieler, der bei der Schulveranstaltung eine Rolle spielte. Insgesamt fünf Darsteller inszenierten Personen, die von ihren Erfahrungen mit Gewalt berichteten, so auch ein gewalttätiger Lehrer und eine mobbende Schülerin. Bevor die 14- bis 17-jährigen Zuschauer erfuhren, dass Schauspieler vor ihnen standen, durften sie mit den Charakteren reden und einen Fragebogen ausfüllen. Harry Heib erhielt Zuspruch, acht der insgesamt 60 Schüler füllten seinen Bewertungsbogen aus. Darauf hatte er den maximalen Sympathiewert: zehn von zehn Punkten. Seine Rezensenten schätzen an ihm, dass er "direkt und offen" sei, er löste "Mitgefühl" bei ihnen aus. Was sie nicht an ihm mochten: Er sei "relativ gewalttätig."

Klar ist, dass es schon weitaus extremere Fälle als diesen gegeben hat. Im Mai ging ein Anti-Rassismus-Workshop im Erzgebirge schief. In einem anonymen schriftlichen Schülerfeedback wurde die Vortragende zum Tod in der Gaskammer aufgefordert. Im Februar 2019 wurde bekannt, dass ein Schüler in Hohenstein-Ernstthal 2017 zu einer Lehrerin gesagt hatte, sie gehöre nach Auschwitz. Doch wie reagiert man pädagogisch auf radikale Äußerungen oder Sympathien?

Die Sozialarbeiterin der Heinrich-von-Kleist-Oberschule, Annegret Reuschel (26) sitzt mit Ethiklehrerin Gundula Fritsche (35) in ihrem Büro. Am Eingang hängt ein Kummerkasten. "Es ist wichtig, dass sich Schüler äußern dürfen", sagt Reuschel. "Natürlich muss dabei die Menschenwürde geachtet werden." Soll heißen: Todeswünsche haben keinen Platz an Schulen, doch auch extreme Meinungen müssen ausgesprochen werden dürfen. "Sonst bleiben diese Gedanken in den Köpfen der Jugendlichen eingesperrt", sagt Gundula Fritsche. Und mit eingesperrten Gedanken kann niemand arbeiten. Und was passierte nach dem Workshop mit Schauspieler Harry Heib?

"In den Klassen wurde diskutiert", erzählt die Sozialarbeiterin. Die betreffenden Schüler bekamen Gegenwind von Klassenkameraden. Das sei wichtig, da so die Jugendlichen dazu angeregt werden, eine Meinung zu vertreten - und diese auch hinterfragen zu müssen. "Diskussionen sind die Grundlage einer Demokratie", ergänzt Fritsche. Viele junge Menschen seien noch eher durch die Meinungen der Eltern geprägt, als wirklich eigene Positionen zu haben. Die Schule solle daher ein Ort sein, der das kritische und eigenständige Denken fördert. Reuschel: "Klar ist aber auch, nicht jeder Schüler wird von einer extremen Ansicht abzubringen sein. Leider."

Wie hat eigentlich Schauspieler Heib seinen Besuch erlebt? "Es kommt gar nicht so selten vor, dass es für meine Figur Sympathien gibt", sagt er. Zwar werde oft die Gewalt verurteilt, aber für die politische Position gebe es Zuspruch. Das gelte im Übrigen für ganz Deutschland, nicht nur für Sachsen. Wichtig findet auch Heib: "Es ist besser über seine Positionen zu reden als sie irgendwann durch Gewalt zu äußern."

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