Zwei Ärzte weniger - Patienten ratlos

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In Oelsnitz und auch in Stollberg haben jetzt Augenarzt-Praxen zugemacht. Die Folgen sind gravierend, denn die gesamte Chemnitzer Region ist unterversorgt. Im Bereich Hohenstein-Ernstthal ist deshalb bereits seit April 2018 eine Förderstelle ausgewiesen - die bislang aber kein Augenarzt in Anspruch nahm.

Stollberg/Hohenstein-E..

Gleich zwei Fachärztinnen für Augenheilkunde haben ihre Tätigkeit altersbedingt zum 30. Juni beendet, Marina Lenz in Oelsnitz und Ilona Lindner in Stollberg. Die Folge: Der zuvor laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen (KVS) mit 110,6 Prozent noch gut ausgestattete Versorgungsbereich Stollberg - dieser entspricht dem Altlandkreis - wird mit nur noch drei Augenärzten nun zum Sorgenkind - wie es der Bereich Chemnitz insgesamt schon ist.

"Die augenärztliche Versorgungssituation ist im gesamten Bereich der Bezirksgeschäftsstelle Chemnitz angespannt", erklärt An- dré Reiche von der Landesgeschäftsstelle der KVS. Zum 1. April dieses Jahres seien bereits zehn Stellen unbesetzt gewesen. Nun verschärfe sich diese Situation weiter. Insbesondere durch weitere Schließungen von Vertragsarztpraxen im Erzgebirge und im Vogtlandkreis wächst das regionale Betreuungsdefizit immer weiter an, erklärt Reiche.

Davon kann Nadine Franke aus Hohndorf ein trauriges Lied singen. Die 39-Jährige war Patientin bei Marina Lenz. "Ich habe eine Narbe im Auge, hatte deshalb 2019 große Probleme und muss seither einmal im Jahr zur Kontrolle", erklärt sie. Das Jahr ist bald wieder um, aber mit dem Ruhestand ihrer Augenärztin sieht es schlecht mit einer Untersuchung aus. "Ich habe stundenlang telefoniert, bis nach Aue, Chemnitz und Zwickau" erzählt sie. Erfolglos. Keine Augenarztpraxis nehme neue Patienten auf. Ein Problem auch für ihren 70-jährigen Vater, der als Diabetiker ebenfalls regelmäßig zur Augenkontrolle müsse. Auch ihr Sohn benötige, weil er als Frühchen geboren wurde, eine augenärztliche Betreuung.

André Reiche von der KVS bestätigt diese Situation. Der Wegfall zweier Mediziner wirke sich auf alle Praxen aus, weil diese nun noch mehr Patienten zu behandeln haben. Das führe zu weiten Wegen und langen Wartezeiten auf einen Termin. Wie weit der Weg und wie lang die Wartezeit werden kann, hat auch Nadine Franke zu spüren bekommen. Die KVS habe sie nach mehreren Telefonaten auf eine Warteliste gesetzt, vielleicht sei sie nächstes Jahr dran, wurde ihr gesagt. Aber auch nur einmalig, auf Dauer als Patientin aufgenommen werde sie nicht. Oder aber sie bekomme in zwei Monaten einen Termin, dann aber müsste sie bis Leipzig fahren. Für ihren Sohn habe man ihr einen Termin "irgendwo hinter Freiberg" angeboten. "Wie soll das gehen?", fragt sie. Sie sei voll berufstätig, ihr Sohn gehe in die Schule.

Fast hätte Nadine Franke sogar recht nah, in Chemnitz, eine Augenarztpraxis gefunden. Aber dann stellte es sich heraus, dass diese ihr die Untersuchung nur privat anbieten wollte oder konnte. 300 Euro sollte sie zahlen für eine ganz besondere Untersuchung, erzählt die Hohndorferin. Sie benötige aber einfach nur die, die ihr als Kassenpatient zustehe, sagt sie.

Im an Hohndorf angrenzenden Nachbarlandkreis Zwickau sind die Chancen für Marina Lenz nicht besser, denn auch im Planungsbereich Chemnitzer Land, zu dem unter anderem Bernsdorf, Gersdorf, Hohenstein-Ernstthal, Lichtenstein, Oberlungwitz und St. Egidien gehören, herrscht mit einem Versorgungsgrad von 87,1 Prozent schon seit längerem erhöhter Bedarf. Zwei Stellen sind laut KVS unbesetzt. André Reiche: "Zur Sicherstellung der augenärztlichen Versorgung wird in der Bezugsregion Hohenstein-Ernstthal seit April 2018 eine Förderstelle ausgewiesen, für den Planungsbereich Stollberg steht seit Juli 2020 eine augenärztliche Förderstelle zur Verfügung." Was heißt das? Eine solche Stelle wird pauschal mit 60.000 Euro gefördert und es wird für die ersten beiden Jahre ein Mindestumsatz gewährt. Aber: Keine der ausgewiesenen Stellen sei bisher in Anspruch genommen worden, sagt Reiche. In der Region Stollberg/Hohenstein-Ernstthal ist indes zumindest bei einem der noch praktizierenden Augenärzte der Ruhestand schon greifbar: Er hat die 60 überschritten.

Mit Umsetzung des Terminservice- und Versorgungsgesetzes seien bestimmte Facharztgruppen, zu denen auch die Augenärzte zählen, verpflichtet, mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde anzubieten, macht André Reiche aufmerksam. Im Rahmen dieser könnten Patienten die Praxis ohne vorherige Terminvereinbarung aufsuchen. Allerdings schiebt Reiche eine wesentliche Einschränkung für dieses Angebot nach: Die Behandlung erfolge "im Rahmen der vorhandenen Kapazitäten".

Und wie nun raus aus der Misere? Aktuell werden in Südwestsachsen weitere Maßnahmen und Versorgungskonzepte vorbereitet, erklärt Reiche. Der Fokus liege auf einer engeren Verzahnung von ambulantem und stationärem Bereich und insbesondere auf einer nachhaltigen fachärztlichen Weiterbildung, erklärt er.

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen steht Patienten bei der Vermittlung von dringlichen Terminen bei Fachärzten mit Überweisung durch die Terminservicestelle zur Verfügung. Zu erreichen ist diese unter folgender Adresse (Link "Terminservicestelle"): www.kvs-sachsen.de/buerger/

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