Als Berichterstatterin mittendrin in den Massenkundgebungen

30 Jahre Wende Wie erlebten die Menschen diese Zeit? Heute: Kerstin Martin, die für die "Freie Presse" Proteste und Prominente ins Blatt brachte.

Zwickau.

Am 24. Oktober 1989 gab es von der Demonstration nach dem zweiten Friedensgebet in der Lutherkirche durch die Stadt zum Rathaus wenigstens eine kleine Meldung im Zwickauer Lokalteil der "Freien Presse". Diese ist Kerstin Martin zu verdanken, die damals noch Schuster hieß.

"Ich wohnte zu dieser Zeit in der Innenstadt, war schon zu Hause und sah draußen Lichter flackern. Da bin ich noch mal los und habe mir ein Bild von der Veranstaltung verschafft", erinnert sie sich. "Dann ging es in die Redaktion. Bis dahin hatten wir uns eingeigelt. Doch jetzt war uns klar: Darüber müssen wir was machen."

Es war die erste von vielen Kundgebungen und anderen Zusammenkünften, die die Stadtredakteurin in diesem Wendeherbst begleitet hat. Meist war Fotoreporter Uwe Mann an ihrer Seite. Beispielsweise, als im Haus der DSF (Deutsch-sowjetische Freundschaft) an der Max-Pechstein-Straße, das heute eine Ruine ist, die konstituierende Sitzung des Neuen Forums stattfand. "Das werde ich nie vergessen. Etliche Teilnehmer guckten verwundert, als wir Zeitungsleute dort auftauchten, schließlich kannten uns ja viele", berichtet Kerstin Martin. "Und als wir das Gebäude wieder verlassen haben, raschelte es im Gebüsch. Dort hatten sich Stasi-Leute versteckt, die beobachteten, wer bei dieser Sitzung ein und aus ging."

Die Redakteurin hat auch über die Demo am 6. November berichtet, an der mehr als 14.000 Zwickauer teilnahmen, genau wie über die weiteren Montagsdemos. "In der Kälte schrieb mein Kuli nicht. Da hat Michael Luther von der CDU seinen Stift aus der Jacke gezogen. Mit wohltemperierter Mine, damit ich mir Notizen machen konnte", sagt sie und erzählt, dass es immer eine Herausforderung war, abends die Texte für die Ausgabe am nächsten Tag zu schreiben. "Ich habe die Beiträge auf der mechanischen Schreibmaschine getippt. Und der Setzer wartete schon ungeduldig an der Maschine."

Die Journalistin erzählt lachend, wie sie den Sprechchor der Demonstranten "Schnitzler in die Muppet Show" in einem ihrer Beiträge unterbringen wollte. "Ich wusste aber nicht, wie Muppet Show geschrieben wird. Heute würde ich einfach bei Wikipedia nachschauen. Aber das ging damals nicht. Also habe ich andere Sprechchöre wie ,Wir sind das Volk' und ,Demokratie, jetzt oder nie!' zitiert."

Schlimme Anfeindungen habe sie nicht erlebt. "Aber kritischen Fragen mussten wir uns schon stellen. So beim ersten Runden Tisch Mitte Dezember 1989, als es um die Tagespresse ging", sagt Kerstin Martin. "Ich war echt froh, als die ,Freie Presse' dann vier Wochen später als unabhängige Tageszeitung erschien, die endgültige Trennung vom Herausgeber SED/PDS vollzogen war."

Die Redakteurin erinnert sich, dass Leute in die Redaktion kamen und fragten, warum die Rede, die sie auf einer Demo gehalten hatten, nicht abgedruckt worden ist. "Denen musste ich dann klar machen, dass bei teilweise 15Rednern nicht jeder zitiert werden konnte."

In der Wendezeit lernte Kerstin Martin auch namhafte Politiker kennen, die in Zwickau gesprochen haben. "Ich habe über die Auftritte von Willy Brand, Max Streibl und Johannes Rau berichtet", erzählt sie. "Als Helmut Kohl am 26. September 1990 auf dem Hauptmarkt gesprochen hat, befand sich das Pressezentrum im damaligen 'Goldenen Anker'. Da haben Sicherheitskräfte meine Tasche durchsucht und wollten mir den Regenschirm wegnehmen. Aber Kohl sprang mir zur Seite und sagte ,Lasst doch das Mädchen in Ruh'. Damals war ich 36 Jahre alt und wie später Angela Merkel in einem Alter, in dem der Kanzler Frauen Mädchen nannte."

Im ersten Bus mit Zwickauern, die im Dezember 1989 in die Partnerstadt Dortmund gefahren ist, saß die "Freie Presse"-Redakteurin ebenfalls. Und zwar mit ihrem Kollegen Klaus Tippmann. "Wir waren dort zu Gast in der der ,Westfälischen Rundschau' und haben in der Zeitung Beiträge veröffentlicht. Damals war die Euphorie auch im Westen noch groß. Uns wurde gesagt, dass nicht mal beim Papst-Besuch so viele Leute gekommen waren wie beim Besuch der Zwickauer", erzählt sie. "Unsere 100 Mark Begrüßungsgeld reichten allerdings vorn und hinten nicht. Und es war schon ein merkwürdiges Gefühl, mich von den Kollegen dort aushalten zu lassen."

Kerstin Martin hat der "Freien Presse" bis zu ihrer Pensionierung vor fast drei Jahren die Treue gehalten. "Und ich bin froh, dass uns viele Leser die Treue gehalten haben. Die ,Sachsenpost', die uns im Februar 1990 vom Markt vertreiben wollte, hat das nicht geschafft."

Die Verfasserin und die Hauptperson des Beitrags teilen denselben Nachnamen, sind aber nicht verwandt oder verschwägert.

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