Als der Wirt auch Zoll kassierte

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Lokal "Zum deutschen Kaiser" (Folge 36)

Werdau.

Entlang der Crimmitschauer Straße folgt nach dem ehemaligen Restaurant "Nordbahnhof" auf der rechten Seite mit der Haus Nr. 34 c die ehemalige Villa der Eigentümer der früheren Vigognespinnerei C. G. Schön. Seit ein paar Monaten befindet sich in dem Haus ein Hospiz. Die Gebäude der dahinterliegenden flächenmäßig riesigen Fabrikanlagen wurden nach langer Zeit des Verfalls erst 2011 abgebrochen. Nahezu an der Werdauer Stadtgrenze befinden sich die Spinnereianlagen von Gustav Vogel, die der Vorbesitzer Hugo Schmelzer bereits 1887/88 errichtete und die zu DDR-Zeiten zum VEB Zweiga Werdau gehörten. Durch den Abbruch nach 1990 sind die dahinterliegenden noch erhaltenen Gebäude und der große Schornstein der früheren Tuchfabrik von C. G. Bäßler gut zu erkennen, liegen aber bereits auf Langenhessener Flur. Auf dem freien Platz vor der Vogelschen Fabrik existierte bis vor Kurzem noch ein Verbrauchermarkt. Gegenwärtig hat hier nur noch der Gartenbaubetrieb Heuschkel einen Verkauf.

Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, direkt an der Stadtgrenze, befindet sich ein in den letzten Jahren saniertes Wohnhaus. Diesem unscheinbaren kleinen Häuschen sieht man seine lange gastwirtschaftliche Geschichte überhaupt nicht mehr an. 1831 wurde dieses Haus als erstes Wohnhaus an der alten Chaussee nach Crimmitschau, auch als Hessengasse bezeichnet, errichtet. Dessen Bewohner hatten damals die Funktion eines Chausseegeldeinnehmers. Seit der Errichtung dieser Art "Zollstation" hatte der Besitzer Heinrich Willig auch die Genehmigung, zusätzlich im Haus eine Schankwirtschaft zu betreiben. Als 1859 Gottlieb Wolf das Zollamt übernahm, betrieb er zunächst nur einen Handel mit Bier und Branntwein. Wenige Jahre später im Mai 1862 eröffnete Wolf doch noch ein Schankhaus. Er bezeichnete es dann als Schankwirtschaft "Zur grünen Aue". Im Jahr 1900 kaufte der Klempnermeister Karl Paul Metzner aus Steinpleis die Schankwirtschaft und gab ihr den Namen "Lindengarten". 1919 gab es mit Paul Augustin einen erneuten Besitzerwechsel. Von nun an hieß das Restaurant Gasthaus "Stadtgrenze". Es wurde noch bis 1957 weiterbetrieben. Das Gasthaus wurde danach zu einem Wohnhaus umgebaut. Nach 1990 stand das Haus lange Zeit leer. Erst nach 2010 wurde das Gebäude saniert und ist heute wieder bewohnt.

Im Bereich des Haltepunktes Nordbahnhof war ursprünglich die Anlage eines Güterbahnhofes angedacht. Das war unter anderem der Grund, weshalb sich in diesem Gebiet auch kleinere Unternehmen ansiedelten. So entstand 1867 zum Beispiel an der Ecke zur Bauvereinstraße die Möbelfabrik und Kunsttischlerei der Gebrüder Scheller (Crimmitschauer Straße 32). Später wurde diese durch Curt Weber und danach von Hans- Ullrich Böttcher als Fensterbau weiterbetrieben. Heute befinden sich in Teilen des Gebäudes Arztpraxen und die "Wilhelm-Busch"-Apotheke.

Ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts erforderte die fortschreitende Industrialisierung in Werdau eine Erweiterung des vorhandenen Straßensystems. Der eigens 1874 aus dem Werdauer Industrieverein heraus gegründete Bauverein nahm sich dieser Aufgabe an. Neben dem Ausbau der heutigen Dr.- Külz- Straße in Richtung Güterbahnhof war es ebenfalls zwingend notwendig, eine Verbindungsstraße vom Grünanger und der Mühlenstraße zur heutigen Crimmitschauer Straße zu schaffen. Im Mai 1875 gab dazu der Bauverein bekannt, dass er beabsichtigt in der "Grünen Aue", so hieß des Gebiet unterhalb der Gasanstalt zwischen Pleiße und Crimmitschauer Chaussee, eine Straße und vorerst zehn Wohnhäuser zu erbauen. Bezeichnend erhielt diese Straße den Namen "Bauvereinstraße", die in der Folge mit der "Nordstraße" und der "Mittelstraße" ein zusammenhängendes Wohn-, Handels- und Kleingewerbegebiet bildete. In diesem Umfeld etablierten sich auch große und kleinere Gaststätten. Im Eckgebäude zur Mittelstraße mit Haus Nummer 17 war eine Restauration, die 1878 von Julius Saegert übernommen und nach dessen Heimatort "Stadt Magdeburg" benannt wurde. 1880 wurde das Restaurant aufgegeben und im Gebäude eine Art Fettfabrik betrieben. Heute ist das Gebäude ein Wohnhaus. Nur wenige Häuser weiter eröffnete Albrecht Hanika 1877 eine weitere Restauration. Ab 1898 bekam die Restauration den Namen "Zum blauen Engel". Erst ab 1909 gab der bereits seit 1899 neue Besitzer Franz Robert Popp der Restauration den Namen "Restaurant Robert Popp". Ab 1961 wurde es durch die Familie Keller als "Popps Gaststätte" weiterbewirtschaftet. Nach umfassendem Umbau erfolgte im Juli 1982 die Wiedereröffnung als "Eisstübl Schneider". Die Einrichtung ist seit einiger Zeit geschlossen. Die Familie Schneider betreibt in der August-Bebel- Straße 41 das Eis-Cafe "Capri". Am unteren Ende der Bauvereinstraße wurde 1877 ein großes Eckgebäude mit der Nr. 28 errichtet, welches mit seinem rechtwinkligen Anbau bis in die Nordstraße reichte. Noch im selben Jahr eröffnete hier Carl Gottlob Klopfer das Restaurant "Zum deutschen Kaiser". Auf der alten Ansichtskarte aus dem Jahr 1908 ist auf der linken Seite das Restaurant abgebildet. Durch eine Einfahrt von der Nordstraße gelangte man in den Innenhof, in dem speziell für Pferdegespanne mit Kutschen Remisen errichtet wurden. Vor allem die Mitglieder der Werdauer Militärvereine waren die eifrigsten Besucher der Restauration, die bis 1918 bestand. Anschließend waren verschiedenste Gewerbe eingerichtet. So existierte bis 1965 in den Räumen noch das Lebensmittelgeschäft von Alfred Körner. Die um 1908 noch unbefestigte Straße zeigt in ihrer Bebauung einen nahezu einheitlichen Baustil mit zweigeschossigen Häusern. An einigen sind heute noch Schmuckelemente an Hauswänden relativ gut erhalten und aufwendig saniert. Die aktuelle Aufnahme zeigt den Standort, an dem sich die ehemalige Restauration befand und nun zur Freifläche wurde. Das war um 1995, nachdem das Eckgebäude bis hin zum Gaswerk abgebrochen wurde.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben.

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