Als in der Tuchfabrik die Lichter ausgingen

9000 volkseigene Betriebe wurden nach dem Mauerfall von der Treuhand abgewickelt. Eine Ausstellung erinnerte daran in der Tuchfabrik. Die Firma, die einst bis zu 5000 Beschäftigte hatte, spielte in der Schau jedoch keine Rolle. Dabei wurde auch der Betrieb abgewickelt.

Crimmitschau.

Wenn Klaus Eichhorn heute durch die Räume der Tuchfabrik Gebr. Pfau an der Leipziger Straße geht, werden bei dem 84-Jährigen Erinnerungen an sein Berufsleben wach. Der Crimmitschauer war bis zum Ende der Volltuchwerke Chef des Unternehmens, in dem zu Spitzenzeiten in den acht Betriebsteilen insgesamt bis zu 5000 Frauen und Männer beschäftigt waren. Am 30. Juni 1992 wurde die Produktion eingestellt. Ein von der Treuhand bestellter Liquidator fand keinen Käufer für das Unternehmen. Damit verloren auch die letzten verbliebenen rund 200 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz.

Ihnen erging es so wie zuvor Tausenden anderen Frauen und Männern, die von der Treuhand "abgewickelt" wurden. An einige von ihnen erinnerte vier Wochen lang eine Ausstellung in der Tuchfabrik, die bis vor ein paar Tagen zu sehen war. Der Titel der Schau: Schicksal Treuhand - Treuhand Schicksale. Die Tuchfabrik und ihre ehemaligen Beschäftigten spielen in der Wanderausstellung, die von der Rosa-Luxenburg-Stiftung zusammengestellt wurde, keine Rolle. "Bei den Massenentlassungen ging es damals nicht um individuelle Lebensleistungen. Emanzipationserfahrungen der Jahre 1989/90, berufliche Qualifikationen und Kenntnisse aus 40 Jahren DDR fanden keine Berücksichtigung. Das war vor allem für jene schmerzhaft, die die DDR mit aufgebaut hatten, deren Lebens- und Familiengeschichte auf vielfältige Art und Weise mit der Berufstätigkeit und dem Arbeitskollektiv verknüpft waren. Sie mussten ohnmächtig mit ansehen, wie ihr Betrieb für die symbolische eine D-Mark verkauft oder gleich geschlossen wurde", schreibt Dagmar Enkelmann, Vorstandsvorsitzende der Rosa-Luxenburg-Stiftung im Editorial eines Begleitbuches zur Ausstellung. Sie erinnert zugleich an die Anfänge der Treuhand: Als "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums" war sie am 1.März 1990 von der Modrow-Regierung beschlossen worden mit dem Ziel, das Volkseigentum zu bewahren und im Interesse der Allgemeinheit zu verwalten. Mit dem Sieg der"Allianz für Deutschland" bei der letzten Volkskammerwahl 1990 wurde die Treuhand zur Privatisierungsbehörde. 9000 volkseigene Betriebe mit insgesamt 4,1 Millionen Arbeitsplätzen sollte die Treuhandanstalt "markttauglich" machen.

Die Volltuchwerke in Crimmitschau gehörten ebenfalls dazu. Textilingenieur Klaus Eichhorn, der 18 Jahre Direktor für Produktion war und 1984 zum Betriebsdirektor berufen wurde, erinnert sich an die letzten Jahre des Unternehmens. "Das Sterben der Textilindustrie hatte in den alten Bundesländern schon in den 1980er-Jahren begonnen. Uns ist das damals nur nicht so bewusst geworden", sagt Eichhorn, der das 1990 in eine GmbH umgewandelte Unternehmen fortan als Geschäftsführer leitete. "Wir haben in der neuen Form versucht, die Produktion so lange wie möglich noch aufrechtzuerhalten, um die Chancen einer Übernahme durch einen Investor zu wahren", sagt Eichhorn. Mit der Unterstützung von Wirtschaftsberatern und der Treuhand wurden Konzepte erarbeitet, die ein Überleben der Betriebsteile und möglichst vieler Beschäftigungsverhältnisse sichern sollten. Das gelang nur teilweise. "Die Treuhand verkaufte das Plüschwerk an ein italienisches Unternehmen, das sein Versprechen auf Weiterführung der Produktion mit rund 60 Beschäftigten nie einlöste und später die vorhandenen hochmodernen Maschinen in seinen Stammwerk nach Italien umsetzte", sagt Eichhorn. Doch es gab auch Erfolge. "Die modernen belgischen Greiferwebmaschinen, die noch zu DDR-Zeiten erworben wurden, erleichterten der neu gegründeten Firma Sprengler & Fürst den Start in die Markwirtschaft."

"Trotz aller Bemühungen und international anerkannter Kollektionen konnte das Konzept für die Volltuchwerke GmbH mit 200 Beschäftigten durch fehlende Aufträge nicht umgesetzt werden, sodass die Treuhand im Sommer 1992 die Liquidation anordnete", erinnert sich Klaus Eichhorn. Von der einst erfolgreichen Zeit der Volltuchwerke ist lediglich die ehemalige Tuchfabrik Pfau erhalten geblieben. "Bereits 1990 wurde das Werk unter Denkmalschutz gestellt und zunächst als Museum im Aufbau, dann als technisches Denkmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht", sagt Eichhorn. Der 84-Jährige gehört heute zum Vorstand des Fördervereins "Westsächsisches Textilmuseum", der sich die Bewahrung der Geschichte der Textilindustrie in Crimmitschau für die Nachwelt auf die Fahnen geschrieben hat. Die Tuchfabrik ist 2020 einer der Schauplätze der Landesausstellung zur sächsischen Industriegeschichte. Dann rücken der Standort Crimmitschau und die ehemaligen Beschäftigten der Textilbranche wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, 28 Jahre nachdem in den Volltuchwerken die Lichter ausgingen. Die Ausstellung zur Geschichte der Treuhand ist dann längst abgebaut und irgendwo an einem anderen Standort in Deutschland zu sehen.

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