Als Zwickau zu Paris wurde

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstad. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 38: ein TV-Ereignis vor 30 Jahren.

Zwickau.

1986 lief im DDR-Fern- sehen an einem Abend der aufwendig produzierte, knapp vierstündige Zweiteiler "Ernst Thälmann". Anlass war der 100. Geburtstag des Arbeiterführers und KPD-Chefs. Das staatliche Filmunternehmen Defa drehte dafür an 75 Orten in der DDR, BRD, Sowjetunion, CSSR und in Frankreich. Dazu gehörte Zwickau mit gleich drei Kulissen.

Aus dem Zwickauer Westsachsenstadion (damals Georgi-Dimitroff-Stadion) machte die Filmcrew das "Stadion am Zoo" in Wuppertal, wo Thälmann 1932 vor Zehntausenden Anhängern sprach. Beide Sportstätten besaßen in ihrer ursprünglichen Form ein mächtiges Eingangsportal und eine Radrennbahn. Länger als drei Minuten dauert ist die spektakuläre Massenszene. Am Stadionturm prangt die Losung "Antifaschistische Aktion - Her zu uns!". Ränge, Rasen und Turm sind mit Tausenden Statisten gefüllt. Die klatschende Menge feiert Thälmann frenetisch mit Sprechchören. Andreas-Schmidt Schaller tritt als KPD-Helfer in Erscheinung.

Die Aufnahmen fanden im Sommer 1985 statt. Eine etwa 70 Sekunden lange Szene entstand auf der Paradiesbrücke. Ein Polizeihauptmann informiert Joseph Goebbels (Arno Wyzniewski) über Straßenblockaden. Der Reichspropagandaleiter schwört den Kommunisten Rache, weil sie ihm den Weg nach Wuppertal versperren. Mit etwas Ortskenntnis sind die Stahlkonstruktion des Jugendstil-Bauwerks, das Trafohäuschen am östlichen Brückenende, der Brauerei-Schornstein und die Häuser am östlichen Muldeufer deutlich zu erkennen. Die "Neue Welt" dekorierten die Filmemacher zu einem Pariser Versammlungssaal um. Hunderte französische Kameraden jubeln Thälmann vom Parterre und den Rängen in Sprechchören zu. Der Jugendstil-Saal ist mit roten Fahnen, Frankreich-Flaggen und Transparenten mit Aufschriften wie "Vive l'internationalisme prolétarien!" (Es lebe der proletarische Internationalismus) geschmückt.

Die Defa hatte im Juni 1985 auf der Suche nach Kleindarstellern wiederholt in der "Freien Presse" annonciert. Gesucht wurden "rüstige Männer" im Alter von 60 bis 70 Jahren und Frauen von 18 bis 65 Jahren. Interessenten sollten sich im Jugendclub an der Hauptstraße 44 oder in einer ehemaligen Jugendboutique, Hauptstraße 4, melden. Die Drehzeit für den "historischen Fernsehfilm" - Genaueres wurde in den Anzeigen nicht mitgeteilt - war für den Zeitraum 3. bis 16. Juli 1985 angesetzt.

Zeitweilige Sperrungen gab es auch an der Reinsdorfer Straße, Adolf-Hennecke-Brücke (heute Glück-Auf-Brücke) und rund ums Konzert- und Ballhaus. Ein Arbeiter aus dem Steinkohlenwerk "August Bebel", der als Komparse mitwirkte, schrieb einen Leserbrief an die "Freie Presse": "Im Dimitroffstadion spielte ich einen Wuppertaler Eisenbahner und in der ,Neuen Welt' einen französischen Arbeiter." Seine Kampfgruppeneinheit "Rudolf Baumann" habe sich mit "diesem bedeutenden Film" ausgiebig auseinandergesetzt.

Die Produktion nahm vier Jahre in Anspruch. "Der Thälmann-Film war ein vom Fernsehen der DDR umgesetztes Parteivorhaben, das auf oberster politischer Ebene überwacht, aber auch nach Kräften gefördert wurde", stellt Franca Wolff in ihrem Buch "Glasnost erst kurz vor Sendeschluss: Die letzten Jahre des DDR-Fernsehens" fest. Theater, Armee und Betriebe seien angehalten gewesen, das Prestigeobjekt mit Schauspielern, Statisten und historisch exakten Kostümen zu unterstützen. Janina Hartwig und Jan Josef Liefers sind in frühen Rollen zu sehen. An der Massenszene im Stadion beteiligte sich unter anderem das motorisierte Schützenregiment 7 der Nationalen Volksarmee.

Die Uraufführung fand am Abend vor der TV-Ausstrahlung im Berliner Kino "Kosmos" statt. Anwesend waren unter anderem Staats- und Parteichef Erich Honecker, Volksbildungsministerin Margot Honecker, Botschafter befreundeter Länder, Weggefährten Thälmanns, Tochter Irma Gabel-Thälmann und Aktivisten der ersten Stunde. Regisseurin Ursula Bonhoff widmete den Fernsehfilm (als DVD erhältlich) dem XI. Parteitag der SED. Die Parteiführung dekorierte Hellmut Schellhardt und das "Schöpferkollektiv" mit dem Nationalpreis erster Klasse.

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