Anwohner im Zwickauer Westen fürchten um Frischluftschneise

Gemeinsam mit Werdau will die Stadt ein neues Gewerbegebiet einrichten. Doch gegen das Vorhaben gibt es Vorbehalte.

Noch Kaltluftschneise westlich von Zwickau, doch in ein paar Jahren Gewerbegebiet? Zwischen dem Kreisel der Mitteltrasse am Rande von Steinpleis (im Bild) und der Kreisstadt auf der anderen Seite der Erhebung sollen auf der rechten Seite Ansiedlungsflächen geschaffen werden. Zumindest ist die Planung in Gang gesetzt worden.

Von Frank Dörfelt

Gewerbeflächen sind heute gefragter denn je. Und sie sind knapp. Seit Jahren läuft die Wirtschaftsförderung der Stadt Zwickau dem Bedarf vor allem an großen zusammenhängenden Flächen hinterher. Die Idee, gemeinsam mit der Stadt Werdau ein Gewerbegebiet zu entwickeln, dürfte den Verantwortlichen da wie ein Rettungsanker vorgekommen sein.

Eine Fläche von 76 Hektar - 60 davon auf Werdauer/Steinpleiser Flur - soll nach den Vorstellungen der Wirtschaftsförderer ansiedlungswilligen Firmen zur Verfügung gestellt werden. Sie liegt zwischen dem Kreisverkehr an der Mitteltrasse in Steinpleis und dem Gelände des früheren Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) und damit "strategisch günstig an den Zufahrtsstraßen", wie der Sprecher der Zwickauer Stadtverwaltung, Mathias Merz, sagt. Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) hatte in einem Interview mit der "Freien Presse" das künftige Gewerbegebiet als eine Chance für Zwickau genannt, ohne allerdings näher darauf einzugehen.

Was Findeiß als Chance sieht, sehen die Anwohner rund um das Gebiet eher kritisch. Sie haben erst aus der Zeitung erfahren, was in ihrer Nähe entstehen soll. "Was wird hier hinter verschlossenen Türen ohne öffentliche Beteiligung gemacht?", will Mathias Neuber wissen, der an dem geplanten Gewerbegebiet lebt. Eine kurze Umfrage der "Freien Presse" ergab, dass zumindest ein Teil der Einwohner des betroffenen Stadtteils Brand von den Plänen entweder noch gar nichts wusste oder "nur mal was aufgeschnappt" hat. Öffentlich äußern wollte sich dazu keiner.

Mathias Neuber befürchtet, dass die Einwohner von Brand und des westlichen Marienthals mit der Schaffung des Gewerbegebietes vor vollendete Tatsachen gestellt werden sollen. "Beim Gefängnis auf dem RAW-Gelände hat das ja sehr gut funktioniert."

Für Bürger wird es aber durchaus noch Gelegenheit geben, sich zu äußern. Nach derzeitigem Stand gilt das Areal als Landwirtschafts- oder Grünfläche. "Eine gewerbliche oder industrielle Nutzung ist deshalb nicht möglich", sagt Mathias Merz. Im April haben die Städte Zwickau und Werdau daher beim Planungsverband Region Chemnitz eine entsprechende Umwidmung in das "Interkommunale Gewerbegebiet Zwickau-Werdau" beantragt. Selbst bei einem positiven Entscheid hieße das noch nicht, dass dort auch Industriebetriebe angesiedelt werden können. "Das muss bei der Schaffung des Baurechtes untersucht werden", sagt Merz.

Industrie hin oder her - Mathias Neuber sieht noch ein anderes Problem: "Die landwirtschaftlichen Flächen sind genauso eine Frischluftschneise für das Zentrum der Stadt Zwickau wie der Flugplatz". Offenbar liegt er damit nicht falsch. "Das geplante Gewerbegebiet befindet sich am südwestlichen Ende einer Hauptventilationsbahn zwischen der Zwickauer Innenstadt und dem Umland Richtung Lichtentanne", bestätigte Pressesprecher Merz. Anders ausgedrückt: Es handelt sich tatsächlich um eine Luftschneise, die die Innenstadt mit Kaltluft versorgt. "Insgesamt ist sie für den Luftaustausch zwischen Umland und der Stadt von wesentlicher Bedeutung", so Merz weiter. Werde diese Luftbahn von Gewerbehallen gestört, würde sich das mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ihre Funktion auswirken. Wie relevant die Veränderungen wären, lässt sich ohne eingehende Analyse aber nicht beantworten.

Die Mühlen der Bürokratie mahlen ohnehin langsam. Wie der stellvertretende Chef des Planungsverbandes, Jens Uhlig, sagt, müssen erst der Planungsausschuss und die Verbandsversammlung über die Änderungen beraten. Da die für den 30.August geplante Verbandsversammlung ausfällt, steht der 4. Dezember als nächster Termin. Welche Chancen das Gebiet hat, tatsächlich zur Gewerbefläche zu werden, dazu konnte sich Uhlig noch nicht äußern. "Während des erforderlichen Bauleitplanverfahrens zum Standort wird im Rahmen der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange geklärt, inwiefern eine Entwicklung möglich ist", sagt Uhlig. Und auch Stadtsprecher Mathias Merz äußert sich dazu: "Die räumliche Ausdehnung wird derart zu gestalten sein, dass ausreichende Abstände zur Wohnbebauung Brand und nach Steinpleis-Weißenbrunn existieren". Zur Abschirmung und zum Schutz sei rundum ein großer Grüngürtel erforderlich. Wie lange die Planungen insgesamt dauern werden, dazu könne derzeit noch keine Aussage getroffen werden.

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