Ausflugsgaststätte mit Bäckerei lockte mit frischem Kuchen

Wie sich Werdau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Bergschlösschen (Folge 68)

Königswalde.

Diese Fotopostkarte aus dem Jahr 1939 zeigt die heute nicht mehr vorhandene Ausflugsgaststätte "Bergschlösschen" in Königswalde, heute ein Ortsteil von Werdau. Der Name einer Bushaltestelle im Dorf aber erinnert noch heute an deren einstige Existenz. Jetzt ist der ehemalige Standort der Gaststätte eine mit Rasen bewachsene Freifläche.

Das "Bergschlösschen", auf einem Hang nördlich oberhalb der heu- tigen Königsstraße gelegen, war eine von vier Gaststätten in Königswalde. Es entstand im Zuge der Ortserweiterung um 1860, etwa zwischen 1861 und 1864. Zur Gaststätte gehörte stets eine Bäckerei, und das Kaffeetrinken mit haus- gebackenem Kuchen war eine der Haupteinnahmequellen dieser Restauration.


Gründer und langjähriger erster Betreiber der Gaststätte war der Bäckermeister Paul Friedrich Kögler. Der gesamte Komplex bestand aus drei aneinandergereihten Gebäuden: Die Bäckerei war in einem alten Fachwerkhaus untergebracht, an das das eigentliche Gaststätten- gebäude mit Schankstube und Vereinszimmer angebaut war. Den Abschluss der Gebäudereihe bildete ein Saal. Rückwärtig schloss sich an den Komplex ein großer Terrassengarten an - auf der Postkarte gut zu sehen-, der im Sommerhalbjahr als Bier- und Kaffeegarten genutzt wurde und die meisten Gäste aus nah und fern anzog. Auch in der zweiten Generation wurden Gaststätte und Bäckerei noch von der Familie Kögler betrieben, seit etwa 1900 dann von Georg Kögler. Das "Bergschlösschen" war unter dem Vereinsvorsitzenden Oskar Neumärkel auch das Stammlokal des 1864 gegründeten Landwirtschaftlichen Vereins, später auch des Königswalder Motorradklubs, der von Max Seifert geleitet wurde.

Als sich 1933 Georg Kögler zur Ruhe setzen wollte, nutzte der Bäcker Willy Gottesmann, der Mitglied der NSDAP war, die Gunst der Stunde und wurde dank seiner guten Beziehungen neuer Eigentümer des "Bergschlösschens", nur ein Jahr später dann auch Inhaber der Bäckerei. 1935 wurde Willy Gottesmann Königswalder Ortsgruppenleiter der NSDAP und Erster Beigeordneter des Bürgermeisters. In dieser Zeit wurde im "Bergschlösschen" auch ein Geschäftszimmer der NSDAP eingerichtet. In den frühen 1930er-Jahren erfolgten im Saal des Lokals Renovierungsarbeiten, und er wurde vergrößert. Die Räumlichkeit war nunmehr über eine kleine Außentreppe separat zu erreichen. Auf dem Vorgelände wurden etliche Parkplätze für Kraftfahrzeuge geschaffen.

Gemäß Beschluss Nummer 64 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland wurde Willy Gottesmann im Jahr 1945 enteignet und das "Bergschlösschen" in mehrere Teile zergliedert. Die Gaststätte wurde in Gemeindeeigentum überführt, die Bäckerei bis 1960 von Erich Graichen betrieben. Am 14. September 1946 kam es im Saal zur Gründung der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, zu der sich der ehemalige Landwirtschaftliche Verein und der Verein junger Landwirte zusammenschlossen. Schließlich wurde aus dem "Bergschlösschen" das Kulturhaus der Gemeinde Königswalde. Bis zur Schließung der Gaststätte wechselten sich circa 15 Pächter der Konsumgenossenschaft ab. Die Gasträume wurden nur noch zu Sitzungen und Veranstaltungen geöffnet. Im Saal aber fanden jeden Sonntag Filmvorführungen statt.

Da das Dorf Königswalde anfangs über keinen Sportplatz verfügte, wurde der Saal auch als Turnhalle für die Königswalder Schüler genutzt. 1957 wurde im Kultur- haus die Gemeindebibliothek von Königswalde eingerichtet, die aber bald in ein neues Domizil umzog. Der ehemalige Terrassengarten wurde vom Verband der Kleingärtner alljährlich gepflegt und bepflanzt.

Im Jahr 1960 übernahm dann Herbert Schwertner als letzter Bäcker die Bäckerei, zuvor war er Betreiber der ehemaligen Girgnerschen Bäckerei an der Hartmannsdorfer Straße im Dorf gewesen. Die Bäckerei bestand jedoch nur noch wenige Jahre lang. Mit der Fertigstellung des neuen Mehrzweckgebäudes auf dem Gelände des ehemaligen Sarfertschen Gasthofes im Jahr 1974 diente der Saal nicht mehr als Turnhalle. Der Gemeindeverband Werdau-Süd investierte kaum noch finanzielle Mittel in das "Bergschlösschen". Die Freiwillige Feuerwehr Königswalde aber nutzte die Gasträume noch bis 1984 für ihre Zusammenkünfte. Im Saal fand gelegentlich noch Jugendtanz statt, und bis 1985 wurden hier auch Vereinsfeste durchgeführt. 1985/86 erfolgte dann der vollständige Abbruch des einst so beliebten "Bergschlösschens".

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