Bis 1952 gab es Bier und Schnaps

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Restaurant "Gambrinus" (Folge 49)

Werdau.

Der Werdauer Markt beginnt an seiner Südseite von der August-Bebel-Straße kommend mit einem schmalen Straßenbereich. Das auf der linken Seite stehende, verwinkelte einstöckige Gebäude besteht scheinbar aus mehreren Hausteilen. Es trägt aber als ein komplettes Haus die Anschrift Markt Nr. 1.

Im Straßenbereich davor ist eine Erinnerungsplatte eingelassen, welche den Standort des ehemaligen Oberen Stadttors markiert. In dem mit seiner Hofmauer direkt an der Querstraße liegenden Gebäude Markt 1 lagen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Anfänge für eine Spedition. 1830 siedelten Wilhelm Burkhardt und Wilhelm Vollbrechtshausen nach Werdau über und gründeten eine Groß- und Kleinhandelsgesellschaft. Beide hatten ihr Wirtschaftsstudium in Leipzig beendet. Bereits 1832 eröffneten sie ein "Etablissement Colonial-Waaren und Tabak". Da dieses alte Haus das Braurecht besaß, verköstigten die Besitzer die Kunden in ihrem Geschäft mit Eigen-Bier sowie mit Wein und anderen Spirituosen. 1847 erhielt Wilhelm Vollbrechtshausen den Auftrag, seine "Waaren" auch zu dem wenige Jahre zuvor erbauten Werdauer Bahnhof zu transportieren. Beide Unternehmer gründeten eine Spedition, die Vollbrechtshausen nach der Trennung von Burkhardt komplett auf das Bahnhofsgelände verlegte. Burkhardt zog aus Werdau weg und aus der Spedition am Bahnhof wurde in der Folgezeit ein großes Unternehmen, der spätere VEB Kraftverkehr. Das Geschäft Markt 1 übernahm 1847 Wilhelm Leonhardt. Er eröffnete einen Weinhandel und eine Weinstube. Den Weinschank betrieb Leonhardt bis etwa 1860. Als späteres "Zigarren- und Kaffee-Spezialgeschäft" von Emil Scholz und danach von Paul Günnel ist es älteren Werdauern in Erinnerung. Heute beherbergt das Gebäude wieder zwei Läden. Eine Eigenart an diesem Haus hat sich mit der Zeit verstärkt: Durch den ständig sich erhöhenden Straßenaufbau und bedingt durch die niedrige Deckenhöhe muss man in den Verkaufsraum des dortigen Textilgeschäftes "hinunter steigen".

Nach diesem Gebäude beginnt der Marktplatz. Im Haus Markt 3, welches noch mit dem Schriftzug "Musik & Ethno" firmiert, genoss man feinste Back- und Konditoreiwaren. Als "Conditorei und Café Guido Jahn" war diese noble Einkehrstätte jahrzehntelang nicht nur bei den Werdauern äußerst beliebt. Bereits 1864 eröffnete hier in diesem Haus Frederike verw. Schürer eine "Konditorei", die Bruno Polster noch im gleichen Jahr übernahm und unter seinem Namen weiterführte. Die Familie Polster verkaufte 1895 die Konditorei an den aus Geithain zugezogenen Guido Arno Jahn. Dieser eröffnete mit seiner Frau Rose eine "Conditorei nebst Café" mit einem besonderen Torten- und Backwaren-Buffet. Die Familie Jahn betrieb ihre Konditorei bis 1961. Die Konsum-Genossenschaft Werdau, von dieser Zeit an neuer Pächter, plante, das Gebäude mit dem Haus Markt 1 als eine geschlossene Einheit zu einer Konditorei "Oase" mit Tages-Café und Milchbar umzugestalten. Dieses Vorhaben wurde aber aufgegeben. Dafür eröffnete der Konsum im Oktober 1962 in den Räumen Markt 3 einen "Schnell-Imbiss". 1976 wurde der Imbiss zu einem "Boulevard Café" erweitert. Diese Einrichtung bestand bis zur Wende. Danach bezog ein Musikgeschäft die Räume. Heute erhält man hier "Alles fürs Kind - Neu und A&V". Im Haus Nr. 5 betrieb Albin Barth und später dessen Sohn Fritz eine Kartoffelgroßhandlung. Das folgende große Gebäude Nr. 7 gehörte dem Fabrikanten Paul Schmelzer. Hier waren seit Anfang der 1980er-Jahre Teilbereiche der Poliklinik eingerichtet. Heute ist es Sitz einer Volksbank-Filiale. Das Haus Nr. 9 war einst mit der Kredit- und Sparbank belegt. Momentan erfolgt hier ein Umbau zu Wohnungen. Im Haus Nr. 11, in dem ein Frisörgeschäft ist, hatte zu DDR-Zeiten das Reformhaus Hupfer Verkaufsräume. Nachdem Gustav Wolf im Haus Nr. 13 seine Leder- und Tapetenhandlung aufgegeben hatte, zog Paul Scharf mit einer Zigarrenhandlung ein. Heute wird hier Damenmode verkauft. Das markante Gebäude Nr. 15 links an der Ecke zur heutigen Marktgasse beherbergt eine Apotheke, deren Anfänge bereits mehrere Hundert Jahre zurückliegen. Mitten im Dreißigjährigen Krieg eröffnete Christian Wächter hier, in einem damals kleinen einstöckigen Haus, die erste Apotheke in Werdau. Mehrfach durch Kriegswirren und Brände zerstört, wurde das Gebäude bis zu seiner heutigen Erscheinungsform immer wieder neu aufgebaut. Schon im 18. Jahrhundert wurde der Name "Apotheke zum goldenen Löwen" geprägt. Als Gebäudeschmuck befindet sich hoch über dem Eingangsbereich die namensgebende Figur eines prächtigen Löwen.

Das Gebäude Markt 17, an der anderen Seite der Marktgasse gelegen, ist ein Neubau. An dieser Stelle befand sich vorher ein altes einstöckiges und verwinkeltes Gebäude, welches aber einst eine Gaststätte mit langer Tradition beherbergte. Das Vorderhaus stammte noch aus der Zeit der Neubebauung nach dem letzten verheerenden Stadtbrand von 1756. Schon in den 1850er-Jahren betrieb hier August Weidemüller eine einfache Schankwirtschaft. Als Friedrich Braun 1871 die Schank-Concession für dieses Lokal erhielt, nannte er es Restauration "Zum Gambrinus". Die alte Ansichtskarte stammt vermutlich aus der Zeit um 1920. Sie zeigt den damaligen Gastwirt und Hausbesitzer Oswald Effler am Eingang zu seinem Restaurant. Auf der rechten Kartenseite posiert Paul Schmidt vor seinem damaligen Frisörgeschäft. Der junge Mann in der Bildmitte hat sich wahrscheinlich noch nicht entschieden, welche "Lokalität" er zuerst aufsuchen soll. Betrieben wurde das nach 1945 nun als Gaststätte "Gambrinus" bezeichnete Restaurant bis 1952. Der Konsum Werdau übernahm im Anschluss die Räume und richtete ein Geschäft für Büromöbel ein. In den 1970er-Jahren gab es hier einen Herrenausstatter mit Arbeitskleidung und nach der Wende verkaufte man im "Modaik"-Geschäft Herrenmode. Zu diesem Zeitpunkt war der starke Verfall des gesamten Gebäudes unübersehbar. Blieb wirklich nur der Abbruch? Der erfolgte 2001. Der Neubau an gleicher Stelle beherbergt heute einige Arztpraxen. Besonders erwähnenswert ist das in diesem Haus ehemals ansässige Geschäft von Max Schütze, der Anfang 1934 in den vormaligen Räumen des Friseurladens ein Sporthaus eröffnete. Er bot neben Sport-Utensilien Zeitschriften, Lottoscheine, Tabakwaren, alte Briefmarken an. In den 1960er-Jahren gab er den Laden auf.

Quellen Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.

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