Der Politbüro-Austrickser

Hans-Günther Pölitz? Der Kabarettist hat in den 1970er-Jahren an der Pädagogischen Hochschule in Zwickau studiert.

Magdeburg.

Zwickmühle: Laut Duden handelt es sich dabei um "eine schwierige, verzwickte Lage, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint". Hans-Günther Pölitz sieht das anders. Ihm zufolge handelt es sich dabei um einen Ort, in dem man sitzt, um über die eigene missliche Lage zu lachen. Er sagt: "Solange wir über unsere Probleme lachen können, haben uns unsere Probleme nicht im Griff."

Pölitz ist Kabarettist. Mit Absicht hat er sein Kabarett in Magdeburg "Zwickmühle" genannt. Wegen der Bedeutung - und aus Nostalgie. "Dort sind meine Wurzeln. Denn das Studentenkabarett in Zwickau hieß auch so", sagt der 65-Jährige. Das liegt gute 40 Jahre zurück. 1972 hatte Pölitz sein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule begonnen. Damals mussten die Studenten noch nachweisen, dass sie sich künstlerisch engagieren. "Ich dachte, beim Kabarett muss man am wenigsten machen. Und dann war es eine Entscheidung fürs Leben", blickt Pölitz zurück.

Der gebürtige Waldheimer hätte eine Laufbahn als Staatsbürgerkundelehrer und Pionierleiter einschlagen können. "Eigentlich wollte ich Lehramt für Deutsch und Musik studieren. Aber da war kein Reinkommen mehr. Dann gab es das, was Umlenkungsgespräche genannt wurde." So holte er sich sein Rüstzeug zum Kabarettisten, auch wenn ihm das zu diesem Zeitpunkt nicht klar war: Pölitz fand neben dem Studium schnell seine Berufung im Studentenkabarett "Junge Dornen". Als er dessen Leiter beerbte, fing er auch an, Texte zu schreiben - und aus den Dornen wurde eine "Zwickmühle" Der blieb er bis 1982 treu - in jenem Jahr bekam das Ensemble für sein Programm "(V)erzieht euch" die Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen in Neubrandenburg. Regie hatte Gottfried Hegenbarth von den Bühnen der Stadt Zwickau geführt.

Von 1972 bis 1978 studierte und arbeitete Hans-Günther Pölitz an der Zwickauer Hochschule. Als Lehrer für Staatsbürgerkunde war er jedoch nie tätig, abgesehen von einem Praktikum während der Studienzeit. Dennoch kann er auch heute noch seinem umgelenkten Studium etwas abgewinnen: "Wir bekamen die gesamten gesellschaftlichen Grundlagen gelehrt." Genau davon lebe ja gutes Kabarett: dass man weiß, wovon man redet. Und mal ehrlich: So falsch war das damals Gelehrte doch gar nicht, sagt er: "Wir dachten ja immer, das, was in der DDR über die kapitalistische Gesellschaft gesagt wird, ist alles Lüge. Aber dann kam das Praktikum schneller als gedacht." Und schneller als gedacht mussten er und rund 16 Millionen weitere ehemalige DDR-Bürger lernen, wie der Kapitalismus wirklich funktioniert. Der funktionierte so, dass mit der Wende dem Kabarett die Zuschauer davonliefen. "Für die Menschen waren jetzt erst einmal andere Dinge interessant", sagt Pölitz, der nach seiner Zwickauer Zeit nach Dresden zur "Herkuleskeule" gegangen war. Doch das Publikum kam nach und nach zurück. "Das schlug wieder um, als sich die ersten Enttäuschungen breit machten." Es war dennoch nicht mehr dasselbe. "In der DDR herrschten klare Verhältnisse: Da war klar, gegen wen sich das Lachen richtet." Heutzutage gebe es so viele unterschiedliche Interessenlagen, dass man immer von irgendwem Gegenwind bekommt. "Das muss man auf der Bühne aushalten."

In einem weiteren Punkt unterscheidet sich Kabarett in beiden Systemen. "In der DDR war die Zensur immer ideologisch begründet. Aber das Politbüro ließ sich immer irgendwie bescheißen." Heutzutage sei die Zensur ökonomischer Natur. Und das weiß Hans-Günther Pölitz gut. Zwei Jahre lang war er Mitglied der legendären Münchner "Lach- und Schießgesellschaft". "Dann habe ich festgestellt, dass es dort eine gewisse Selbstzensur gab. Man wollte ja doch im Fernsehen gesendet werden." Das war nichts für ihn. Er gründete in Magdeburg sein eigenes Kabarett, nahm sich dazu den Namen aus seinen Anfangsjahren und bezeichnet sich heute als volkseigenes Kabarett. Denn er hängt an keinem Fördertopf, sondern muss sich tatsächlich aus den Einnahmen, die das Volk ihm gibt, finanzieren. Und doch: Ganz ohne das Fernsehen kam auch Hans-Günther Pölitz nicht aus. Man kennt ihn aus dem MDR, bis 2009 war er einer der "Drei von der Zankstelle". Im Übrigen ging das komplett ohne Zensur, sagt er. "Da hat selbst unser Wessi Rainer Basedow gestaunt: Wir haben zehn Jahre lang keine Textbücher eingereicht."

Pölitz' letzter Auftritt in Zwickau liegt lange zurück. In den 1990er-Jahren hat er die Stadt noch einmal besucht - bei einem Treffen seiner ehemaligen Seminargruppe. "Da war schon abzusehen, dass sich sehr viel zum Positiven geändert hat." Klar, er kannte die Stadt ja noch als Ruß-Zwigge. Vom aktuellen Gesicht Zwickaus hat er jedoch keine Ahnung. "Ich habe mir vorgenommen, mal einen freien Tag zu nutzen, um zurück nach Sachsen zu kommen."

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