Die große Liebe an Land gezogen

90 Jahre Kober - Für Reiner Zimmer aus Crimmitschau ist die Talsperre zu einem zweiten Zuhause geworden - mit einem ganz besonderen Erlebnis, das sein Leben veränderte.

Langenhessen.

Es gibt Menschen in der Region, die zur Talsperre einen ganz besonderen Bezug haben. Reiner Zimmer aus Crimmitschau gehört dazu. Während es zu DDR-Zeiten die einen im Sommer mit dem Zelt an die Ostsee zog, gab es für den Crimmitschauer nur einen Ort der Erholung und das fast sein ganzes Leben lang: die Koberbachtalsperre. Der heute 75-Jährige erinnert sich noch an die Anfänge. Er hatte sich 1958 von dem Geld, das er zu seiner Konfirmation geschenkt bekommen hatte, ein Zelt gekauft. "Bei mir zu Hause hing der Haussegen schief. Ich höre meinen Vater heute noch sagen: ,So ein Zigeunerleben gibt es bei uns nicht.' Ich setzte mich aber durch und baute mein Zelt an der Koberbachtalsperre auf." Zum Ärgernis des jungen Crimmitschauers kamen die Eltern fast jedes Wochenende auf den Zeltplatz zu Besuch. "Das war schon etwas nervig, denn mein Arbeitsplatz war ja in der elterlichen Bäckerei. Dort war ich schon den ganzen Tag mit ihnen zusammen und wollte eigentlich an der Talsperre meine Ruhe haben."

Reiner Zimmer fuhr im Sommer fast täglich nach der Arbeit mit dem Fahrrad und später dann mit dem Moped an die Kober. "Hier lernte ich viele Freunde kennen, die in meinem Alter waren. Im zweiten Jahr meines Campingdaseins kaufte ich mir ein großes Überzelt. Eine Küche wurde eingebaut und der Schlafraum abgetrennt."

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Und noch eine Episode ist dem Senior bis heute in Erinnerung geblieben: "Im Frühjahr mussten wir immer Aufbaustunden leisten, um wieder einen Platz auf dem Zeltplatz zu bekommen. Mein Zelt hatte seinen Platz in der ersten Reihe, also unmittelbar am Wasser. Diese Plätze waren immer sehr begehrt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Aufbaustunden auch zu leisten."

Reiner Zimmer hielt der Talsperre auch die Treue, als er das Jugendalter erreicht hatte - mit bleibenden Folgen. "Von meinem Lehrlingsgeld kaufte ich mir ein Faltboot. Damit konnte ich die Mädchen über die Kober schippern. Mit einer davon bin ich heute bereits seit 52 Jahren verheiratet. Als unsere Familie sich mit zwei Kindern vergrößerte, legten wir uns einen Klappfix zu. Damit verbesserte sich der Komfort."

Mit der Zeit wuchsen auch die Wünsche. Dazu gehörte, ein eigenes Segelboot zu besitzen und damit über den Stausee zu schippern. "Ich machte bei der GST in Zwickau einen Segel- und Motorschein und kaufte mir ein Segelboot der Marke Pirat. Da an der Koberbachtalsperre nur eine begrenzte Anzahl von großen Booten erlaubt war, gehörte schon etwas Glück dazu, einen Platz zu ergattern, was mir auch gelang", blickt Reiner Zimmer zurück.

Die Gemeinschaft auf dem Zeltplatz spielte stets eine große Rolle. "In den 70er-Jahren organisierten wir für unsere Kinder jährlich ein großes Fest. Es gab zahlreiche Wettbewerbe wie Eierlaufen, Rollerrennen, Sackhüpfen und Wettrennen. Ein großes Erlebnis war dann immer die Siegerehrung mit Medaillen und Urkunden. Diese bekamen wir vom Kreissportbund Werdau kostenlos."

Doch auch in der kalten Jahreszeit, wenn es rund um die Talsperre ruhiger zugeht, hielten die Stammgäste zusammen. "Im Winter wurde oft ein Campingvergnügen organisiert. Die ersten dieser Art fanden in der Gaststätte ,Pleißenburg' in Langenhessen statt. Wenn es kalt genug war und die Kober zugefroren war, traf man viele Schlittschuhfahrer und Spaziergänger dort. Auch mit den Skiern haben wir so manches Mal die Talsperre überquert. Zu dieser Zeit wurde die Eisfläche noch von den Schwimmmeistern im Bereich des Strandbades vom Schnee beräumt."

Familie Zimmer investierte weiter in ihren Lieblingsplatz. "Ein Wohnwagen der Marke Bastei war in den 1980er-Jahren unser ganzer Stolz. Damit vergrößerte sich der Luxus für uns auf dem Zeltplatz sehr." Doch nicht immer herrschte eitel Sonnenschein. "Ein schweres Unwetter mit großen Hagelkörnern, das über der Talsperre niederging, beschädigte unseren Wohnwagen sehr. In den Wänden waren durch die Hagelkörner Löcher entstanden. Aber auch diese Ereignisse konnten uns nicht den Spaß am Camping verderben."

Die politischen Veränderungen nach 1990 hinterließen auch auf dem Zeltplatz ihre Spuren. Manche Campingnachbarn gaben ihre Zeltplätze auf. Neue Nachbarn kamen hinzu. Doch auch diese Gemeinschaft verlor damit viel von ihrem Zusammenhalt. Ein Unfall, den Reiner Zimmer 1995 erlitt, erschwerte dem Crimmitschauer das Campen. "Damals mussten ja noch in jedem Herbst die Zeltplätze vollständig beräumt und im nächsten Frühjahr alles wieder von neuem aufgebaut werden. Heute bleiben die Wohnwagen an Ort und Stelle stehen. Damit entfällt das immer wiederkehrende Auf- und Abbauen", blickt der Senior zurück, der sich inzwischen vom Campingleben an der Talsperre verabschiedet hat. "Es waren für mich und meine Frau wundervolle Jahre an der Talsperre, ein Lebensabschnitt, den wir beide gemeinsam nie vergessen werden", sagt der 75-Jährige.

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