Die Halde brennt - von innen

Hinter der Tankstelle an der Wildenfelser Straße in Zwickau war vergangene Woche ein Feuer ausgebrochen. Wurde es gelegt, oder kamen die Flammen von unten?

Zwickau.

Haben sich spielende Kinder auf der Halde 23 hinter der Tankstelle an der Wildenfelser Straße in Zwickau eine Höhle aus Ästen gebaut und dabei gezündelt? Das ist eine der Theorien, die die Brandermittler der Zwickauer Kriminalpolizei nach dem Feuer vom 26. Juli derzeit verfolgen. "Wir haben aber noch keinen Tatverdächtigen", sagt Pressesprecher Christian Schünemann.

Altgediente Bergleute sehen die Brandursache woanders - und zwar mehrere Meter unter der Haldenoberfläche. Dort kommt es seit Jahren immer wieder zu unterirdischen Schwelbränden, die bei Hitze an die Oberfläche drängen. Uwe Gottschalk war oft mit seinem Großvater dort spazieren. "Er wusste als Bergmann, was dort unten liegt", sagt er. Und der Großvater berichtete auch, dass es dort brennt. "Noch heute kann man gelegentlich feine Rauchwolken aufsteigen sehen", erzählt Gottschalk. Vor allem jedoch liege dann ein Schwefelgeruch in der Luft. "Mein Großvater sagte zu mir, das Feuer in der Halde brennt ewig."


Von einem ewigen Feuer will Tobias Dressel, Abteilungsleiter im Sächsischen Oberbergamt in Freiberg, zwar nicht sprechen. Dass es im Untergrund jedoch gelegentlich lodert und glüht, kann er bestätigen. "Auf der Schaderschachthalde in Zwickau lagern Massen von Material aus verschiedenen Produktionsprozessen", sagt er. Darunter seien auch undefinierbare Kohlereste sowie Teerrückstände, die bei entsprechenden Bedingungen zum Selbstentzünden neigen. Daraus entstehen Schwelbrände. "Diese sind seit Langem bekannt", sagt Dressel.

Im Jahr 1992 war das 13,4 Hektar große Areal offiziell als "Haldenproblematik" erfasst worden. 1996 wurde es historisch erkundet, wie Heike Reinke von der Pressestelle des Rathauses sagt. Laut Stadtverwaltung lagert auf der Halde Bergematerial des Schader-, Hermann-, Forst- und Vertrauensschachtes aus der Zeit von 1855 bis 1959. Zunächst waren damit Schlammteiche verfüllt worden. Obendrauf kamen Gruben- und ausgewaschenes Material, Kesselschlacke und Kohlereste, die bis zu 20 Prozent ausmachen sollen, sowie Kohlenstaub und Asche.

In der Zeit von 1953 bis 1959 wurde die Halde 23 rekultiviert. Danach interessierte sich offenbar kaum noch jemand für das Innere des künstlichen Hügels. Doch die unter Druck stehende Kohle kam in Kontakt mit Sauerstoff und Wasser und begann zu schwelen. Der Rauch mit dem typischen Schwefelgeruch drang auch nach außen.

Unterirdische Glutnester könnten bis zu 500 Grad Celsius heiß werden, sagt Heike Reinke. An einigen Stellen wurden in einer Tiefe von einem Meter noch 80 Grad Wärme gemessen. Verhindern lassen sich die unterirdischen Brände nur, wenn die Zufuhr von Sauerstoff unterbrochen wird. Dazu müsste die Oberfläche abgedichtet werden, wie Tobias Dressel vom Oberbergamt sagt.

Für die Kontrolle der Halde ist die Umweltbehörde des Landratsamtes zuständig. Dort will man keinen Zusammenhang mit dem Brand hinter der Tankstelle sehen. "Die Schwelbrände laufen im Inneren des Haldenkörpers ab", sagt Ines Bettge von der Pressestelle. Ein Zusammenhang mit der hohen Außentemperatur der vergangenen Tage sei nicht herstellbar. Im Landratsamt nennt man als Grund für die Probleme eine vergleichsweise schlechte Aufbereitungstechnologie zu Beginn des Steinkohlenbergbaus, was zu einem hohen Restkohlegehalt im Haldenmaterial führte.

In der Aral-Zentrale in Bochum läuteten nach der Anfrage von "Freie Presse" die Alarmglocken. Wie Pressesprecher Detlef Brandenburg sagt, sei der heiße Untergrund in unmittelbarer Nähe der Tankstelle bisher nicht bekannt gewesen. "Bei der Baugenehmigung haben wir keine Auflagen erhalten, in den Akten findet sich kein Hinweis auf Schwelbrände." Die Tankstelle war im Februar 1996 genehmigt und im September eröffnet worden. Aral wird den Sachverhalt prüfen und ermitteln, ob eine Gefährdung besteht. "Auf jeden Fall", so Brandenburg, "steht die Sicherheit im Vordergrund." Laut Heike Reinke ist das staatliche Gewerbeaufsichtsamt seinerzeit die zuständige Erlaubnisbehörde gewesen. Einwände gegen das Vorhaben habe es keine gegeben. Das Areal war als Mischgebiet ausgewiesen, was den Bau einer Tankstelle zuließ.


Im Geitnerschen Treibegarten wuchsen sogar Südfrüchte und Palmen

Die Wärme aus der Tiefe ist in der Zwickauer Region nicht neu. Legendär ist die Geitnersche Treibegärtnerei, die vor 182 Jahren eröffnet wurde und in der sogar Südfrüchte und exotische Blumen unter Glas wuchsen und blühten. Der Legende nach soll es 1479 zu einer Selbstentzündung von Kohle in einer Grube am Hammerwald gekommen sein, die damals zum Planitzer Steinkohlenrevier gehörte. Andere nie bewiesene Quellen sprechen von einem Büchsenschuss in einem Fuchsgang, der das Feuer ausgelöst haben soll.

Das unterirdische Feuer war zunächst durch verdorrte Wiesen im Sommer zu erkennen. Im Winter taute der Schnee, sobald er gefallen war. Der Versuch, den Flözbrand zu löschen, scheiterte mehrfach. 1837 interessierte sich Ernst August Geitner (1783-1851) für den Kohlebrand von Planitz. Er hatte an der Leipziger Universität gelehrt. Vom Schlossherrn Heinrich von Arnim kaufte er ein Gelände am Hammerwald. Im gleichen Jahr eröffnete er seine Gärtnerei. Dabei nutzte er geschickt die aufsteigende Erdwärme, um hierzulande bislang unbekannte Pflanzen aus Südamerika, Afrika und Asien zu züchten. Gegen die aufsteigenden Dämpfe musste er sie allerdings durch Lehmschichten unter dem Beet schützen.

Aus Werbegründen wurden auch Vanille, Kakao, Kaffee und Zimt angebaut. Es entstanden ein Kamelienhaus und ein Palmengarten. 1846 übernahm sein Sohn Gustav Adolf Geitner, der das Gärtnerhandwerk gelernt hatte, die Anlage und baute sie aus. 1860 wurde das Flöz durch Umbauten von der Luftzufuhr abgeschnitten, was die Brände nach und nach erstickte. Das führte schließlich zum Ende der Treibegärtnerei. (nkd)

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