Die Leiden der Ersatz-Sehnsucht

Das neue Tanzstück am Theater Plauen-Zwickau verlangt einem Tänzer besondere Qualen ab. Am Freitag ist Premiere.

Zwickau.

"Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" - dieses Zitat des 1881 in Zwickau geborenen Malers wählte Ballettdirektorin Annett Göhre für ihr Tanzstück über Max Pechstein, das am Freitag um 19.30Uhr im Malsaal seine Uraufführung erleben wird. Zur Einführungsmatinee am Sonntag gab es einige Kostproben und ausführliche Informationen zur Herangehensweise.

Inspirieren ließ sich die Choreografin von Pechsteins Bildern "Am Strand (1954), "Tänzer" (1910), "Das gelbe Tuch" (1909), "Stürmischer See" (1909) und "Mondscheintanz (1951). Pechsteins "Tänzerinnen im Spiegel" (1923) inspirierten die spanische Bühnenbildnerin Mireia Vila Soriano für ihr Bühnenbild, das die Zuschauer zum Teil des Kunstwerks werden lässt. Ins Zentrum ihres Werkes stellt die Choreografin die Persönlichkeit des Künstlers, der in fünf Szenenbildern von drei sehr unterschiedlichen Tänzern verkörpert wird - Pechstein 1 ist Vincenzo Vitanza, Pechstein 2 Jeaho Shin, Pechstein 3 Elliot Bourke. "Ich will damit die verschiedenen Seiten seines Charakters und Lebens zeigen. Er wird sich auch selbst auf der Bühne treffen", sagte Göhre. Sie glaube aber, dass Pechstein dank Pfeife, mit der er sich stets in seinen Selbstporträts abbildete, für die Zuschauer jederzeit gut zu erkennen sein werde. "Auch wenn die Tänzer zwischendurch andere Rollen übernehmen müssen, der mit der Pfeife ist immer der aktuelle Pechstein."

Kostümbildnerin Leah Lichtwitz kleidete Pechstein und alle realen Personen des Stücks wie Pechsteins beide Ehefrauen (dargestellt von Judith Bohlen und Nicole Stroh) und seinen engsten Freund Alexander Gerbig (Juan Bockamp) in konventionelle Kleidung in Sepia-Farben, wie auf den alten Fotos. Sie habe dabei auch zu einigen Tricks greifen müssen, damit die Tänzer durch Sakkos nicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt werden, verriet die Kostümbildnerin und ergänzte: "Farbe spielt bei einem Tanzstück über einen expressionistischen Maler natürlich eine übergeordnete Rolle. Die Figuren aus seinen Werken werden an Farben seiner Bilder zu erkennen sein", so Lichtwitz.

Die Figur der Sehnsucht ist für Annett Göhre neben Pechstein die zentrale Figur ihres Stückes, weil sie Pechsteins Verlangen nach Arbeit, seine Sehnsucht nach Ferne verkörpert. Die Kompaniechefin hatte sie eigentlich für den brasilianischen Tänzer Nilmar F. dos Santos konzipiert. "Leider ist er momentan krank. Deshalb wird das vorerst unser neuer Choreograf Jens Weber übernehmen", verkündete Göhre zur Matinee.

Für Weber selbst stellt der Einsatz eine besondere Herausforderung dar. "Es war für mich zuerst eine ziemliche Überraschung, denn ich hatte meine letzte Tanzvorstellung vor fünf Jahren. Deswegen hatte ich um Bedenkzeit gebeten. Darauf sagte Annett: Kannst du haben, aber am Ende muss du Ja sagen", berichtete Weber. Jetzt scheine sich sein Körper langsam wieder darauf einzustellen, erzählte der reaktivierte Tänzer, der seit dieser Spielzeit eigentlich als Assistent der Ballettdirektorin am Theater Plauen-Zwickau engagiert ist.

"Jetzt verbringt er die ganze Zeit, in der er nicht trainiert, in der Badewanne", sagte leicht schadenfroh lächelnd seine Chefin und erklärte: "Er muss sich nicht wie ein Brasilianer bewegen, auch wenn die Choreografie für einen geschrieben wurde." Seine Lebens-, Schauspiel- und tänzerische Erfahrung prädestiniere ihn für die Rolle der Pechsteinschen Sehnsucht auf besondere Weise.

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