"Die MVZ sind kein Erfolgsmodell"

Carmen Baumgart von der Kassenärztlichen Vereinigung über die Ärztebedarfsplanung und drohende Unterversorgung im Kreis

Werdau.

Der Landkreis ist ausreichend mit Haus- und Fachärzten ausgestattet. Das sagt der aktuelle Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Doch ganz so rosig ist die Lage nicht. Das wurde am Samstag bei einer Veranstaltung des Vereins "Kommunalpolitisches Forum Sachsen" in Hohenstein-Ernstthal deutlich. Andreas Tröger sprach darüber mit Carmen Baumgart, Geschäftsführerin der KVS-Bezirksstelle Chemnitz.

Freie Presse: Wenn die KVS von Bedarfsplanung redet, dann erhofft man sich davon - salopp gesagt - Antwort auf die Frage nach einem gesunden Verhältnis zwischen Arzt- und Einwohnerzahl. Doch das Planungsinstrument war, wie Sie heute sagten, 1993 zu einem ganz anderen Zweck eingeführt worden.

Carmen Baumgart: Das stimmt. Man fürchtete damals eine Ärzteschwemme und sah die finanzielle Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Krankenkassen in Gefahr. Man hat seitdem die Zahl der Ärzte begrenzt, die eine Kassenzulassung erhalten.

Mit dem Ergebnis, dass nach diesem regulatorischen Eingreifen in die Niederlassungsfreiheit mittlerweile vielerorts von Ärztemangel die Rede ist ...

Deshalb hat sich inzwischen auch das primäre Ziel der Bedarfsplanung geändert: Sie soll die flächendeckende haus- und fachärztliche sowie psychotherapeutische Versorgung der Patienten gewährleisten.

Tut sie das wirklich?

Mit Stand 1. April 2017 sind etwa die Bereiche, in denen wir die Hausärzte planen, ausreichend versorgt. In der Region Hohenstein-Ernstthal beträgt der Versorgungsgrad 84,4 Prozent, in der Region Lichtenstein knapp 105 Prozent. Gut sieht es auch in Glauchau mit 91,2 aus. Meerane kommt sogar auf über 115 Prozent. Ab einem Grad von 110 Prozent gibt es übrigens eine Zulassungssperre für Ärzte. Die ist auch bereits bei den Fachärzten im Planungsbereich für die Altkreise Chemnitzer Land und Zwickau erreicht. Da gibt es derzeit keine freien Stellen.

Wieso bekommt ein Gebiet bereits ab einem Grad von 110 Prozent quasi einen Sperrvermerk für Ärzte, während eine Unterversorgung erst ab weniger als 75 Prozent bei Haus- und Kinderärzten festgestellt wird? Bei Fachärzten ist das sogar erst ab unter 50 der Fall. Damit wird doch die Lage geschönt.

Diese Werte haben wir nicht erfunden. Die sind von Gesetzes wegen vorgegeben. Wobei wir als KVS meinen, dass bereits ab unter 90 Prozent von einer Unterversorgung gesprochen werden müsste. Aber das kann nur die Politik ändern.

Niedergelassene Ärzte sprechen von Überforderung, von Problemen bei der Praxis-Nachfolge. Das beobachten Sie mit Sorge?

Natürlich. Zwar ist die Zahl der Ärzte insgesamt gewachsen, aber der Anteil verschiebt sich zugunsten der angestellten. Man muss kein Prophet sein: Da geht uns Leistungskapazität verloren.

Wie das?

Abhängig beschäftigte Mediziner erreichen nicht die Zahl an Behandlungen wie Kollegen in einer eigenen Praxis. Das ist nachweislich so. Zumal sie auch dem Arbeitszeitgesetz unterliegen.

Angestellte Ärzte sind doch auch in Medizinischen Versorgungszentren tätig. Die MVZ werden doch immer als ein Erfolgsmodell gehandelt.

Das haben wir nie behauptet. Die MVZ werden vorwiegend durch Krankenhäuser gebildet. Wenn sie die entsprechenden Fachrichtungen in ihren Häusern haben und auch die Ärzte dafür. Wenn diese nur Stellen besetzen würden, wofür es in Praxisniederlassungen keine Nachfolge gibt, dann hätten wir in Größenordnungen MVZ mit Hausärzten. Haben wir aber nicht.

Apropos Hausärzte. Ihre Prognosen sprechen von drohender Unterversorgung im Kreis. Wo genau?

Die droht uns mit elf Stellen in Zwickau, zwei in Crimmitschau, einer in Werdau. Deshalb gibt es dafür bereits aktuelle Förderbeschlüsse. Probleme könnte es bald auch in den Regionen Hohenstein-Ernstthal, Lichtenstein, Glauchau oder Meerane geben. Dort sind zwei bis drei, in Hohenstein-Ernstthal sogar vier Ärzte älter als 60 Jahre.

Was beinhaltet die Förderung?

Etwa Investitionskostenzuschüsse bei Praxisübernahmen oder -neugründungen bis zu 60.000 Euro. Möglich ist auch die Gewährung eines Mindestumsatzes für maximal drei Jahre.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...