Ehemaliges Lokal beherbergte den Konsum und die Bücherei

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Gaststätte "Zur Traube" (Folge 27)

Werdau.

Die steil aufwärts führende Dr.-Külz-Straße grenzt mit ihrem oberen Ende an das Bahngelände an und fungierte einst als eine der drei Zugänge zum Werdauer Güterbahnhof. Mit der Zeit entstand an dieser Zufahrtsstraße ein großer Bedarf an Einkehrmöglichkeiten. Gleich ganz oben im letzten Wohnhaus Nr. 50 befand sich schon die erste Gaststätte. Unmittelbar nach Errichtung des Gebäudes 1889 eröffnete Hermann Neumann darin sein Restaurant "Zum Albertschlößchen". Ein vor Kurzem noch vorhandener Flachbau wurde 1910 als sogenannte "Frühstücksstube" angebaut. In den Folgejahren wechselten sehr häufig die Wirte und Besitzer. Ein Grund könnten die Besucher gewesen sein, die vorwiegend vom naheliegenden Güterbahnhof kamen und als sehr trinkfest galten. Erst ab etwa 1928, als die Familie Müller das Restaurant übernahm, zog wieder Stabilität in die Bewirtschaftung ein. Als 1949 das große Tor zum Güterbahnhof durch die Deutsche Reichsbahn geschlossen wurde, befürchteten die Gaststättenbesitzer starke Einbußen durch die dann wegbleibenden Bahnarbeiter. Ein dementsprechender Einspruch hatte aber keinen Erfolg. Als letzte Wirtin betrieb Helene Müller die Gaststätte bis in die 1960er-Jahre. Dann wurde sie geschlossen und nach 1990 zu einem Wohn- und Geschäftshaus saniert.

Entlang der Dr.-Külz-Straße, die zuerst Albertstraße, dann ab 1922 Bebelstraße, ab 1933 wieder Albertstraße hieß und 1950 Dr.- Külz-Straße benannt wurde, siedelten sich im Laufe der Jahre die unterschiedlichsten Gewerbe und Einrichtungen an. Im Haus-Nr. 34 betrieb Albin Rödel eine Zigarrenfabrik, im Haus-Nr. 33 hatte Hermann Götze seine Tischlerei, im Haus-Nr. 27 war die Bäckerei von Paul Thümmler ansässig und das Haus mit der Nr. 25 belegte der Werdauer Frauenverein mit einer "Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt", dessen Schriftzüge heute am Haussims wunderbar erhalten sind. Hugo Dietzel betrieb im Haus-Nr. 24 einen Materialwarenhandel und Fritz Dietzel hatte hier eine Kohlehandlung mit Fuhrbetrieb. Dietzels Fritz- Pferdegespanne waren legendär. Im Gebäudekomplex mit Haus-Nr. 23 existiert seit Jahrzehnten eine Holzspielzeugfertigung. Vorher befanden sich hier die Produktionshallen der Firmen Putzwoll- und Jutefabrik Rudolf Doller, mechanische Weberei Emil Scharf, Schlosserei Oskar Näbrich und die Fahrrad- und Nähmaschinen-Reparatur Max Zuckert. 1958 schlossen sich mehrere Tischlermeister aus Werdau zu einer PGH für Kinderspielzeug zusammen. Das Ziel war eine Art vorschulische Erziehung, die durch die Herstellung von zerlegbaren und naturbelassenen Holzspielzeugen erreicht werden sollte. Die PGH, die ihre Produktion unter anderem im Gebäude mit der Nr. 23 betrieb, erhielt später den Namen "Friedrich Fröbel", Begründer des ersten Kindergartens in Deutschland. Seit 1998 führt die Tischlerei Eberlein die Tradition der im Wesentlichen erhaltenen Spielzeugformen erfolgreich weiter.


Im Haus Nr. 22 gab es die Fleischerei von Franz Oehler, die später Walter Heyer weiterführte. Gleich gegenüber im Eckhaus Nr. 21 hatte Gerhard Mehlhorn seine Bäckerei, die danach an Familie Müller überging. Gleich nach dem Überqueren der Unteren Holzstraße trifft man auf der linken Seite auf ein heute einzeln stehendes saniertes Wohnhaus mit der Nr. 18. Nur schwer zu vermuten ist, dass in diesem schlichten Gebäude eine einst über viele Jahrzehnte bestehende Gaststätte namens "Zur Hopfenblüte" existierte. Max Hesse, der in diesem Haus seit 1878 eine Flaschenbierhandlung betrieb, eröffnete 1882 dazu noch eine Restauration. Schon 1883 erwarb Robert Meissner das Geschäft. Nachdem er verstarb, übernahm seine Frau Berta die Bewirtschaftung. Infolge ihrer Heirat mit Friedrich Puchert nannte sie ihr Restaurant ab 1891 "Pucherts Restauration". Erst als Ernst Baumann ab 1899 neuer Besitzer wurde, bekam die Restauration den Namen "Zur Hopfenblüte". In den Folgejahren gab es dann mehrere Besitzer, ehe ab 1929 die Familie Döhler die Bewirtschaftung übernahm. Charlotte Döhler, die ab 1951 die Schankerlaubnis bekam, betrieb das Gasthaus "Hopfenblüte" noch bis Anfang 1960. Dann wurde das Gewerbe abgemeldet.

Bereits zu dieser Zeit gab es Vorstellungen, das ehemalige Gasthaus als Handwerkerheim für die bestehende PGH und sonstige örtliche Handwerker einzurichten. Das Vorhaben kam aber nicht zum Tragen. Man wählte dafür eine andere Gaststätte aus. Auf der anderen Straßenseite, im inzwischen abgebrochenen Haus-Nr. 11, betrieb Karl Bormann eine kleine Hülsenwerkstatt. Der auffällige rote Klinkerbau mit der Haus-Nr. 9 beherbergt schon seit Ende des 19. Jahrhunderts eine evangelisch-methodistische Kirche. Schräg gegenüber im Haus-Nr. 10 betrieb Herbert Häberlein eine Bäckerei. Seit vielen Jahren hat sich in diesen Räumen das "Zoohaus Schreiner" eingerichtet. Im heutigen Wohnhaus-Nr. 7 bestand früher die Kolonialwarenhandlung von Kurt Noa. Das seit Langem leer stehende kleine Haus Nr. 4 auf der anderen Straßenseite beherbergte eine weitere Schankwirtschaft. Friedrich Golle, ein ehemaliger Schankwirt, zog 1881 in das Haus ein und eröffnete eine Restauration. Der ab 1899 neue Besitzer Hermann Strobelt nannte das Restaurant nun "Zur Rose". Ab 1922 wurden Otto und Anne Wagenknecht neue Besitzer. Im Hinterhof betrieben sie dazu noch eine Stellmacherei. Ende der 1950er-Jahre wurde die Gaststätte geschlossen.

Der nebenan stehende mächtige Klinkerbau mit der Haus-Nr. 2 lässt kaum erahnen, dass an dieser Stelle noch 1899 ein kleines einstöckiges Haus mit einer Schankwirtschaft namens "Mitteldeutsche Restauration" gestanden hat. Der Baumeister Robert Müller ließ 1899 das Haus abbrechen und an dieser Stelle das heute noch erhaltene Wohn- und Geschäftshaus errichten. Nach der Fertigstellung eröffnete Robert Mücke in den unteren Räumen eine Konditorei, die 1901 von Martha Kresse übernommen und als "Café Carola" weitergeführt wurde. 1925 übernahm Max Menzel, von seinem Weinhaus in der Reichenbacher Straße 81 kommend, das Café und betrieb es bis 1942 als Weinrestaurant "Zur Traube" erfolgreich weiter. Als Menzel 1942 verstarb, übernahm seine Witwe Mathilde die "Traube". Sie bewirtschaftete diese bis 1949, ehe das Weinrestaurant krankheitsbedingt geschlossen wurde. Die Räume wurden in den Folgejahren durch die Konsum-Verwaltung belegt. Am 1. Juli 1963 zog dann die Werdauer Stadtbibliothek ein und betrieb dort die Bücherausleihe bis 1990. Seit dem Auszug der Bibliothek ist das Gebäude nur teilweise bewohnt. In der alten Ansichtskarte aus dem Jahr 1911 sieht man rechts die "Traube" und gleich daneben die "Rose". Des Weiteren sind die damalige Bebauung und das lebhafte Treiben auf der ehemaligen Albertstraße recht deutlich erkennbar. Details, wie das der älteren Frau, die die Materialwarenhandlung von Wilhelm Köhler im Haus-Nr. 1 betritt, sind historisch wertvoll.

Quelle: Buch "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen sowie umfangreichen Quellenangaben

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