Ein Treffpunkt betuchter Bürger

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Gaststätte "Zum Laudon" (Folge 48)

Werdau.

Wenn man früher das Restaurant "Stadt Zwickau" in der Zwickauer Straße 14 verließ, blickte man auf eine gegenüber liegende hohe Umfassungsmauer und auf die sich dahinter befindlichen Fabrikgebäude der ehemaligen Maßindustrie GmbH, später VEB Massindustrie Werdau. Nach dem Umzug der Firma in die neuerbauten Produktionshallen in Fraureuth zog das Dienstleistungskombinat (DLK) in die Gebäude und eröffnete das "Haus der Dienste". Im Erdgeschoss kam eine Schülerspeisung hinzu, und einige Bereiche wurden mit Wohnungen belegt. Mit der Auflösung des DLK nach 1990 zog die Stadtbibliothek in die frei werdenden Räume ein. Nach deren Auszug 2004 gab es keine Verwendung für die alten Gebäude mehr, sodass 2005 der gesamte Komplex einschließlich einiger älterer Häuser in der angrenzenden Burgstraße abgebrochen wurde. Man kann sich kaum mehr vorstellen, dass die gesamte Fläche des heutigen an dieser Stelle 2007 eingeweihten Massiparkes einst bis hinunter zur August-Bebel-Straße vollständig bebaut war. Auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich einst eine geschlossene Bebauung. Heute existiert von der einstigen Häuserzeile nur noch das Haus 14. Die Maschinenfabrik von Carl Eli Schwalbe (Hausnummer 18) nahm dabei im oberen Bereich bis hinüber zur Kranzbergstraße die größte Fläche ein. Dann folgte das Haus 16, das wie die Häuser 12 und 8 von Mitarbeitern der Firma Schwalbe bewohnt war. Im Haus 10 hatte Emilie Zimmermann ihr Geschäft "Haus- und Küchengeräte". Louis Kriegel besaß in der Nummer 6 eine Sattlerei, und daneben im Haus- 4 flickte Karl Weiß in seiner Werkstatt zerschlissenes Schuhwerk. Auch an der Stelle des heutigen Eckgebäudes Hausnummer 2 stand ursprünglich ein eingeschossiges Wohnhaus mit einer Fleischerei. Seit den 1830er-Jahren betrieb hier Wilhelm Klopfer zu seinem Gewerbe als Fleischer eine damals übliche Garküche. Sein Sohn Christian Gottlob Klopfer, der seit 1840 das Geschäft weiterführte, ließ 1857 das alte Haus abbrechen und an dieser Stelle das heute noch vorhandene Wohn- und Geschäftshaus errichten. Mit dem Einzug in die neuen Geschäftsräume eröffnete Klopfer das Lokal "Zur Garküche". Klopfer erweiterte ständig sein Lokal, sodass er ab Ende 1864 die "Garküche" zu einem Restaurant "Gambrinus" umfirmieren konnte.

Schon Ende der 1860er-Jahre gab es Verhandlungen mit der Werdauer Poststelle. Diese hatte ihre Filiale im heutigen Haus Markt42 (später Restaurant "Zur Post" und heute "Service Center"). Da sich das gesamte Postwesen durch die rasante industrielle Entwicklung enorm weiterentwickelte, suchte man auch in Werdau größere Räumlichkeiten. Die fanden sich im Klopferschen Gebäude. Anfang 1871 verlegte Klopfer sein Restaurant in die erste Etage. Als das geschehen war, konnte die Post ab 1.Juli 1871 alle Parterre liegenden Räume belegen. Da die Post mit der Zeit sämtliche Räume in dem Gebäude benötigte, wurde 1873 das Restaurant "Zum Gambrinus" endgültig aufgegeben, und alle Räume wurden der Post überlassen. Bis Mitte 1887 erweiterte sich die Poststelle in diesem Haus zu einem großen Post- und Telegrafenamt. Ein erneuter Umzug deutete sich an. Der erfolgte am 1. Oktober 1887 in das neu erbaute Postamt am Johannisplatz/ Ecke Holzstraße.

Nach dem Auszug der Post übernahm der Buchbinder August Thümmler das Gebäude und baute es für sein Gewerbe aus. Anfang der 1920er-Jahre übernahm Richard Sünderhauf die Buchbinderei. Von 1945 an betrieb sein Sohn Werner eine Buch- und Papierhandlung. Nach Übernahme durch die HO Werdau Anfang der 1960er-Jahre richtete diese ein Fotogeschäft ein, das nach 1990 vom Fotounternehmen Porst übernommen wurde und heute als Foto- Eck weiterbetrieben wird.

Schon in früher Zeit bot sich dieser Bereich am Werdauer Markteingang für das Entstehen mehrerer Gastwirtschaften an. So befand sich auch in dem gegenüberliegenden, heute aufwendig sanierten Gebäude August-Bebel-Straße 4 bereits kurz nach 1800 eine Schankwirtschaft. In dem um 1760 erbauten Haus betrieben Johanne Christiane und ihr Mann Heinrich Roth einen Materialwarenhandel. Durch die ausgesprochen guten Kontakte der "Rothin", wie Frau Roth genannt wurde, zu den Stadträten und zur brauenden Bürgerschaft, besaß sie bereits seit 1817 die persönliche Erlaubnis zum Bier- und Branntweinschank für ihr Haus am oberen Stadttor. Mit der neuen Verordnung zum allgemeinen Ausschank von alkoholischen Getränken, die ab 1826 in Kraft trat, erhielt Frau Roth dann dazu die vollständige Schankkonzession. Als ihr Mann 1860 verstarb, führte sie selbst bis 1865 den "Materialwarenhandel mit Schankwirtschaft" weiter. Frau Roth hatte vier Enkel, die bei ihr wohnten und die sie allein aufzog. Bereits seit etwa 1850 war ein Enkel (Louis Lutzner) zur Unterstützung mit im Geschäft tätig. Louis Lutzner übernahm dann ab 1865 die Bewirtschaftung der "Schankwirtschaft". Lutzner nannte die "Schankwirtschaft" bereits kurz nach der Übernahme, dem damaligen Zeitgeist entsprechend Restauration "Zur Auverge" (auch oft "Auberge" geschrieben). Ab 1869 bezeichnete Louis Lutzner sein Restaurant dann mit dem endgültigen Namen "Zum Laudon". Das Restaurant mit seiner noblen Einrichtung war bald der Treffpunkt betuchter Bürgerkreise. Im Erdgeschoss befand sich ein prunkvoll ausgestatteter Gastraum. Die Gesellschaftszimmer verteilten sich auf das erste Stockwerk. Die alte Ansichtskarte des Restaurants wurde 1901 geschrieben. Sie zeigt noch das rechts daneben angebaute kleine Haus. Heute steht hier ein mehrstöckiges Gebäude mit einem Brillengeschäft. Nach Lutzner prägten viele Wirte das Restaurant. Vor allem der letzte Wirt Martin Schlosser könnte einigen älteren Bürgern noch in Erinnerung sein. Er bewirtschaftete die Gaststätte von 1931 bis 1953. Von 1943 bis 1945 musste die Gaststätte geschlossen werden, da im Erdgeschoss eine "Stadtküche" für die Versorgung notleidender Bürger eingerichtet wurde. Schlosser hatte einen Pachtvertrag mit der 1920 gegründeten Laudon-Gesellschaft, deren Ziel es unter anderem war, die Gaststätte wirtschaftlich zu vermarkten. Als die Laudon-Gesellschaft 1952 aufgelöst wurde, war auch Schlossers Pachtvertrag hinfällig. Die Gaststätte "Zum Laudon" wurde geschlossen und nie wieder als Gaststätte eröffnet. Nach der Schließung wurden die Räume für Versammlungszwecke verwendet, dann zog ein Projektierungsbüro ein, und später wurden einige Räume als Wohnung genutzt. Nach 1990 belegte ein Reisebüro das Haus. Heute beherbergt das stilvoll sanierte Haus ein Antiquitätengeschäft.

Quellen Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.

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