Endlich angekommen

Notfalls zu Fuß wollte Mohammad Zatareyh die Freiheit erreichen. Sein Weg aus dem Bürgerkrieg führte den Syrer nach Zwickau.

Zwickau.

Das also ist eine erfüllte Hoffnung: Zwickau. Eine Stadt mitten in dem Gebiet, das nicht nur Auswärtige mitunter pauschal Dunkeldeutschland nennen. Zwickau also - überwältigend schön oder groß findet er die Stadt gar nicht. "Aber ich liebe die Menschen hier", sagt Mohammad Zatareyh. Für den Syrer ist die Stadt voller freundlicher und offener Leute. Menschen, die ihn willkommen geheißen haben in einem Land, von dem er sich nie eine Vorstellung gemacht hat.

Seit fast einem Jahr lebt er hier. Sein Flüchtlingsstatus ist anerkannt. Er lernt die Sprache immer besser, entdeckt die Kultur, das Essen, die Eigenheiten der Deutschen. Und er hat Freunde gefunden. Der 26-Jährige ist angekommen.

Wohin ihn sein Weg führen würde, war lange Zeit nicht klar. Er war zu Besuch in Dubai, als in Syrien der Krieg ausbrach. Zurückkehren wollte er nicht. "Dann hätte ich zur Armee gemusst." Er hatte bereits gedient, seit er 19 Jahre alt war - für das Al-Assad-Regime wollte er nicht sterben. Also blieb er illegal in Dubai, schlug sich unter anderem als Verkäufer durch. Doch er hatte Sehnsucht nach seiner Familie: Mutter, Vater, die Geschwister. Er folgte ihnen in die Türkei, aber lange blieben sie nicht zusammen. Zatareyh entschied sich, sein Glück in Europa zu versuchen. "Ich bin nicht hergeschickt worden. Wir sind nicht arm", stellt er klar. Er wollte nur nicht untätig sein. Nachvollziehbar: Wenn er spricht, dann wirkt er so, als wollte er gleich aufspringen und einen Berg versetzen. Sitzen, so scheint es, ist eher Arbeit für ihn.

Ob er je wieder mit seiner Familie leben kann - er bezweifelt es. Die Sache mit dem Nachzug ist schwieriger als viele denken. Ihm erscheint sie sogar aussichtslos. Also hat er begonnen, neue Freunde zu suchen. "Das klappt, wenn man rausgeht und wenn man die Sprache spricht", erklärt er noch in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Außerdem hat er Anschluss an Sportler gefunden - da versteht man sich auf einer ganz anderen Ebene. Und so steht Mohammad Zatareyh mitten im Leben: Er geht auf Menschen zu, lernt von ihnen, kocht für sie, lächelt auch Fremden zu - und sobald er seinen Integrationskurs erfolgreich beendet hat, will er eine Lehrstelle suchen. "In Syrien sagen wir: Wer nicht arbeitet, der isst nichts." Deswegen kämen alle, die arbeiten wollen, nach Deutschland, sagt er. Er weiß, dass das nicht jedermanns Wahrheit ist, aber er kontert: Wie solle man vom Hartz-IV-Satz reich werden? "Wer faul ist, geht nach Schweden oder in die Schweiz."

Sein ursprüngliches Ziel war Großbritannien, weil er die Sprache bereits beherrscht. "Aber der beste Platz, um zu arbeiten, ist Deutschland." Doch zunächst strandete er in Ungarn - gerade als die Grenzen dicht gemacht wurden. Genau ein Jahr ist es heute her, als der damals 25-Jährige hunderte Geflüchtete zu einem Marsch gen Österreich formierte. Diese Geschichte wird dieser Tage überall erzählt.

Mohammad Zatareyh hat in den vergangenen Wochen viele Interviews gegeben. Er hat kaum noch Lust, über das Vergangene zu sprechen. Er blickt lieber nach vorn. In eine Zukunft, die in Zwickau stattfindet. Auch wenn er weiß, dass hier nicht alle Menschen offen sind. Der Syrer hat, wie viele andere, auch die Vorbehalte gegen Menschen aus arabischen Staaten kennengelernt. Er weiß, dass es Hass gibt. Und er sagt, dass das nichts mit Angst zu tun hat. "Wir sind keine Menschenfresser. Aber einige denken, die Regierung gibt uns mehr Geld als den Deutschen." So erklärt er den Rassismus, dem auch er begegnet. Manchmal ignoriert er das. Manchmal versucht er, auf Fragen eine Antwort zu geben. Manchmal aber ist ihm bange, wenn er sieht, wie Menschen mit Menschen umgehen, sagt er. Dann schweigt er und blickt kurz in die Ferne.

Zatareyh hat noch Freunde in Syrien. In einem Land, das nicht mehr das ist, das er verlassen hat. "Es ist alles kaputt. Und es sind Freunde gestorben, die waren so alt wie ich." Zurückkehren und das Land wieder aufbauen - das sagt sich so leicht. "Dazu muss erst einmal der Krieg zu Ende sein." Doch auch dann darf Mohammad Zatareyh nicht nach Syrien reisen: Das erlaubt ein Flüchtlingspass nicht, denn es würde dem Flüchtlingsstatus widersprechen. Zudem ist seine Familie inzwischen in der halben Welt verstreut. Also bleibt er hier, in Zwickau. In der Stadt, deren Menschen er ins Herz geschlossen hat. Die für ihn die Erfüllung einer Hoffnung bedeutet.

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