Experte beleuchtet Arzt-Schicksal

Ein Autor und Arzt hat viele Informationen zu Kurt Boas zusammengetragen, dessen Praxis sich zwischen 1924 und 1935 an der Herrengasse befand. Eine wichtige Frage ist bisher unbeantwortet.

Crimmitschau.

Eine Gedenktafel soll künftig an das Schicksal des jüdischen Facharztes Kurt Boas erinnern. Die Praxis des Mediziners für Haut- und Geschlechtskrankheiten und für Urologie befand sich zwischen 1924 und 1935 im Haus an der Herrengasse 5 in der Innenstadt von Crimmitschau. "Das ist wichtig, um die Erinnerung wach zu halten", sagte Pfarrer Ferry Suarez, der Gespräche mit Stadtverwaltung und Hauseigentümer vorbereiten will. Sein Ziel ist, die Gedenktafel im nächsten Jahr an der Herrengasse zu enthüllen. Dann jährt sich der Geburtstag von Kurt Boas zum 130. Mal.

Über die Geschichte von Kurt Boas wurde in der Vergangenheit in Crimmitschau nur selten gesprochen. Ein möglicher Grund: Bislang gab es in seiner Biografie zu viele Lücken. Ein Teil davon konnte durch die Recherchen von Harro Jenss aus Worpswede (Niedersachsen) geschlossen werden. Der Internist und Gastroenterologe hat sich zunächst mit der Vita von Ismar Boas beschäftigt. Der Vater von Kurt Boas war Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten in Berlin. "Er gehörte zu den Vorreitern in unserem Fach", sagte Harro Jenss, der an Biografien von oft vergessenen jüdischen Medizinern arbeitet und seit neun Jahren auch Informationen über Kurt Boas zusammenträgt. Die Ergebnisse hat er am Freitagabend erstmals in Crimmitschau der Öffentlichkeit vorgestellt - bei einem Vortrag vor 100 Gästen im Theater.

Kurt Boas wurde am 13. Februar 1890 geboren. Nach Medizinstudium, Einsatz im Reservelazarett und dem Einsatz als Assistenzarzt in verschiedenen Kliniken kam er 1924 nach Crimmitschau. Für die Entscheidung gab es offenbar zwei Gründe. "Er kannte die Gegend aus seiner früheren Zeit in Chemnitz, und sein Onkel Siegesmund Boas arbeitete als Textilkaufmann in Crimmitschau", sagte Jenss. Er berichtete, dass sich die Praxis in der Herrengasse 5 und die Wohnung in der Silberstraße 8 befunden haben. Obwohl im September 1933 vielen jüdischen Ärzten in Deutschland die Zulassung entzogen wurde, durfte Kurt Boas in Crimmitschau weiter Patienten behandeln. Im April 1935 folgte dann die Denunziation. In verschiedenen Zeitungen wurde ihm Rassenschande vorgeworfen. In der Dresdner Tageszeitung der NSDAP erschien ein Artikel zum Thema "Kundgebung gegen einen Rassenschänder - Große Erregung in Crimmitschau - Der jüdische Arzt Boas in Schutzhaft." Kurt Boas wurde in das Konzentrationslager Sachsenburg gebracht. Dort folgten Misshandlungen, Arbeit im Steinbruch und Arrest.

Zu seinem weiteren Lebensweg gab es in der Vergangenheit unterschiedliche Aussagen. Harro Jenss kommt durch einen Blick in die Memoiren eines Überlebenden aus Leipzig zur Einschätzung, dass Kurt Boas am 6. Dezember 1936 aus dem Konzentrationslager entlassen wurde. 1937 tauchte sein Name in einem Reichsarztregister in Berlin auf. 1938 verlor sich seine Spur - in verschiedene Richtungen. Unter anderem wurde von Auswanderungsplänen nach Nord- und Südamerika berichtet. Die Frage, wohin es ihn verschlagen hat, wird sich aus Sicht von Harro Jenss vermutlich nicht beantworten lassen. Der 71-Jährige hofft aber auf weitere Aussagen von Zeitzeugen und Dokumente zum Wirken von Kurt Boas in Crimmitschau. Die Ergebnisse sollen in einer Broschüre zusammengefasst werden.

Kontakt per E-Mail: h.jenss@gmx.de

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