Feinste Biere, helles Gaslicht und heute verliebte Brautpaare

Wie sich Crimmitschau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Badergasse 2 (Folge 44)

Crimmitschau.

Diese Fotokarte zeigt den Marktplatz um 1914 mit den Gebäuden der Ost- und Nordseite sowie dem Brunnen mit der Crimmitschavia und dem König-Albert-Denkmal. Den linken Bildrand prägen das Hauschildsche Haus und der Marktbrunnen. Es folgt der Vereinshof und das Haus Markt 11 (heute Neubau der Commerzbank) mit der dahinter herausragenden Laurentiuskirche. Es schließt sich das Korbinskysche Haus an, etwas verdeckt durch das Denkmal. Im Eckhaus Badergasse 1 nach der heutigen Konditorei Fritzsche befand sich eine Eisenwaren- und Werkzeughandlung. Das Gebäude ersetzt heute ein Neubau. Letztendlich der Ratskeller, die Badergasse 2 und der vor dem Rathaus Wache stehende Polizeiposten.

Vor der Erbauung des Wohn- und Geschäftshauses Badergasse 2 circa 1850 stand dort ein Wohnhaus zur Herrengasse gehörig. Besitzer war der Kaufmann Julius Oehler gemeinsam mit G. Oehler und L. Oehler, Nachkommen des David Friedrich Oehler. Der Besitzer des Neubaus besaß damals auch einen bekannten Gasthof namens "Zum Rothen Hirschen" in der Leipziger Straße 22. Der Standort Gasthofes war ungefähr gegenüber der heutigen Leipziger Straße 21. Nach Willen des Eigentümers ging am 7. August 1860 die Gasthofsgerechtigkeit von der Leipziger Straße 22 auf das Grundstück Badergasse 2 über.

Mit dieser Übergabe begann die Geschichte der Gastronomie im Gebäude. Der später bekannte Fabrikant E. O. Zöffel soll 1867 im Alter von fünfeinhalb Jahren nach der Arbeit im "Biertunnel" des Restaurants "Stadt Hamburg" Kegel aufgesetzt haben. Die Gaststätte war auch das Vereins-Lokal des am 3. Juni 1885 gegründeten "Radfahrer-Club". Das Lokal besaß für Fahrräder einen verschließbaren Raum, Radfahrer waren herzlich willkommen. 1889 warb "Stadt Hamburg" als "Feinstes Local der Stadt - Rendezvous aller Fremden" sowie mit "Imitirt electrischer Beleuchtung". Die "electrische" Beleuchtung war ein sehr helles, weißes Gaslicht, da Crimmitschau erst 1906 Strom aus dem Kraftwerk Schweinsburg erhielt. Außer der tollen Beleuchtung gab es feine Speisen, gute Weine sowie Biere aus Nürnberg, Pilsen, Altenburg und Meerane.

Im Jahr 1913 ging im Januar die Gaststätte und im Februar das erste und einzige Automatenrestaurant der Stadt in Scheibels Konkursmasse. Vor 1919 übernahm das Wohn- und Geschäftshaus dann die Stadt Crimmitschau aus der Konkursmasse. Zu dieser Zeit nannte sich die Schankwirtschaft schon "Zum Ratskeller". Nicht mehr der Besitzer betrieb Lokalität, sondern der Pächter übernahm diese Aufgabe. Im Laufe der Zeit änderten sich nicht nur die Namen der Pächter, sondern auch die Bezeichnung der Gaststätte. 1925 ging man als Gast in den Ratskeller-Biertunnel. 1933 änderte sich der Pächter von Lindner in Nowak. Ein Jahr später verkaufte die Stadt Crimmitschau das Stadthaus in der Badergasse 2 an die Sparkasse Crimmitschau. Geplant ist zu jener Zeit der Bau eines Sparkassengebäudes und die Verbreiterung der Badergasse. Dieses Vorhaben zerschlug sich und die Stadt besaß das Gebäude wieder. 1938 war Nowak zwar noch immer Gastwirt, aber der Name änderte sich in "Zum Nordpol". Neben der gastronomischen Einrichtung gab es im Zeitraum 1904 bis 1929 ein Delikatessengeschäft sowie rund neun Wohnungen bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Wohnungsnot zwang 1945 zum Umbau der Gasträume in zwei Wohnungen, damit verabschiedete sich die Gastronomie aus dem Stadthaus I. Ab 1. September 1952 gab es dafür geistige Nahrung im Gebäude. Die Stadtbibliothek war aus der Jahnstraße 9 bis 13 ausgezogen und nahm jetzt einen großen Teil des Hauses in Besitz. Zum 100-jährigen Jubiläum 2008 besaß die Bibliothek 33.000 Medien für alle Geschmäcker.

Im Frühjahr 1994 musste das Standesamt auf Grund der Rückforderung des Gebäudes aus dem Haus Friedrich-August-Straße 7 ausziehen. Im Stadthaus 1 fand die Stadtverwaltung nach Renovierung der ehemaligen Gasträume eine hervorragende Unterbringung mit festlicher Ausstrahlung. Das Standesamt, die Stadtbibliothek und die Grundstücks- und Gebäudeverwaltung sind heute die Nutzer des Stadthauses 1. Die Wohnungen, wie zur Erbauung und nach dem Krieg, gehören schon lange der Vergangenheit an.

Das Stadthaus 1 mit seiner exponierten Lage am Markt erhielt bei der Rekonstruktion 1991 entsprechend der Forderung des Denkmalschutzes eine Dacheindeckung mit Biberschwanzziegeln und steht seit 1993 auf Grund baugeschichtlicher, städtebaulicher und ortshistorischer Bedeutung auf der Denkmalliste.

Quelle: Einwohnerbücher der Stadt Crimmitschau

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