Gasanstalt: Vom Stolz der Stadt zur Zeitbombe

Wie sich Crimmitschau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Gasanstalt (Folge 31)

Crimmitschau.

Die Postkarte vom Verwaltungsgebäude der Gasanstalt und dem rechts davon stehenden Retortenhaus sowie dem dahinter aufragenden Schornstein des Kesselhauses ging am 22. Juni 1908 auf die Reise nach Magdeburg. Die Rückseite enthält eine persönliche Nachricht. Die Litfaßsäule dürfte eine der ersten Säulen in Sachsen gewesen sein, da Litfaß für seine Säulen die Genehmigung am 5. Dezember 1854 erhielt und die Gasanstalt 1856 in Betrieb ging. Die Gaslaterne vor der Litfaßsäule war die erste Platzbeleuchtung in Crimmitschau.

Den Bau einer Gasanstalt für Crimmitschau genehmigte der Stadtrat am 12. März 1856. Die Erteilung der Konzession beinhaltete einige Auflagen, wie Bau der Gasbereitungsanlage innerhalb von zwei Jahren, Hauptstraßen mit Gasrohren zu versehen, zur öffentlichen Straßenbeleuchtung 50 Lampen zu liefern und einiges mehr. Den Bau hatte ein Aktienverein mit einem Kapital von 40.000 Talern beantragt. Die Errichtung der Gasanstalt übertrug der "Gasbeleuchtungs-Aktienverein zu Crimmitschau" dem Engländer Smyers Wiliquet. Er übergab das Werk bereits am 15. Dezember 1856. An diesem Abend erstrahlten erstmals zentrale Straßen im Schein der Gaslaternen. Natürlich gab es auch Geschäftsräume und Wohnungen, in denen das Gaslicht leuchtete. Die an diesem Tag angeschlossenen 639 "Flammen" mussten selbstverständlich mit dem 4988 Meter langen Rohrnetz verbunden sein.

Für die Bevölkerung im Stadtgebiet entwickelte sich die Straßenbeleuchtung positiv. 1875 gab es 153 Gaslaternen, 1902 leuchteten 369 Laternen, 1938 waren es 450 Gasleuchten. An das ständig wachsende Gasrohrnetz schloss man 1895 Wahlen und Leitelshain an, 1898 folgte Neukirchen, Neuschweinsburg, Naundorf, Schiedel sowie weitere Gemeindeteile. 1905 betrug die Rohrlänge bereits 65 Kilometer.

Zu dieser Zeit besaß die Stadt bereits die Gasanstalt. Die Übernahme erfolgte am 1. Mai 1895 nach langen und zähen Verhandlungen. Leider war der Zustand der Gasanstalt bei der Übernahme sehr schlecht. Trotz der notwendigen Sanierung war der Kauf langfristig ein Gewinn. Mit der fast vollständigen Erneuerung des Gaswerkes begann die Stadt 1900. Zwölf Jahre später umfasste das Gaswerk, wie die moderne Bezeichnung heißt, das Verwaltungsgebäude an der Ecke Brau- und Kitscherstraße und das gegenüber liegende Retortenhaus. In den dort befindlichen siebzehn Retorten wurde durch trockene Destillation aus Steinkohle unter Luftabschluss Gas und - mit einem Rückstand von 70 Prozent des ehemaligen Gewichtes der Kohle - auch Koks erzeugt. Weiter waren vorhanden das Kesselhaus, ein Maschinenraum mit zwei Dampfmaschinen und der Kohlenschuppen mit Platz für den Inhalt von 85 Waggons Steinkohle. Der Kohlenlagerplatz hatte Platz für 120 Doppelwagen. Ab 1931 erleichterte eine Hängebahn den Kohletransport vom Werksgleis zum Lagerplatz. Zur Speicherung des Gases besaß das Werk zwei je 4000 Kubikmeter fassende Gasbehälter. Die auf dem Gelände befindlichen Teer- und Ammoniakwassergruben sollten später eine tickende Zeitbombe werden. Die Kosten zur Beseitigung der Inhaltsstoffe im Jahr 2001 betrugen 1,11 Millionen Euro.

Das Ende des Gaswerkes kam am 30. April 1964 mit der Ferngasversorgung. Damals betrug die Länge des Gasnetzes 110 Kilometer für rund 12.000 Verbraucher. Für das 1964 stillgelegte Gaswerk begann der Teilabriss erst 1997. Einige Monate dauerte der Abriss von Gasometer mit Stahlkuppel, Garagen, Lagerräumen, Laborgebäude, Öllager und Nebengebäude. Das Problem der Sanierung des Geländes stellte die Beseitigung der 300 Kubikmeter Teerschlamm, 350 Kubikmeter Phenolwasser und 400 Kubikmeter Teeröl sowie 4000 Tonnen kontraminierter Boden und Bauschutt dar.

Auf dem ehemaligen circa 10.000 Quadratmeter großen Territorium des Gaswerkes erfolgte am 8. September 2004 die Verkehrsfreigabe des dritten Bauabschnittes des Nordverbinders mit dem Kreisverkehr. Seit 2007 erinnert nur noch die Straßenbezeichnung "Am Alten Gaswerk" an den Industriebau.

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Crimmitschau

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