Gründerzeit-Monumentalbau wartet auf seine Belebung

Wie sich Crimmitschau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Empfangsgebäude Bahnhof (Folge 48)

Crimmitschau.

Die Postkarte zeigt das breitgelagerte monumentale Empfangsgebäude des Bahnhofs um 1915. Das Bauwerk zählte zur damaligen Zeit zu den faszinierendsten Gebäuden der Sächsisch-Bayerischen Eisenbahnstrecke. Es weist eine strenggegliederte Renaissancefassade auf. Von besonderer Wirkung sind die gleichmäßigen Fensterachsenabstände, die durch die Putzquaderung unterstrichen werden. In den Baukörper fügen sich auch Elemente aus dem späten Klassizismus und der Romantik zu einem Ganzen ein. Das Empfangsgebäude übergab die Königlich-Sächsische Staatseisenbahn am 18. Mai 1873 der öffentlichen Nutzung. Vierzig Jahre später bekam die Empfangshalle einen Vorbau. Diese Vorhalle nahm drei Fahrkartenausgaben, ferner vier Fahrkartenautomaten für die III. und IV. Klasse nach Gößnitz, Ponitz und Werdau-Nord sowie einen Ortsfernsprecher auf. Fast 470.000 Reisende gingen 1913 durch die Halle und nutzten die täglich 78 verkehrenden Züge. Zum Betreten der Bahnsteige gab es seit 1. Oktober 1895 eine Bahnsteigsperre als Zutrittskontrolle. Zur Aufnahme des elektrischen Zugbetriebes am 25. Mai 1963 und des zweigleisigen Betriebes von Leipzig nach Crimmitschau zu Beginn des Winterfahrplanes 1976 war diese Kontrolle Vergangenheit.

Natürlich gab es auch Veränderungen im Bereich der Empfangshalle. Von 1966 bis 1967 erfuhr die Halle eine Umgestaltung gemäß der DDR-Grundsätze und Möglichkeiten. Moderne Technik zog für die Schalterangestellten ab 1983 mit mikrorechnergesteuerten Schalterdruckern für die Fahrkartenausgabe ein. Ab 1986 konnten sich die Reisenden selbst per Dialogautomat eine Fahrkarte für ihr Ziel ausdrucken. Vom Deutschen Kaiserreich bis zur Abwicklung des Bahnhofs Crimmitschau nach der Wiedervereinigung arbeiteten ständig rund 50 Bedienstete für die Verwaltung und den Personenverkehr im Bahnhofsgebäude sowie mit kleinen Abweichungen 59 Beschäftigte im Güterverkehr.

Nach der Bahnreform 1994 waren viele Empfangsgebäude unrentabel und der Bahnhof erhielt ab 2011 die Bahnhofskategorie 6. Obwohl er somit die zweitniedrigste Kategorie besaß, hatte das Gebäude noch Glück. Rechtzeitig zum 150-jährigen Bestehen der Strecke Crimmitschau - Werdau - Zwickau im Jahr 1995 wurde die Außenhülle des Empfangsgebäudes saniert. Zur Jahreswende 2001/02 stand die noch vorhandene Bahnhofsuhr auf "Alles zu spät". Ab 21. Dezember gab es keine Fahrkarten mehr. Drei Tage später war der Fahrkartenautomat außer Betrieb. Am 8. Januar folgte die Schließung der Bahnhofshalle, kaum fiel auf, dass die Gaststätte schon lange geschlossen war. Bis 2006 entfernte die Deutsche Bahn AG (DB AG) alle Gegenstände, die bei der Bahn noch verwendet werden konnten, aus dem Gebäude. Das Bahn-Logo und die Uhr an der Westseite verschwanden ebenfalls. Nun folgte der nächste Schritt seitens der DB AG, der Verkauf des Empfangsgebäudes. Ein Investor kaufte das Gebäude in einem Paket mit anderen Immobilien. 2005 musste der Käufer Insolvenz anmelden. Die DB AG nahm das Gebäude zurück. Sie befragte die Kommune hinsichtlich eines Kaufinteresses, aber die Stadt lehnte ab. So schnürte die DB AG ein neues Immobilienpaket, eine Schweizer Unternehmensgruppe, griff zu, bot das Gebäude allerdings wenig später auf zwei Aktionen an. Telefonisch ersteigerte die Stadtverwaltung dann am 27. November 2012 das ehemalige Empfangsgebäude des Bahnhofs Crimmitschau zum Einstiegsangebot von 10.000 Euro. Die Stadt war jetzt am "schienengebundenen Eingang" der Stadt stark interessiert. Als Besitzer des Gebäudes war nun eine Sicherung des Gebäudes für die spätere Nutzung das Ziel. Positiv stellte sich heraus, dass sich das Bauwerk nach zehnjährigem Leerstand in einem guten Zustand befand und nur geringe Nässeschäden aufwies. Die Sicherungsarbeiten begannen 2015 im Dachbereich mit einem Wertumfang von 280.000 Euro. Für das Innenleben der Immobilie suchte die Stadt bisher vergebens nach einem privaten Investor, der vor das Wort "Bahnhof" die "Gesundheit" setzt. Bis zum heutigen Zeitpunkt entstanden keine Arztpraxen und Geschäfte aus dem medizinischen Bereich im Objekt. Nun versucht die Wirtschaftsförderung selbst eigene Ideen zur Diskussion zu stellen. Rund 1654 Quadratmeter stehen für diese Ideen zur Verfügung. Für den Investor, der diese Ideen verwirklichen soll, ist jedenfalls schon der Bahnhofsvorplatz für weitere rund 400.000 Euro umgestaltet. Zusätzliche Aufwendungen sind noch für den Denkmalschutz, wie für Fenster, Uhr und eventuell den in den 1930er-Jahren entfernten Quaderputz erforderlich. Ungestört davon rollt seit 2013 der S-Bahnverkehr ohne Empfangshalle.

Quelle: Chronik 2014 "Crimmitschau - Geschichte einer Stadt", Band 1

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...