Guten Einkauf!

In Werdau gab es nie ein Warenhaus. Dafür war die Stadt einfach zu klein. Nun hat ein Ehepaar eines geschaffen, und zwar das größte der Welt - en miniature!

Auf den ersten Blick wirken die Geschäftsstraßen im Zentrum von Werdau so wie die vieler anderer hiesiger Kleinstädte. Das gilt auch für die August-Bebel-Straße. Samstagnachmittag verirrt sich kaum ein Passant hieher, denn fast alle Läden sind dicht. Vielleicht ist auch alles zu, weil kaum Kunden kommen. Eine Ausnahme ist das Haus mit der Nummer 34. Ein Aufsteller und Schriftzüge auf beiden Schaufenstern verraten, dass es hier Spielzeugdampfmaschinen, Puppenstuben und eine Ausstellung gibt. Die meisten Besucher kommen aber, weil sie gehört haben, dass sich hier das größte Puppenkaufhaus der Welt befinden soll.

Sogar Reisebusse aus ganz Sachsen und anderen Bundesländern steuern deshalb den Laden an. Ungläubig schauen sich die Besucher dann um. "Wo soll denn hier ein Kaufhaus sein?" ist die Frage, die Berit Kalitzki am häufigsten zu hören bekommt. Sie sitzt meist im Schaufenster des Ladens, wo sie sich eine Hobbywerkstatt eingerichtet hat. Dann führt sie Interessenten in den hinteren Teil des Geschäfts, wo es vielen erst einmal die Sprache verschlägt. Hier steht es: das größte Puppenkaufhaus der Welt im Maßstab 1:12. Sage und schreibe 45 Verkaufsabteilungen und 36 Schaufenster - verteilt über vier Etagen - beherbergt das mit 11.000 Holzschindeln gedeckte Gebäude. Mehr als 300 Puppen kaufen hier ein - in schicken Kleidern, wie man sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts trug. Das Haus im Jugendstil besteht aus drei sternförmig angeordneten Gebäudeteilen von je 2,20 Meter Länge, die jeweils um 120 Grad versetzt sind und in einem prächtigen Treppenhaus münden. Dieses Atrium sei das Meisterwerk ihres Mannes, wie Berit Kalitzki sagt. Im Erdgeschoss des Treppenaufgangs gibt es sogar einen Zeitungsladen. "Er passt zwar nicht ganz in diese Zeit, ist aber unser Dankeschön an die ,Freie Presse', die den Bau des Puppenhauses fünf Jahre lang begleitet hat", erzählt die Hausherrin.

Die 47-Jährige verrät, dass sie und ihr Mann, der als Elektriker bei der Vogtlandbahn arbeitet, ihre ganze Freizeit dem Puppenhaus und dem Bau von Puppenstuben widmen. Auch auf Dampfmaschinen en miniature hat sich Frank Kalitzki spezialisiert. "Wir haben kein Haus, keinen Garten, kein Haustier, deshalb bleibt Zeit für so ein ausgefallenes und aufwändiges Hobby", sagt Frank Kalitzki, der den Laden und die Ausstellung im Nebenerwerb betreibt.

Begonnen hatte es damit, dass sich beide 2006 für die eigene Wohnung einen Weihnachtsmarkt im Puppenstubenformat bauten - mit vier Buden, alles im Stil der 1920er-Jahre. So wie andere jedes Jahr Pyramide und Co. aufstellen, hatte bei ihnen der Weihnachtsmarkt fortan einen festen Platz in der Stube. Dann nahmen die beiden ihren Weihnachtsmarkt mit auf eine Dampfmaschinenausstellung in den Harz, aus dem Frank Kalitzki stammt. Dort waren die Besucher so begeistert, dass er vorschlug: "Lass uns doch mal ein bisschen weiterbauen." Bis 2009 entstanden so zunächst an die 30 verschiedene Puppenhäuser im Maßstab 1:12. Viele davon waren liebevoll eingerichtete Läden, erzählt die gelernte Physiotherapeutin, die mit ihrem Mann damals noch im benachbarten Langenbernsdorf wohnte. Das Zubehör, das die beiden Bastler nicht selbst herstellen konnten, bezogen sie von der Firma Mini Mundus in Hessen. Das Unternehmen warb in einem Katalog damals damit, das größte Puppenkaufhaus der Welt im Maßstab 1:12 zu besitzen: mit 17 Verkaufsabteilungen. "Das war für uns die Herausforderung", erinnert sich Berit Kalitzki. Ihr Plan: 45 Läden unter einem Dach.

Das größte Problem sei der nötige Platz gewesen, sagt ihr Mann, der sich als Architekt, Bauleiter und Elektroinstallateur versteht. Die Läden einfach neben und übereinander anzuordnen, wäre nicht möglich gewesen. Außerdem sollte das Haus transportabel sein. Nicht zuletzt wegen der Kosten sei von Anfang an klar gewesen, dass es sich um ein Bauprojekt über Jahre handeln würde. Mit dem Wollladen, für den Berit Kalitzki 1324 Knäuel - jeder kaum größer als einen Zentimeter - per Hand aufgewickelt hat, wurde der Anfang gemacht. Es folgten ein Erzgebirgsladen mit Originalzubehör aus Seiffen, ein Glasgeschäft mit echt mundgeblasenen Teilen aus Lauscha und eine Abteilung mit allerlei Küchenzubehör.

Inzwischen gibt es ein Warenhaus von einem Ausmaß, wie es auch im Großformat deutschlandweit nirgends existiert. Vom Brautkleid bis zum Musikinstrument, vom Getöpferten bis hin zu Taschen, von Stoffen, über Bilder, Korbwaren, persische Teppiche, Blumen, Obst und Gemüse bis hin zu feinsten Spirituosen - im Werdauer Kaufhaus gibt es einfach alles. Und: Alles ist mit so viel Liebe zum Detail hergerichtet, dass man es gar nicht auf einen Blick erfassen kann.

Alle Wände sind tapeziert, sämtliche Fußböden mit Parketttapete ausgestattet. 150 Lampen mit 600 Glühbirnchen sorgen für Licht in den Räumen, die in Summe mit rund 25.000 Ausstattungsgegenständen bestückt wurden. Für ihre Fleischerei formte Berit Kalitzki die Rouladen zum Beispiel aus einer Knetmasse, die anschließend gebrannt wird. Sie ging damit zum benachbarten Fleischer und fragte ihn, ob die winzigen Teile als Rouladen erkennbar wären. Auf ein dickes Lob folgte Kritik, und zwar für den Blutwurstaufschnitt. Die Scheiben enthielten zu viele Fettstücke, monierte der Metzger. Die Geschäfte mit Lebensmitteln, darunter auch eine Bäckerei, die Torten anbietet, sowie ein Tante-Emma-Laden hätten die größte Mühe gemacht, erzählt Berit Kalitzki.

Dann zeigt sie auf einen Taschenladen: "So ein Geschäft wird nie fertig. Da bastle ich immer wieder neue Modelle - aus Leder, Stoff und auch Stroh." 70 liegen in den Miniregalen. Allein für den Picknickkorb hat sie fast acht Stunden gebraucht.

Die Werdauerin lässt sich bei der Arbeit mit winzigen Messern und Pinzetten oft von Besuchern über die Schultern schauen. Auch wie sie die Kleider für die Puppen stilecht zum Teil selbst näht, zeigt sie gern. Die mit winzigen Blümchen gemusterten Stoffe kauft sie auf einer Miniaturenmesse unweit von Bielefeld, die sie jedes Jahr mit ihrem Mann besucht. Messingornamente für Schmuck und Zierblenden bezieht sie wiederum aus Holland. Frank Kalitzki erzählt, dass seine Frau mit den Jahren immer akribischer würde. Bei einem Lilienstrauß für den Blumenladen habe sie nicht nur darauf geachtet, jeder Blüte sechs Blütenstempel einzusetzen, sondern deren Enden mussten auch noch braun bemalt werden - damit alles möglichst echt aussieht.

Sämtliche Läden haben sich die beiden Schöpfer selbst ausgedacht. Ein einziger hat ein reales Vorbild in Werdau: das "Meistereck"- ein Lokal nur einen Katzensprung von Kalitzkis Geschäft entfernt. Inzwischen bringen ihnen Kunden immer öfter auch eigene, teils ramponierte Puppenstuben, um sie sanieren zu lassen. Eine 65-Jährige, die als Kind nie ein Puppenhaus besaß, ließ sich sogar eins ganz nach ihren Vorstellungen bauen.

Dass es das weltgrößte Puppenkaufhaus nicht ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hat, haben die Erbauer inzwischen verwunden, die Begründung allerdings nicht: Das Haus stelle keine besondere Leistung dar, teilte die Hamburger Redaktion mit. Hunderte Einträge ins Gästebuch belegen das Gegenteil.

 

Das Puppenkaufhaus an der August-Bebel-Straße 34 in Werdau hat bis 28. Dezember täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, am 29. Dezember 10 bis 14 Uhr und an beiden Weihnachtsfeiertagen 13 bis 18 Uhr geöffnet.

www.kalitzki-s-puppenkaufhaus.de

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