Haus steht seit 274 Jahren im Zeichen der Gesundheit

Wie sich Crimmitschau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: "Löwen-Apotheke" (Folge 37)

Crimmitschau.

Die Ansicht auf der Postkarte zeigt die Häuser der Westseite des Marktes um 1908 mit der "Löwen-Apotheke", was selten ist. Den linken Bildrand nimmt der Rathausanbau von 1892 ein. Im Uhrzeigersinn folgt das um 1880 erbaute Haus Markt 3. Das vermutlich 1896 errichtete Wohn- und Geschäftsgebäude Markt 4 mit der Buchdruckerei Böttcher & Neumerkel sowie der Expedition des "Crimmitschauer Anzeiger und Tageblatt" folgt im Anschluss. Daneben befindet sich das Wohn- und Geschäftshaus Markt 5 - wahrscheinlich gebaut im Jahr 1883. Im Erdgeschoss des Gebäudes Markt 6 ist auf der linken Seite ein Zigarren- und Tabakgeschäft untergebracht und auf der rechten Seite die "Löwen-Apotheke". In die über den Geschäften befindlichen Wohnungen hatten sich wohlsituierte Familien eingemietet.

In der Mitte des Marktes steht der Monumentalbrunnen von 1876 mit der "Crimmitschavia". Abends wurden die Bronzefigur und der Markt vom Gaslicht der beiden vierflammigen Kandelaber beleuchtet. Die abgebildeten Bauwerke stehen seit 1993 auf der Denkmalliste des Landesamtes für Denkmalpflege.

Die erste Apotheke gab es 1655 am Markt 7, die "Apotheke zum Mohren", sowie 50 Jahre früher eine unprivilegierte Apotheke. Eine zweite privilegierte Apotheke wurde bereits 1719 in Unkenntnis der Sachlage von der Herrin auf Schloss Schweinsburg genehmigt. Ein Streit um dieses Privileg endete schließlich in einem Vergleich. Die "Apotheke zum Mohren" behielt daraufhin weitere 24 Jahre das Monopol.

Die noch heute bestehende "Löwen-Apotheke" errichtete ein Apotheker aus Gößnitz im Jahre 1744. Das Privileg erhielt er vom damaligen Herrn von Crimmitschau auf Schloss Schweinsburg. 1790 überahn ein Allrounder die Apotheke von seinem Vater. Es ist C. G. Illing, der nebenbei kurfürstlich sächsischer Postverwalter und Ratskämmerer war sowie vor der Zeit als Apotheker "E. Raths Bauherr".

Nach dessen Tod verkaufte die Witwe Illing die Apotheke an einen Apotheker aus Gera, der die Frau drei Wochen später heiratete. Er schaffte sich auch die Konkurrenz, die "Apotheke zum Mohren" mit einem Schriftwechsel mit dem kurfürstlich sächsischen Geheimen Finanzkollegium vom Hals. Bis 1874 besaß die "Löwen-Apotheke" das Monopol als einzige Crimmitschauer Apotheke. Auf Grund der stark ansteigenden Einwohnerzahl musste eine Personalkonzession für eine neue Apotheke ausgeschrieben werden. 1874 eröffnete die "Johannisapotheke". 1878 bekam die "Löwen-Apotheke" einen neuen Besitzer, einen Herrn Bosch. Beim Kauf des Gebäudes befand sich schon der liegende goldene Löwe über der Tür. Die Kinder von Bosch spielten damals aber noch mit dem früheren Wahrzeichen aus Holz, dem sitzenden goldenen Löwen, der den von der Schlange umwundenen Äskulapstab hielt. Eine weitere Besonderheit aus dieser Zeit war, dass ein Arztsprechzimmer auf der anderen Seite des Hausflures für alle Crimmitschauer Ärzte zur Verfügung stand. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

1889 kaufte der Apotheker, der die "Löwen-Apotheke" seit 1878 besaß, das nördlich angrenzende Grundstück mit einem kleinen Haus. Mit einem Neubau entstand das heutige Doppelgebäude Markt 6 und Silberstraße 10. Der Gründerzeithauskomplex ist geprägt durch die beiden Volutengiebel. Eine repräsentative Fassade lässt die beiden Hälften als eins erscheinen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügte am 22. Juni 1949 die Deutsche Wirtschaftskommission als zentrale deutsche Verwaltungsinstanz in der sowjetischen Besatzungszone die Enteignung der Apotheken. Der Besitzer durfte die Apotheke weiterbetreiben, obwohl seine Rechte erloschen waren. Bis zur Verstaatlichung war eine jährliche Betriebsabgabe an den Staat zu zahlen. Als zweite Apotheke der Stadt wurde sie 1961 verstaatlicht. Die Renovierung und Modernisierung erfolgten von 1964 bis 1965 für 95.000 Mark. In dieser Zeit leitete die Apotheke Herr Hofmann. Der Erlös aus dem Arzneimittelverkauf im Jahr 1965 betrug 675.000 Mark und stieg im Jahr 1967 auf 805.000 Mark.

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland änderten sich wiederum die Bedingungen für die Apotheken. Das Apotheken-Urteil vom 11. Juni 1958 musste auch in Crimmitschau angewendet werden. So erteilten die Behörden drei weiteren Apotheken die Betriebserlaubnis. Eine der zuerkannten Betriebserlaubnisse wurde zurückgegeben, die 1993 eröffnete Apotheke mit den Namen "Am Bahnhof" schloss Ende 2017 ihre Pforten. Die kurfürstlich sächsische "Löwen-Apotheke" überstand alle Gesellschaftsordnungen und kann 2019 ihr 275-jähriges Bestehen feiern.

Quelle: Chronik 2014 "Crimmitschau - Geschichte einer Stadt", Band 1

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