Im Reich der Eispiraten

Das Kunsteisstadion im Sahnpark in Crimmitschau ist eine traditionsreiche Sportstätte mit moderner Technik. Trotz der Hitze laufen die Vorbereitungen für die neue Saison auf Hochtouren. Besucher dürfen einen Blick in Katakomben, Technikräume und Sponsorenlounge werfen.

Crimmitschau.

Die Ausrüstung von Eishockeyspielern ist eine regelrechte Stinkbombe. Handschuhe und Brustpanzer sowie Schoner und Hosen saugen sich mit Schweiß voll. In der Kabine des Eishockey-Zweitligisten Eispiraten Crimmitschau wird das Riechorgan vor eine Belastungsprobe gestellt. Nur in der Sommerpause verschwindet der energiegeladen-muffige Geruch vorübergehend aus den Katakomben der traditionsreichen Sportstätte.

Die Türen der Eispiraten-Kabine öffnen sich normalerweise nur für Profis, Trainer und Teambetreuer. Am Sonntag wird bei der Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Unentdeckte Orte" eine Ausnahme gemacht. Dann dürfen auch Besucher einen Blick in die Kabine werfen. Sie ist exakt 53,76 Quadratmeter groß. An den Wänden befinden sich Fotos von packenden Zweikämpfen und siegreichen Partien.
Auf den harten Bänken sitzen - wenn alle Mann an Bord sind - zwei Torhüter und 20 Feldspieler. "Der Trainer legt vor dem Beginn einer Saison stets die Sitzordnung fest. Bei uns sitzen Verteidiger und Stürmer getrennt. Zudem ist eine Mischung zwischen jungen und erfahrenen Leuten wichtig", sagt Geschäftsführer Jörg Buschmann. Der 34-Jährige trägt seit Februar 2015 die Verantwortung für die Eispiraten Crimmitschau und damit für ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 2,5 Millionen Euro.


Kapitän André Schietzold und ein Teil seiner Teamkollegen zeigen den Gästen ihren Arbeitsplatz. In der Saison 2017/18 schafften es die Puckjäger aus Crimmitschau - zum ersten Mal nach zehn Jahren - wieder in die Play-offs der Deutschen Eishockey Liga 2 (DEL 2) und sorgten damit für eine riesige Euphorie bei den Tausenden Fans in Westsachsen und Ostthüringen.

Schietzold gehört zu den Eigengewächsen, zu denen Eishockey-Knirpse aus der Nachwuchsabteilung aufblicken. Der 31-Jährige, der in Werdau geboren wurde, hat mehr als 400 Profieinsätze für seinen Heimatclub absolviert. "Und in der Zeit habe ich mich auch an den Geruch in der Kabine gewöhnt", sag André Schietzold, der noch einen Vertrag bis zum Frühjahr 2021 besitzt und seine Karriere wahrscheinlich in Crimmitschau beenden wird.

Die Kabine ist zwischen Mitte August und Anfang April für die Eishockeyprofis quasi ein zweites Wohnzimmer. Sie treffen sich zweimal am Tag zum Training. Alleine in der Hauptrunde werden 52 Partien ausgetragen, danach beginnt der Kampf um den Meistertitel oder gegen den Abstieg. "Über so einen langen Zeitraum funktioniert das Zusammenleben auf engem Raum nur mit klaren Regeln", sagt André Schietzold, der als Kapitän auch für die Mannschaftskasse verantwortlich ist.

Sein Vater Klaus Schietzold ist als Mannschaftsbetreuer der gute Geist im Eispiraten-Quartier. Er wirft - in den Räumen direkt neben der Kabine - die Waschmaschinen an, schleift die Schlittschuhe und repariert die Ausrüstung. Das Equipment kostet 3000 Euro für einen Feldspieler und 6000 Euro für einen Torhüter. Viel Geld haben die Eispiraten Crimmitschau zuletzt auch in moderne Technik investiert. Aus mehreren Kameraperspektiven wird bei der schnellsten Mannschaftssportart der Welt das Geschehen auf dem Eis festgehalten. Trainer Kim Collins, der unter anderem schon in der Schweiz und in Italien hinter der Bande stand, kann die wichtigsten Szenen in Zeitlupe schon in den Drittelpausen auf einem Bildschirm in der Kabine zeigen. "Und bestimmt auch bald auf einem Tablet direkt auf der Mannschaftsbank", sagt Jörg Buschmann.


Der Zeitpunkt, um einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können, ist nicht nur aufgrund der Geruchssituation in den Katakomben günstig gewählt. Die Mitarbeiter des Kunsteisstadions schalten - trotz der Hitze in Sachsen - morgen wieder die Kühlmaschinen an. Danach fließen rund 9000 Liter Ammoniak in das Leitungssystem, das sich unter der Betonfläche befindet. Damit wird die Temperatur auf der Betonfläche auf den Gefrierpunkt heruntergekühlt. Dann wird mit einem Feuerwehrschlauch das Wasser aufgebracht. Die Eisschicht wächst an den nächsten Tagen auf eine Stärke von rund 3,5 Zentimetern. Zwischendurch kommen noch Spielfeldmarkierungen und Logos von Sponsoren auf das Eis.


"Das ist eine unglaublich spannende Zeit in unserem Stadion", sagt Uwe Müller, Leiter des Fachbereichs für Kultur-, Sport- und Freizeitstätten der Stadtverwaltung in Crimmitschau. Er verspricht, dass die Eismeister am Sonntag auch zahlreiche Details verraten - beispielsweise zum Maschinenraum und zur Zamboni-Eismaschine, die für den Feinschliff verantwortlich sind. Zudem wird unter anderem ein Blick ermöglicht in den Technikraum, wo der Ton geregelt und die Anzeigetafel mit Informationen gefüttert wird, sowie in die vor drei Jahren fertiggestellte Sponsorenlounge.

Spätestens am 15. August sollen die Eishockeycracks und Eisschnellläufer wieder auf dem glatten Untergrund trainieren können. Dann kehrt auch ganz schnell der energiegeladen-muffige Geruch in die Piraten-Kabine zurück.

Informationen zur Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte" finden Sie unter www.freiepresse.de/ueo2018


Das Stadion mitten im Sahnpark

Der Sahnpark ist mit einer Größe von rund 40 Hektar die größte Parkanlage in Crimmitschau. Der Park verfügt über ein 6,5 Kilometer langes Wegenetz. Hier befinden sich - neben dem Kunsteisstadion - noch weitere Freizeiteinrichtungen. Dazu gehören das 1869 eröffnete Sahnbad und das 1966 eingeweihte Tiergehege. Zudem gibt es einen Abenteuerspielplatz.

Mehr als 300 Mädchen und Jungen stehen in der Eishockey-Nachwuchsabteilung des ETC Crimmitschau auf dem Eis. Die Jüngsten sind gerade einmal drei Jahre alt. Im November und im Dezember findet ein mehrwöchiger Kurs unter dem Motto "Eislaufen lernen mit dem Eispiraten" statt. Zudem befinden sich Eislauf-Lernkurse für Erwachsene in Vorbereitung.

Die neue Saison für die Eispiraten Crimmitschau in der Deutschen Eishockey Liga 2 (DEL 2) beginnt Mitte September. Die Mannschaft aus Crimmitschau startet mit einem Auswärtsspiel in Heilbronn (14. September) und einem Heimspiel gegen Weißwasser (16. September). In der DEL 2 sind 14 Teams am Start.

Die Eispiraten-Verantwortlichen haben bisher zwei Torhüter, sechs Verteidiger und zehn Stürmer im Kader. Zu den Hoffnungsträgern gehört der ehemalige tschechische Nationalstürmer Tomáš Kubalík, der auch schon zwölfmal in der National Hockey League (NHL) gespielt hat.


Aus der Geschichte

1959 gab es eine Debatte zum Standort für ein neues Kunsteisstadion in Crimmitschau. Für einen Ausbau der damals genutzten Spielstätte unter der Autobahnbrücke verweigerte die Autobahnmeisterei eine Zustimmung. Der Umbau des Natureisstadions im Kinderbecken des Sahnbades ließ sich aufgrund des instabilen Baugrundes nicht realisieren. Deshalb wurde die "Eichwiese" im Sahnpark als Standort favorisiert. Die Maßnahme stand im Investitionsplan des damaligen Bezirkes Karl-Marx-Stadt unter der Objekt-Nummer 938/60.

1960 begannen die Arbeiten. Der erste Spatenstich war am 15. März 1960. Sportler und Anhänger trafen sich auf dem Marktplatz. Gemeinsam ging es in den Sahnpark, wo die Erdarbeiten anliefen. Die Wismut stellte Stahlrohre und Lichtmasten zur Verfügung. Die NVA half mit zwei Kettenraupen. Ab 1962 konnte die Eisfläche genutzt werden. Zunächst fehlten noch die Tribünen für die Zuschauer.

1964 wurde das Kunsteisstadion offiziell eröffnet - mit einem Eishockey-Länderspiel. Vor mehr als 4000 Zuschauern kassierte die DDR-Auswahl am 26. September 1964 eine 1:5-Niederlage gegen Schweden. Ostern 1965 folgte - vor rund 10.000 Besuchern - eine internationale Eislaufshow. Die Puckjäger konnten nicht lange auf höchstem Niveau im Kunsteisstadion spielen. Auf Beschluss der DDR-Regierung gab es Eishockey-Leistungssport ab 1970 nur noch in Berlin und Weißwasser.

1994 hat die Sportstätte endlich ein Dach erhalten. Zuvor machten auch Regen und Schnee den Sportlern zu schaffen. Zwölf Dachbinder, die eine Spannweite von 65 Metern haben und 400 Tonnen wiegen, wurden montiert. Die Kosten: 5,5 Millionen Mark. Am 14. Oktober 1994 konnten die ETC-Cracks erstmals unter einem Hallendach spielen. 4500 Fans feierten den 4:1-Sieg gegen Ravensburg. In der Folgezeit gab es weitere Investitionen: 2002 konnte eine Sitzplatz- tribüne montiert werden. 2010 folgte die Einweihung des neuen Mehrzweckgebäudes, in dem sich nun auch die Mannschaftskabine befindet. Seit 2015 gibt es eine Sponsorenlounge.


Hingucken, entdecken, staunen: So wird der Sonntag im Kunsteisstadion im Sahnpark in Crimmitschau

Hingucken, entdecken, staunen: So wird der Sonntag im Kunsteisstadion im Sahnpark in Crimmitschau

Termin/Ort: Das Kunsteisstadion im Sahnpark, Waldstraße 69 in Crimmitschau, öffnet am Sonntag, 5. August, von 10 bis 18 Uhr.

Programm: Besichtigung von Sponsorenlounge, Technikraum, Maschinenhaus, Eisbearbeitungsmaschine und Mannschaftskabine. Die Profis Dominic Walsh (10 bis 12 Uhr) und André Schietzold (14 bis 16Uhr)sind vor Ort.

Angebote: Erinnerungsfotos (mit Pressekarte kostenlos), Lesezelt (analog/digital), Ausstellung zur Stadiongeschichte, Kinderschminken.

Eintritt: Tickets vor Ort für Erwachsene zu 5, Kinder zu 2,50 Euro, mit Pressekarte je 1 Euro Rabatt - für Besucher ohne Pressekarte in gleicher Höhe nach Registrierung unter www.freiepresse.de/ueo2018.

Parken: Auf den Parkplätzen an der Waldstraße (oberhalb des Stadions) und an der Zeitzer Straße (im Kühgrund).

 

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