Kegeln bei Konzertmusik

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Restaurant "Kastanienbaum" (Folge 37)

Werdau.

Von den einst die Mühlenstraße prägenden Industriebauten ist heute kaum mehr etwas vorhanden. Die Straße bekam ihren Namen, weil sie zu den Mühlen am unteren Ende des Grünangers an der Grenze zu Langenhessen führte. Im unteren Drittel der Mühlenstraße zweigt links die Hermannstraße ab, die bereits nach wenigen Metern endet und rechts und links Wohnbebauung aufweist. Die Straße diente einst als Zufahrt zu den dortigen ehemaligen Fabrikanlagen.

In den beiden Eckgebäuden am Anfang der Hermannstraße siedelten sich kurz nach deren Erbauung Gewerbe an. Im Gebäude Nummer 1 gab es die Materialwarenhandlung von Friedrich Fröhlich, die 1892 vom Fleischermeister Oswald Frommelt übernommen wurde. Frommelt eröffnete im März 1893 in den Räumen ein Restaurant, welches er "Saxonia" nannte. Im Jahr 1901 fügte der neue Besitzer Max Johann Geyer dem Restaurant eine Frühstücksstube hinzu. Nach 1945 wurde die Bewirtschaftung als Gaststätte "Saxonia" weitergeführt, ehe sie 1960 der Werdauer Konsum übernahm. Die Gaststätte wurde komplett renoviert und ab 1979 als Wohngebiets- Gaststätte wiedereröffnet. Die Bewirtschaftung endete kurz nach der Wende. Nach langem Leerstand wurde das Gebäude saniert und ist wieder bewohnt. Im gegenüberliegenden Eckhaus Nr. war seit jeher eine Bäckerei ansässig. In den Räumlichkeiten richtete sich 1992 Meino Bayer das "Café Meino" mit Backwaren sowie einer Schank- und Speisewirtschaft ein. Nur wenige Schritte die Mühlenstraße abwärts eröffnete dann Meino Bayer im Mai 2015 die kleine Gaststätte "Zum Seemann" mit einem Biergarten im Innenhof und Wand- und Giebelgemälden.


Im linken unteren Straßenbereich, in dem die Mühlenstraße in die Nordstraße mündet, befanden sich noch bis vor kurzem die Reste des ehemaligen Werdauer Gaswerkes. Es wurde im Jahr 1857 vom Werdauer Verein für Gasbeleuchtung errichtet und diente anfänglich der Versorgung der Straßenbeleuchtung und Beleuchtung von Fabriken und Geschäften. In Privathaushalten hielt die Gasbeleuchtung erst später Einzug. Nach Verbesserungen des Gasgemisches und der Brenner wurde Gas auch für Gasherde in Haushalten interessant. Vor der erst kürzlich erneuerten Brücke über die Pleiße treffen die Nordstraße, die Mühlenstraße und die von rechts kommende Gabelsberger Straße zusammen. Nach der Brücke zweigt rechts die Turnhallenstraße ab. Halblinks führt die Straße Grünanger weiter in Richtung Langenhessen. Die Brücke über die Pleiße wurde erst im Jahr 1858 errichtet. Eine direkte Straßenverbindung nach Langenhessen gab es erst ab 1906, als der Grünanger mit der Langenhessener Dorfstraße verbunden wurde. Bis dahin endete der Grünanger als Sackgasse an der Grün- und Walkmühle. Über einen vom Grünanger links abzweigenden Feldweg, der hinter dem Haus mit der Nummer 9 hinunter zur Pleiße führte, gelangte man durch eine Furt zur anderen Seite zum weiterführenden Weg nach Langenhessen. Ein weiterer Feldweg oberhalb der Grünmühle führte ebenfalls in Richtung Langenhessen und weiter nach Norden.

Mit der Überquerung der Pleißenbrücke fällt der Blick des Betrachters auf ein großes dominantes Gebäude mit einem linksseitig angebauten Saal. Es ist das Haus Grünanger Nummer 4. In diesem Gebäude befand sich bis 1939 das Gasthaus "Gesellschaftshaus", welches eine überaus interessante jahrzehntelange Entwicklung mit den unterschiedlichsten Gasthausnamen hinter sich hat. Um 1800 war das Gebiet um den Grünanger nur spärlich bebaut. Zwei Bauerngüter, vereinzelte Gewerbetreibende und die Mühlen am Straßenende stellten die einzige Besiedelung dar. Im Jahr 1824 beantragte der ehemalige Tuchmacher Heinrich Groß die Schank-Concession für sein Haus am Grünen Anger. In der Folgezeit baute Groß einen kleinen Saal an und lud zum Tanz und Konzerten ein. Auf dem freien Gelände neben der Schankwirtschaft befand sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Gärtnerei. Im Jahr 1866 erwarb deren Besitzer Christian Gottlieb Dix die Schankwirtschaft und gab ihr den Namen "Restauration zur Gärtnerei". Ab 1875 wurde Heinrich Ferdinand Klopfer neuer Besitzer, erweiterte die Restauration, vergrößerte den Saalanbau und gab dem Restaurant den Namen "Zum Englischen Garten". Erst mit dem neuen Besitzer Oswald Vincenz erhielt das Restaurant 1906 den Namen "Gesellschaftshaus". Mitte 1939 wurde das "Gesellschaftshaus" geschlossen und von der sich nebenan im Gebäude Nr. 2 befindlichen Chemischen Fabrik Hugo Keilberg in Beschlag genommen. Die Firma Keilberg wurde später zum VEB Textilveredlung verstaatlicht und nach 1990 "abgewickelt". Das Gebäude dient nun saniert Wohnzwecken.

Zwischenzeitlich war von 1998 bis 2010 das kleine "Bistro Zanubia" eingerichtet. Heute ist das Gebäude weiterhin ein Wohnhaus. Das eigenwillige Eckgebäude Haus Nummer 6 an der Ecke zur Steinbachstraße gehörte zur Kunstwollfabrik Max Zacher, dessen Fabrikanlagen später durch den VEB Kfz-Werk "Ernst Grube" genutzt wurden. Nach Umbau und Sanierung ist das Gebäude heute auch ein Wohnhaus. Direkt gegenüber im Haus Nr. 11 befand sich einst eine weitere sehr dominante Restauration. Aus einer Fleischerei, die sich in dem damals relativ kleinen Häuschen befand, entwickelte sich ab 1826 zusätzlich eine einfache Schankwirtschaft. Das Umfeld am Pleißenwasser mit Wiesen und einem dichten Baumbewuchs, der vorwiegend aus Kastanien bestand, animierte den Besitzer Christian August Bär die Schankwirtschaft "Bei den Kastanienbäumen" zu nennen. Spätere Besitzer erweiterten die Schankwirtschaft, die nun kurz Restaurant "Kastanienbaum" hieß, mit einer Kegelbahn, mit einem Gartenhaus im angrenzenden Biergarten, mit dem Anbau einer Musikhalle und mit einem Konzertsaal. 1921 schloss das Lokal. Von 1947 bis 1952 wurde das Restaurant nochmals kurzzeitig betrieben. Danach übernahm Arno Groh das gesamte Gelände für seine Rohkonservenproduktion. Nach 1990 stand das Gebäude einige Jahre leer. Dann eröffnete 2002 das thailändische Restaurant "Rainbow", das aber nur bis 2004 Bestand hatte. Heute ist das Gebäude ein saniertes Wohnhaus.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben.

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