Kirchen, die Geschichte schrieben

30 Jahre Wende: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Darüber berichten wir in einer Serie. Heute: Erinnerungen an die Friedensgebete.

Zwickau.

Am 16. Oktober 1989 fand im Dom St. Marien in Zwickau der erste Friedensgebet statt. Genau 30 Jahre später ließen das Bündnis für Demokratie und Toleranz, der Verein "Alter Gasometer" und die Nicolai-Kirchgemeinde diese denkwürdige Veranstaltung am Mittwochabend noch einmal aufleben. Während damals mehr als 1000 Menschen in den Dom drängten, waren zum Gedenken nur 30 Personen. Damals wie heute war Pfarrer Thomas Storl für das Friedensgebet zuständig. Unmittelbar danach machte er sich mit den Teilnehmern auf den Weg zu drei weiteren Kirchen, die zu Wendezeiten Geschichte geschrieben haben.

Katharinenkirche: Am 6. November 1989 fand auch in der Katharinenkirche das erste Friedensgebet statt; gemeinsam mit der benachbarten katholischen St.-Nepomuk-Kirche. Bis zu 16.000 Menschen sollen sich danach rund um den Hauptmarkt versammelt haben, wie Jörg Banitz berichtete. Sie erzwangen den ersten Dialog mit dem damaligen Oberbürgermeister Heiner Fischer (SED). Ein Teilnehmer erinnert sich, wie er spontan durch einen Rathausmitarbeiter ins Gebäude gelassen wurde und sich plötzlich auf dem Balkon wiederfand. "Da habe ich eben ganz spontan eine Rede gehalten. Die war besser, als wenn ich sie aufgeschrieben hätte." Erstmals wurde hier auch die Forderung nach der deutschen Einheit erhoben.

Friedenskirche: Nicht zuletzt wegen ihrer unmittelbaren Nähe zur Kreisdienststelle des Staatssicherheitsdienstes war die Friedenskirche beim Aufbruch in Zwickau wichtig, aber auch gefährdet. Daher bildeten die Zwickauer am 6. November eine Menschenkette um das Stasi-Gebäude. "Die Aufregung war groß", sagte Martin Böttger. Die Demonstranten konnten nicht davon ausgehen, dass die Staatsmacht eine Demonstration direkt vor ihrer Nase duldete. Doch es blieb friedlich. "Wir riefen ständig: Keine Gewalt", sagte Pfarrer Christoph Grunow. Eine Frau machte deutlich, dass das in den 60er-Jahren errichtete Stasigebäude eigentlich auf Grund und Boden der Kirche steht. Wie der ans Ministerium für Staatssicherheit gelangt war, blieb am Mittwoch unklar. Christoph Grunow wusste noch, dass die Lessingstraße rund um die Stasizentrale gesperrt war. "Wir mussten daher auch kreativ sein." Immer wieder mussten die "Schlapphüte" Fahrzeuge der Kirche durchlassen, weil sie als Behindertentransport deklariert waren. Martin Böttger, später langjähriger Chef der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde: "Die Stasi versteckte damals Unterlagen in einem Bunker in Hartenstein. Sie hatte zwar das Areal geräumt, die Dokumente nebst großen schwarzen Hunden jedoch zurückgelassen." Heute sind die Unterlagen gesichert. Am 21. November 1989 folgten weitere Friedensgebete, an die sich Schweigemärsche mit Tausenden Zwickauern anschlossen. Sie führten Kerzen mit sich, forderten freie Wahlen und bekundeten "Wir sind ein Volk". Zudem forderten sie eine Änderung des Verfassungsparagrafen, in dem es um die DDR als souveräner Staat ging.

Moritzkirche: Vor der Moritzkirche erinnerten sich die Teilnehmer des Spazierganges auch an den 27.November 1989. "Wir sind damals nach dem Friedensgebet zum Hauptmarkt marschiert", sagte eine Teilnehmerin. Dort ergriffen mehrere Bürger spontan das Wort. Sie forderten die Auflösung der Kampfgruppen und die Entfernung der SED aus den Betrieben. Zum Thema Kampfgruppen steuerte Christian Otto Erinnerungen bei. Sein späterer Beigeordneter im Landratsamt, Karl Weiß, sollte damals die Truppe in Wilkau-Haßlau auflösen. "Die setzte dem Ansinnen allerdings erheblichen Widerstand entgegen."

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