Länger arbeiten für weniger Geld

Die IG Metall rüttelt in der aktuellen Tarifrunde der Textilindustrie Ost nach 30 Jahren an der Arbeitszeit. Auch bei Adient in Zwickau fordert die Gewerkschaft ein Ende der Ungerechtigkeit.

Zwickau/Chemnitz.

Heike Meyer vom Automobilzulieferer Adient in Zwickau fühlt sich ungerecht behandelt. "Wir arbeiten länger als die westdeutschen Kollegen und verdienen weniger", sagt die Sprecherin der IG-Metall-Vertrauensleute in dem Unternehmen. Mit ihrer Forderung, dass sich das ändern muss, steht Meyer nicht allein da.

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns drei Stunden klaut", riefen etwa 250 Textilmitarbeiter am Samstag vor Beginn des Auftakts zu den Tarifverhandlungen für die ostdeutsche Textil- und Bekleidungsindustrie in Chemnitz. Bei der aktuellen Tarifrunde fordert die IG Metall neben sechs Prozent mehr Geld auch die schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit von 40 auf 37 Stunden - und damit die Angleichung an die Arbeitszeitregelung in Westdeutschland. "Die Angleichung ist für uns eine Frage der Gerechtigkeit", sagte IG-Metall-Bezirksleiter Olivier Höbel.

Christoph Ulrich

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Bei Adient ist sie zudem ein großer Wunsch der rund 350 Mitarbeiter. Viele seien familiär stark beansprucht, erziehen Kinder oder kümmern sich zusätzlich um Eltern und Schwiegereltern, sagt Heike Meyer. Zudem sei die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren deutlich höher geworden. Runterfahren und Erholung dauerten länger. Der Betriebsrat achte sehr auf die Arbeitszeit, Sonderschichten samstags seien mittlerweile eher die Ausnahme. "Zudem schaut der Betriebsrat genau hin, ob Überstunden auch tatsächlich notwendig sind", so Meyer. Als Zulieferer von Volkswagen in Mosel würde sich eine Arbeitszeitverkürzung bei dem Sitzehersteller sogar noch deutlicher auf die Freizeit auswirken als beispielsweise bei Webereien oder Produzenten von Arbeitsbekleidung.

Durch die Lieferung "just in time", also zeitlich genau abgestimmt beziehungsweise gleichzeitig, ist die Produktion beider Firmen eng verbunden. Arbeitet das VW-Fahrzeugwerk beispielsweise an Brückentagen nicht, gibt es für Adient nichts zu liefern. Über ein sogenanntes Flexkonto können VW-Mitarbeiter angesammelte Überstunden etwa an solchen Tagen absetzen. Adient-Mitarbeiter hingegen müssen dann Urlaub nehmen. "Bei einer Arbeitszeitverkürzung auf 37 Stunden hätten wir sogar mehr Urlaub", sagt Heike Meyer.

Die Arbeitgeber lehnen die Forderungen ab. Sie haben bisher eine Lohnerhöhung von 1,5 Prozent in diesem Jahr und je ein Prozent mehr in den beiden Folgejahren angeboten. Für die IG Metall unakzeptabel: Denn das würde nicht einmal die Inflation ausgleichen. Und der Unterschied zu den alten Bundesländern würde damit noch größer.

Die Tarifentgelte in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie erhöhen sich nach dem Tarifkompromiss im Februar dieses Jahres in zwei Stufen um 4,9 Prozent. Ab August 2019 gibt es 2,6 Prozent mehr und ab September 2020 eine weitere Erhöhung von 2,3 Prozent. Für die Monate Februar bis Juli dieses Jahres wurde eine Einmalzahlung von 340 Euro vereinbart. Laut IG Metall verdient ein Facharbeiter im Westen jährlich durchschnittlich zwischen 754 Euro und 2300Euro mehr einer im Osten mit zudem längerer Arbeitszeit. Die Bedingungen in der Branche schrecken laut IG Metall auch Fachkräfte ab. Allein auf der Internetseite des Arbeitgeberverbandes VTI sind 106freie Stellen ausgewiesen, davon für Westsachsen 14.

Bei den Tarifverhandlungen am morgigen Mittwoch will der VTI ein neues Angebot vorlegen. Eine kürzere Arbeitszeit sei jedoch ein historischer Schritt. "Die Betriebe sind 30Jahre mit der 40-Stunden-Woche gut zurechtgekommen", sagte VTI-Chef Jenz Otto.

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