Lehrerin will Schulschwänzern Lust aufs Lernen machen

Ein Projekt in Zwickau kümmert sich um Kinder, für die der Unterricht eine große Hürde bedeutet. Ihr Pfund: eine Pädagogin mit Berufung.

Zwickau/Werdau.

Jana Künzel ist ein Mensch, der gern tief blickt. Vor neun Jahren sattelte die Rechtsanwaltsgehilfin um, studierte viereinhalb Jahre Lernbehindertenpädagogik, machte ihr Referendariat. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Lehrerin im Kinder- und Jugendprojekt "Start off" (Durchstarten). Sie kümmert sich um Schüler, denen die Lust am Lernen verloren gegangen ist. Die 39-Jährige versteht sich als Schatzsucherin und sagt, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist. Künzel ist von der Förderschule "Rudolf Weiß" abgeordnet worden, um hier zu unterrichten. Sie liebt die Arbeit: "Hier steht der Schüler im Mittelpunkt, nicht der Lehrplan."

1998 wurde das Projekt gegründet, das seit dem Vorjahr zur Professor-Dr.-Dietz-Stiftung gehört. In ihm kooperieren Stiftung, Bildungsagentur und Jugendamt. Mehr als 200 Schüler absolvierten es bisher. Die Erfolgsquote liegt zwischen 75 und 85 Prozent. Erfolg ist, wenn die Mädchen und Jungen in einen Klassenverband reintegriert werden können oder berufsvorbereitende Maßnahmen beginnen.

Wie Projektmitarbeiterin Antje Schmidt erklärt, stehen Schulabschluss und Beruf auf der Wunschliste der Teilnehmer. Erst danach kommen Geldverdienen und Familie. Allerdings hat sich die Klientel in den vergangenen Jahren geändert. Unter den zehn Teilnehmern sind kaum noch Schulverweigerer. Die meisten gehen durchaus in die Schule, sitzen die Zeit aber ab.

Ursachen dafür sind verschieden und oft komplex. "Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen", sagt Lehrerin Künzel. Kommt einer mit schlechten Noten nach Hause, kracht es. Und wenn es zu Hause kracht, schreibt man schlechte Noten. Manche fühlen sich in der Klasse ausgegrenzt, haben Konzentrationsstörungen, auch Defizite im Umgang mit Mitmenschen. Fast allen fehlt Grundlagenwissen. Jeder Zweite hat einen Migrationshintergrund. Heilpädagogin Schmidt: "Und viele stecken in der Pubertät." Unterrichtet werden die zehn- bis 16-jährigen Förder- und Oberschüler in Fünf-Mann-Klassen. Das ermöglicht Künzel, eine Beziehung aufzubauen - die Basis, um Lerninhalte zu vermitteln. "Manche fühlen sich schuldig an ihrer Situation, sind sie aber nicht", sagt sie.

Mittwochs ist Projekttag. Dabei geht es um soziale Gruppenarbeit und Erlebnispädagogik. Schmidt und ihre Kollegin trainieren an diesen Tagen schwerpunktmäßig Kompetenzen: Zuhören, wenn einer spricht, ein Nein akzeptieren. Sie organisieren interkulturelle Begegnungen, die Respekt voreinander einfordern. Die Teenager schauen sich Schnitzkunst aus aller Welt an und machen sich in Zwickaus Innenstadt auf die Suche nach Spuren der großen weiten Welt: von der italienischen Boutique bis zum griechischen Restaurant. Oft ist Team- arbeit gefragt. Sie haben mit einer Mutter aus Afghanistan gekocht und sich gegenseitig an der Kletterwand gesichert. Dank Sponsoren sind Ausflüge möglich. Und nicht nur das. Gesponserte Notebooks machen den Informatik- und Deutschunterricht interessanter.

Lehrerin Künzel geizt nicht mit Lob, wenn etwas klappt - und runzelt nicht die Stirn, wenn einer patzt. Lernen muss angstfrei sein, sagt sie und weiß, dass es in einer kleinen Klasse richtig anstrengend ist. "Da kann sich keiner verstecken."


Bußgelder für 460 Mädchen und Jungen wegen Schulschwänzerei

Im Kreis Zwickau wurden laut Sprecherin Ilona Schilk 2016 in 460 Fällen Bußgelder gegen Schulschwänzer verhängt. In den Jahren zuvor war diese Zahl noch niedriger ausgefallen: 371 Verfahren gab es 2012, 453 im Jahr 2013, 377 im Jahr 2014 und 420 im Jahr 2015. Der größte Anteil der Anzeigen (jährlich 50 bis 60 Prozent) kommt von den Berufsschulen.

Als Schwänzer gilt, wer mehrere Tage nicht zum Unterricht erscheint. Schulen sind angehalten, nach dem fünften Tag unentschuldigten Fehlens pro Schulhalbjahr eine Ordnungswidrigkeiten-Anzeige zu erstatten.

Nach dem Schulgesetz können Bußgelder bis zu 1250 Euro verhängt werden. Die Bußgeldstelle des Kreises hat das noch nicht ausgeschöpft, wohl aber für Erziehungsberechtigte und Schüler Bußgeldbescheide in Höhe von 500 Euro ausgestellt. Schüler haben die Möglichkeit, diese Strafe am Amtsgericht in Arbeitsleistung umzuwandeln. Die Stunden müssen innerhalb eines vom Gericht festgesetzten Zeitraums in einer sozialen Einrichtung abgeleistet werden. (upa)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...