Lohgerber und "leichte Mädchen"

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Schankwirtschaft "Dix" (Folge 61)

Werdau.

Noch immer als sehr schmaler Verbindungsweg führt der Mühlgraben vom Sternplatz zur heutigen Gabelsberger Straße. Ausschlaggebend für die Namensgebung dieses Weges war 1866 die beidseitige Bebauung des dortigen Mühlgrabens mit ehemals einfachsten kleinen Häuschen. Der Mühlgraben floss damals unmittelbar an dieser Gebäudefront entlang bis hinunter zur Pleiße. Ab 1911 begann die Verfüllung der Mühlgräben. Der oft mit Abwasser und Unrat der Anlieger belastete Mühlgraben führte einst sein Wasser von der Pleiße am Wehrplatz kommend, am Bergkellerweg entlang, über die heutige Straße Mühlgraben bis zur ehemaligen Angermühle. Dort mündete er schließlich wieder in die Pleiße.

Am Mühlgraben ließen sich Ende des 18. Jahrhunderts zu den bereits seit dem Mittelalter existierenden beiden Gerberhäusern weitere Handwerker und Gewerbetreibende nieder. Vor allem waren es Tuchmacher, Weber, Färber, Gerber und Schneider. Die Zugänge zu den direkt am Mühlgraben gelegenen Häusern erfolgten über breite hölzerne Stege, die mit kunstvoll verschweißten Stahlgeländern abgesichert waren. War in den Wohnhäusern zu wenig Platz vorhanden, wurden die Werk- und Produktionsstätten in die schmalen und verwinkelt angebauten Hintergebäude verlegt. Mit dem Bau neuer Häuser etablierten sich textile Kleinstproduktionen: Im Haus-Nr. 5 die Spinnerei/ Färberei Hermann Schuster; in der Nummer17 die Färberei Moritz Gerber, und in der Nummer 19 die Weberei Carl August Schmidt. Diese Kleinunternehmen wurden später in die Vigognespinnerei von Carl Scherff integriert. Scherff hatte zu dieser Zeit in den Gebäuden der ehemaligen Firma von Carl Schön, am Platz gegenüber des Gasthof`s "Pleißental", seine Produktionsstätte II eingerichtet (heute existiert hier ein Verbrauchermarkt). In den Folgejahren verschwanden dann Am Mühlgraben, vor allem bedingt durch die verstärkte Mechanisierung in der Textilfertigung, weitere kleine Produktionsstätten.

Die beiden aneinander gebauten Häuser Mühlgraben 2 und 4 gehörten zu den ältesten Gebäuden in der Stadt Werdau. Schon in alten Aufzeichnungen aus dem 15. Jahrhundert findet man Hinweise zu Lohgerbern "an der Pleiszenfurth Werdau, gelegen in derer niederen Vorstadt" (Lohgerberei ist eine spezielle Bearbeitung von Rindsleder zur Herstellung von derben Schuhsohlen, Stiefeln, Sätteln, Taschen, Gürtel). Als Anfang 1870 Caroline Dix neue Hausbesitzerin vom Mühlgraben- Nr. 4 wurde, ließ sie die Räume im Erdgeschoss zu einer einfachen Schankwirtschaft umbauen. Nachdem sie die Schankkonzession erhalten hatte, eröffnete sie Ende 1872 ihre "Dix'sche Schankwirtschaft". Sie betrieb diese aber nur bis 1876. Danach zog der Gerber Franz Moritz Lippold ein und führte das hier ehemals ansässige traditionelle Gewerbe bis Anfang des 20. Jahrhunderts fort. Frau Dix verzog zum Brühl und übernahm die dortige Schankwirtschaft, das spätere Restaurant "Meistereck". Die beiden Mühlgrabenhäuser 2 und 4 wurden dann nur noch für Wohnzwecke genutzt. Da an den Gebäuden in den Folgejahren kaum Reparaturen erfolgten, kam es dazu, dass beide Gebäude immer mehr verfielen. Dieser Zustand verschlimmerte sich nach 1990 immer weiter, sodass nur noch die Varianten Abbruch oder Sanierung übrig blieben.

1995 bekam die Werdauer Wohnungsbau Gesellschaft (GGV) die Häuser von der Stadt übereignet. Nach langem Für und Wider entschloss man sich, die Gebäude komplett abzubrechen und in nahezu gleicher historischer Bauform wieder zu errichten. Nach dem Abbruch 1997 begann der sofortige Neubau beider Häuser. Das Haus Nummer 2 konnte bereits 1998 und die Nummer 4 Ende 1999 eingeweiht und bezogen werden. Schon in der Bauphase war zu erkennen, dass die Stadt Werdau mit diesen "Neuen Gerberhäusern" wieder ein historisch wertvolles Kleinod zurückerhält. Das historische Ensemble mit seinen verwinkelt angebauten Hintergebäuden diente Malern wie Eduard Benseler, Erich Müglitz, Hans Dittes, Wolfgang Klotz, Albert Hoffmann, Bodewijn van Waes und anderen als gesuchtes Motiv einer in Werdau längst verschwundenen mittelalterlichen Baukunst. Das in den vergangenen Jahren aufwendig sanierte Haus 5 wurde bereits 1771 als Färberhaus gebaut. Dazu existierte im Hinterhaus eine kleine Spinnerei. Von etwa 1900 bis in die 1940er-Jahre hatte hier Otto Wenzel einen Grünwaren- und Kartoffelhandel. Friedrich Bimmler übernahm ab 1945 die Ladenräume und richtete einen Buch- und Papierhandel ein. Ab 1958 wurde die HO Werdau neue Besitzerin und eröffnete im Januar dieses Jahres die "Imbißhalle am Stern". Vor allem die Beschäftigten der umliegenden Textilwerke, aber auch Schulkinder waren gern gesehene Gäste, denn hier gab es damals schon Schoko-Milch-Getränke! Nachdem die Räumlichkeiten zu klein wurden, verlegte die HO ab 1960 ihre "Imbißstube" in die Leipziger Straße 31. Das Haus Nr. 5 wurde in den Folgejahren vor allem für Lagerzwecke genutzt. Nach einer ersten Sanierung belegte nach 1990 das Textilgeschäft Dagis Mode-Shop die Räume. 2015 bekam das Gebäude eine neue Eigentümerin. Das Haus wurde erneut stilgerecht umgebaut und nach Fertigstellung als Mode-Geschäftshaus weiterbetrieben. Im schmalen Haus Nummer 6 hatten Klara Langheinrich ihre Schneiderwerkstatt und Johann Reinl eine Tischlerei eingerichtet. Das Haus wurde bereits vor 1990 abgebrochen. Christian Teubert betrieb im Haus 7 eine Polsterfließwerkstatt. Noch besser dürfte das in diesem Haus zu DDR-Zeiten eingerichtete "Mach Mit Zentrum" in Erinnerung sein. Nach 1990 blieb das Gebäude lange Zeit leer stehend, ehe hier 2004 das Bistro "Asia Haus" eröffnete. Diesem folgte ab 2009 das indische Restaurant "Curry-House", das aber 2011 schon wieder geschlossen wurde.

Nun zu einer "besonderen" Einrichtung am Mühlgraben. Der Spinnmeister Ludwig Göldner betrieb in dem heute noch stehenden kleinen Häuschen Nr. 8 eine Spinnerei. Nach Aufgabe des Gewerbes bewohnten vor allem Textilarbeiter das Gebäude. Anfang 1920 wurde Lina Grunwald Besitzerin. Sie richtete die Räumlichkeiten so her, dass sie eine große Anzahl sogenannter "leichter Mädchen", die in Gastwirtschaften in der Bahnhofstraße tätig waren, beherbergen konnte. Außerdem betrieb sie einen illegalen Weinschank. Dieser wurde mehrfach kontrolliert und mit Auflagen versehen. Als das nicht fruchtete, erhielt Grunwald ab 1928 jegliches Gewerbeverbot ausgesprochen.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.


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